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Donnerstag, 21. Januar 2010Der Schwebebann
DER LAHME TAUSENDFÜSSLER DIE SCHWEBEBAHN HAT EINE ROSIGE STATT EINE ROSTIGE ZUKUNFT VERDIENT ENGELS-THEMA IM FEBRUAR: DER SCHWEBEBANN Rust never sleeps. Bis mindestens Ostern fahren die Wagen des berühmten Verkehrsmittels wegen nötig gewordenen Bauarbeiten am Gerüst nicht mehr. Hat jemand geschlafen? Oder verschlafen wir gerade die Zukunft der Bahn? Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. So dachte am 15. Dezember vergangenen Jahres wahrscheinlich mancher Fahrgast der Schwebebahn und schaute missmutig zu den Twintowers der Stadtwerke an der Bromberger Straße hoch. Bis Ostern noch ist der Betrieb des berühmtesten Nahverkehrsmittels eingestellt. Umfangreiche Sanierungsarbeiten an dem Gerüst der Fahrbahn würden diese Pause notwendig machen, teilte der Betreiber der Öffentlichkeit mit. Die so schnelle und überraschende Entscheidung sei notwendig geworden, weil beauftragte Gutachter zu dem Schluss gekommen waren, dass die Sicherheit der Fahrgäste nicht weiter zu gewährleisten sei. Die Notbremsung der WSW überraschte nicht nur die geplagten Fahrgäste, die auf Sonderbusse umsteigen mussten, sondern erregte bundesweit mediale Aufmerksamkeit. Wuppertal ohne Wahrzeichen, so oder ähnlich rauschte es durch den Blätterwald. Die heimische Lokalzeitung titelte sogar mit dem je nach Gusto verlockenden oder sexistischen Titel „Wuppertal oben ohne“. Es wurde versucht, Schuldige zu finden. Nachdem aber offenbar wurde, dass eine unglückliche Verkettung mehrerer Pleiten und Pannen zu der Schnellabschaltung geführt hatte, die Pause wirklich nur vorübergehender Natur ist und es den Verantwortlichen um die absolute Betriebssicherheit ging, legte sich die Aufregung. Auch hat der Mensch im Tal schon in der Vergangenheit lernen müssen, dass die Bahn nicht immer fährt. Schließlich liegt es in der Natur des Transportmittels, dass bei Störungen am Gleiskörper die Bahn keine Umleitung benutzen kann. Der eiserne Tausendfüßler, so wird die Konstruktion zuweilen umgangssprachlich genannt, ist schließlich keine Hydra. Auf der Internetseite der Stadtverwaltung zeigt eine Ampel am oberen rechten Bildrand, ob die Schwebebahn in Betrieb ist. Die Ampel ist seit Mitte Dezember rot. Die Zwangspause kann nun aber nicht nur genutzt werden, um ein paar Stahlstreben auszutauschen. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung der Schwebebahn und ihre Perspektiven nachzudenken. Kein anderes Verkehrsmittel kann so schnell, effektiv und ökologisch den Öffentlichen Nahverkehr auf der Magistrale im Tal bedienen. Der Elektroantrieb, den manche Umweltpolitiker und Autobauer nach dem Klimagipfel in Kopenhagen für die ferne Zukunft in Erwägung ziehen, in Wuppertal ist er seit 110 Jahren Standard. Die Technik ist zudem extrem raumsparend. Dies ist wegen der Tallage der Stadt mit ihren engen Straßen eine wichtige Eigenschaft. Durch den kreuzungsfreien Betrieb ist es im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln bislang zu verhältnismäßig wenigen Unfällen gekommen. So ist die Frage berechtigt, warum nicht in mehr Städten Schwebebahnen fahren. U-Bahnschächte sind viel teurer als Hochbahnen. Und nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs mag die Akzeptanz in der Bevölkerung für Alternativen zum Tunnelbau zu Babel hierzulande wachsen. Schwebebahnen müssen ja nicht zwingend mit Magnettechnik als Größenwahnprojekte konzipiert werden. Das Rad ist ja bereits erfunden. Manchmal müssen Jahrzehnte ins Land gehen, bevor eine Technologie wiederentdeckt wird. Inzwischen werden Zeppeline als Minensuchgeräte eingesetzt. OHNE SCHWEBEBAHN STÜNDE DIE STADT DA WIE BERLIN OHNE BRANDENBURGER TOR, LONDON OHNE BIG BEN ODER PARIS OHNE EIFFELTURM Die Schwebebahn ist wie der Zeppelin ein Produkt der vorletzten Jahrhundertwende. Jene Epoche mag irgendwann, wenn Archäologen sie katalogisieren, „Stahlzeit“ genannt werden. Die Schwebebahn imponiert wie der Eiffelturm durch ihre riesige und zugleich filigrane Konstruktion. Während der Eiffelturm eines der weltweit bekannten Wahrzeichen Europas geworden ist, fristet die Schwebebahn ein vergleichsweise stiefmütterliches Dasein. Für den Wuppertaler mag es zwar schon genug Rummel um seine Bahn geben. Sie gehört für ihn zur Stadt wie Häuser und Straßen. Fremde aber, die das erste Mal in ihrem Leben ins Tal kommen, sind erstaunt und beeindruckt. Es wäre gut für Wuppertal, wenn offensiver mit diesem Pfund geworben würde. Aber auch für die Bewohner der Stadt erfüllt das exotische Fortbewegungsmittel einen Zweck. Obwohl die Schwebebahn als eine Selbstverständlichkeit erscheint, ist sie doch identitätsstiftend. Ohne sie stünde die Stadt da wie Berlin ohne Brandenburger Tor, London ohne Big Ben oder eben Paris ohne Eiffelturm. So passte die Nachricht von der zeitweiligen Einstellung des Fahrbetriebs psychologisch auch gut zur verbreiteten Endzeitstimmung, hervorgerufen durch Bäder- und Theaterschließungspläne. Wenn an Ostern, zum christlichen Auferstehungsfest, die ersten Bahnen wieder fahren, wird zumindest diese Durststrecke überwunden sein. Jetzt schon stellt sich die Frage, wie der Öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden kann. Eine östliche Verlängerung der Trasse nach Heckinghausen wurde vor Jahrzehnten wegen zu geringer prognostizierter Fahrgastzahlen verworfen. Aber vielleicht muss ein solches Projekt in Zeiten von Energieknappheit und Klimawandel neu bewertet werden. Insgesamt ist der Stadt mit ihren chronisch verstopften Straßen ein attraktiver Öffentlicher Nahverkehr zu wünschen. Lutz debus
engels: Herr Stephan, ist die Schwebebahn reif fürs Museum? Holger Stephan: Nein, auf keinen Fall. Die Schwebebahn ist das Rückgrat unseres Nahverkehrs. Aber dieses Rückgrat plagt der Rost? An fünf Prozent des Gerüstes plagt uns der Rost. 95 Prozent haben wir bereits ausgetauscht. An fünf Abschnitten müssen wir noch arbeiten. Dort ist die Konstruktion über hundert Jahre alt. Warum überraschten Sie Ihre Fahrgäste mit der Ad hoc-Entscheidung der Stilllegung? Wir haben die Altkonstruktion immer im Auge behalten. Wir wussten, es gibt statische Mängel. Unsere Gutachter haben gesagt, dass wir, wenn wir auf der sicheren Seite sein wollen, nun 1.000 Bauteile innerhalb kurzer Zeit austauschen müssen. Bei Betrieb ging das nicht. Aber man muss um die Schwebebahn keine Angst haben? Die Reparatur lohnt sich noch? Natürlich. Den größten Teil des Gerüstes haben wir schon ausgetauscht, haben dabei schon sehr viel Geld investiert. Es geht quasi nur noch um den Endspurt. Warum haben Sie nicht gleich alles ausgetauscht? Es hat eine Reihe von außerplanmäßigen Verzögerungen gegeben: Denken Sie an das Schwebebahnunglück. Unternehmen, die für uns gebaut haben, sind pleite gegangen. Es hat eine Ausschreibung gegeben für das Sonderbauwerk Stütze 100, da gab es nur ein Angebot und das zu einem völlig überhöhten Preis. Wir mussten die Baumaßnahme daraufhin neu ausschreiben. Das alles hat zu Verzögerungen und damit zu der aktuellen Situation geführt. Eine Straßenbahnschiene zu reparieren ist wahrscheinlich einfacher? Sicherlich. Konstruktionsbedingt wird auch nicht geschraubt oder geschweißt, sondern genietet. Das kann nicht jeder, hat aber in Haltbarkeit und Fertigung Vorteile. Könnte die Schwebebahn nicht auch Modell sein für Nahverkehrssysteme in anderen Städten? Gucken Sie sich mal den Transrapid an. Es ist leichter, Schienen in den Boden zu legen, als sie in den Himmel zu hängen. Ich sehe nicht, dass ein ähnliches Verkehrssystem woanders in größerem Umfang gebaut wird. Das hängt auch mit den für die Stadt typischen topografischen Gegebenheiten zusammen. Die Strecke über der Wupper ist gleichzeitig Hauptverkehrsachse. Zur Person Holger Stephan (45) ist Leiter der Konzernkommunikation der Wuppertaler Stadtwerke. „PARIS, LONDON UND BERLIN SIND GUTE BEISPIELE“ HELMUT F. RUPPERT ÜBER DEN ÖFFENTLICHEN PERSONENNAHVERKEHR IM BERGISCHEN LAND engels: Herr Ruppert, die Schwebebahn fährt nicht. Ein Ärgernis? Helmut F. Ruppert: Ja, man hätte erwarten können, dass bei vorherigen Restaurierungsmaßnahmen zunächst die Teile ausgetauscht werden, bei denen die größten Probleme zu erwarten sind. Ist die Schwebebahn überhaupt ein ökonomisch sinnvolles Verkehrsmittel? Zu der Zeit, in der sie errichtet wurde, war die Schwebebahn ökonomisch sinnvoll. Damals waren die Materialkosten im Verhältnis zu den Arbeitskosten sehr viel höher. Das Gerüst der Schwebebahn wurde entsprechend konzipiert. Die in den letzten Jahren neu eingesetzten Träger sind massiver und mit weniger Personal in Stand zu halten als bei der historischen Bauweise. Aber im Vergleich zu dem U-Bahnbau in Köln und Düsseldorf ist der technische und finanzielle Aufwand bei einer Schwebebahn viel geringer. Warum kann sich dieses Verkehrsmittel nicht etablieren? Eine Hochbahn im innerstädtischen Raum wäre bei der Bevölkerung heute nicht mehr durchzusetzen. Die Strecke von Vohwinkel bis zur Wupper könnte heute keine Behörde mehr genehmigen. Wird im Bergischen Land der Öffentliche Personennahverkehr hinreichend gefördert? Die Betreiber würden gern ihre Angebote ausbauen. Durch die knappen Kassen der öffentlichen Zuwendungen sind ihnen aber die Hände gebunden. Es ist relativ schwierig hier im Bergischen Land, zusammenhängende Netze zu gestalten. Die Verbindungen zwischen Wuppertal, Remscheid und Solingen sind zwar relativ gut. Aber durch die Topografie der Region sind die Trassierung und eine Versorgung gerade des ländlichen Raumes aufwändig. Welche Wünsche hat der VCD? Wichtig wäre eine Verdichtung des Taktes bei Bahnen und Bussen. Der Öffentliche Nahverkehr wird immer dann von der Bevölkerung angenommen, wenn man ohne Fahrplan schnell von einem beliebigen Ort zum anderen kommt. Die U-Bahnen in Paris, London und Berlin sind da ein gutes Beispiel. Auch wäre die Umstellung von Dieselbussen auf Elektrobusse mit Oberleitung wünschenswert. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur Person Helmut F. Ruppert (67) vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) Regionalverband Bergisches Land e.V. ist Diplom-Ingenieur.
EXPRESS-IMPRESSIONEN DER SCHWEBEERSATZVERKEHR IST KEIN ERSATZ Zu Beginn der Umfrage hagelt es Kritik. „Unverschämt“, sagt der Mann, der an diesem Nachmittag an der Bushaltestelle am Elberfelder Hauptbahnhof steht. Wohin er unterwegs ist? Irrelevant. Von Belang scheint einzig die Tatsache, dass er seit Wochen nicht, wie gewohnt, in die Schwebebahn einsteigen kann. „Und das, obwohl die Stadtwerke das Übel viel früher hätten erkennen und den Betrieb einstellen können. „DIE DENKEN NICHT AN DIE KLEINEN LEUTE!“ Dann wäre der Ausfall nicht mitten in der geschäftigsten Zeit des Jahres gewesen. Wo es auch noch so kalt ist, wenn man an der offenen Haltestelle wartet!“ Über der Wupper seien die Wartebereiche immerhin überdacht, im Gegensatz zu den Straßen. „Aber das kümmert die nicht!“, beteiligt sich ein älterer Herr am Gespräch. „Die denken nicht an die kleinen Leute!“ Dabei hätten die am meisten zu leiden. Im Schwebebahn-Express sei man schlicht viel unflexibler und aufgrund der Verkehrlage – Ampeln, Staus, Straßenführung – wesentlich länger unterwegs als in Wuppertals Wahrzeichen. Am nächsten Morgen an der Haltestelle Vohwinkel ist die Laune der Wartenden nicht wesentlich besser. „Es ist einfach lästig“, sagt eine Frau. „Ich fahre ungern Bus und empfinde die Strecke bis zur Loher Brücke mit dem Schwebebahn-Express als große Belastung.“ Woran liegt es? „An dem Geruch. Unter anderem. Nicht nur, dass Busse einen üblen Eigengeruch haben. Neulich stand ich neben einer Frau, die anscheinend wochenlang nicht geduscht hat. Oder vor kurzem die Knoblauchfahne!“ Als der Bus abfährt – noch ist er nicht bis auf den letzten Platz besetzt – hält die Passagierin ihre große Umhängetasche fest an sich gepresst. Ist denn wirklich alles so schlimm? Immerhin – der öffentliche Nahverkehr scheint zu funktionieren, die Linien des Schwebebahn-Express sind auf die Auslastung der Schwebebahn angepasst, fahren alle fünf Minuten. „Doch“, gibt ein junger Vater zu. „Wir kommen ja von A nach B, auch wenn es umständlicher ist. Viele Menschen stört einfach, dass ihnen etwas Gewohntes weggenommen wird. Wenn auch nur für eine bestimmte Zeit.“ Was sagt das Ehepaar neben ihm dazu? „Natürlich ist es immer eine Frage der Gewichtung. Je nach Laune sehen wir nur, was uns stört. Was gut läuft – das nehmen wir als selbstverständlich hin.“ Schade eigentlich. TONIA SORRENTINO DES KAISERS NEUE SCHWEBEBAHN ERINNERUNGEN EINER ZEITZEUGIN Meine Urgroßmutter Maria war eine moderne junge Frau des angehenden 20. Jahrhunderts. Das bewies sie allein schon dadurch, dass sie von Düsseldorf in einen Vorort von Köln zog. Von Düsseldorf nach Köln, der Liebe wegen, das verstieß damals gegen die herrschenden Konventionen. Dort, in der damals verschlafenen Provinz, lebte sie mit meinem Urgroßvater, dem Schuhmachermeister Franz Asholt. Doch nicht genug der Widerspenstigkeit. Die junge Frau interessierte sich für Technik. Nur wenige 100 Meter von Ihrem Wohnort konstruierte Eugen Langen im benachbarten Deutz auf seinem Werksgelände ein hängendes Einschienenbahnsystem. Bereits 1824 hatte Henry Palmer eine Bahn entwickelt, bei der hängende Karren von Pferdegespannen gezogen wurden. Eugen Langen perfektionierte das System und entwickelte ein Antriebssystem für eine hängende und vor allem auspendelnde Einschienenbahn. Meine Uroma zeigte reges Interesse für die Probefahrten dieser Bahnen in Deutz. MEINE URGROSSMUTTER TAT SICH HERVOR ALS EINE GLÜHENDE VERFECHTERIN DES FORTSCHRITTS Kaum wurde gewahr, dass die Städte im Tal der Wupper dieses Transportsystem Schwebebahn für den Personennahverkehr realisieren wollen, erhob sich Gezeter. Die massive Bebauung des Wupperverlaufes rief Kritiker auf den Plan, und viele hielten das Unterfangen schlicht für wahnwitzig. Auch in der Schuhmacherwerkstatt meiner Urgroßeltern war die Bahn, die unter den Schienen hängen sollte, ein großes Thema, und meine Urgroßmutter tat sich hervor als eine glühende Verfechterin des Fortschritts. Diese Bahn sollte von Deutschland aus in ganz Europa Einzug halten bis hin in die Kolonien, dessen war sich meine Uroma sicher. Als es dann hieß, der Kaiser komme am 24. Oktober 1900 nach Vohwinkel, Barmen und Elberfeld, um mit dieser Schwebebahn eine Fahrt zu unternehmen, gab es kein Halten mehr. Uroma Maria reiste nach Elberfeld, um diesem historischen Moment beizuwohnen. Noch in den 1970er Jahren erzählte die inzwischen hochbetagte Frau ihren Enkeln und Urenkeln von jenem bedeutenden Tag. „Wir alle jubelten und winkten dem Kaiser am Döppersberg zu, als er über uns hinwegschwebte.“ Nach dem 24.10.1900 hat jeder die Schwebebahn schon immer gewollt, schloss sie stets ihre Erzählung. CHRIS GRÜNWALD Donnerstag, 17. Dezember 2009Wuppertal geht badenDIE DREIGROSCHEN-WASSEROPER DAS BÄDERSTERBEN WIRD ALS ALTERNATIVLOS DARGESTELLT ENGELS-THEMA IM Januar: WUPPERTAL GEHT BADEN Mit der in Aussicht gestellten Bäderschließung wird die Stadt trocken gelegt. Schwimmen war gestern, Sparen ist heute. Doch was bedeutet solch eine Haushaltssicherung für die Menschen hier?
Ob Oper oder Wasseroper, die Dramaturgie der großen Erzählungen von großen Projekten im Tal ähnelt sich: Alle Verantwortlichen und Repräsentanten der Stadt sind stolz auf ein großes verfallenes Haus. Es wird unter Zuhilfenahme der letzten Spargroschen und der letzten noch gewährten Kredite aufwändig saniert. Und während es feierlich eingeweiht wird, offenbart sich, dass die kleinen Häuser drum herum in einem ähnlich desolaten Zustand sind, für deren Reparatur allerdings kein Geld mehr vorhanden ist und sie deshalb wegen akuter Einsturzgefahr geschlossen werden. Früher nannte man solch ein Handeln „Großmannssucht“. Tatsächlich sind viele Politiker – nicht nur in Wuppertal – geneigt, sich mit aufwändigen Bauprojekten ein Denkmal zu setzten. Und viele Politiker versäumen es gerne, die weniger öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen wie regelmäßige Renovierungs- und Wartungsarbeiten, in Auftrag zu geben. So überraschte die Streichliste, die Oberbürgermeister Peter Jung Ende November der Öffentlichkeit präsentierte, nicht wirklich. Kein Jahr, nachdem das Opernhaus feierlich wiedereröffnet wurde, wird bekannt, dass das Schauspiel keine Zukunft mehr hat. Und einen Monat, bevor die zugegebenermaßen zentrale und repräsentative Schwimmoper wiedereröffnet wird, erfährt der Rat der Stadt von dem Aus für die kleineren Badeanstalten der Stadt. Von den selbstgeschaffenen Sachzwängen getrieben stellt sich die Verwaltungsvorlage zum Haushaltssicherungskonzept als alternativlos dar. Sparen wird zur Maxime des Handelns. HARTZ-IV EMPFANGENDE FAMILIEN SIND ZWISCHEN PALMENSTRAND UND PIRATENSCHIFF SELTEN ANZUTREFFEN Alternativlos sind die Vorschläge der Verwaltungsspitze natürlich nicht, sondern sie offenbaren eine knallharte politische Linie. Die Zuschüsse zur Oper sind weit höher als zum Schauspiel. Und gemessen an den Geldern, die zum Wiederaufbau des Opernhauses verwendet wurden, erscheinen die Zuschüsse für die öffentlichen Bäder als Peanuts. Im Schnitt ergibt sich in Wuppertal ein Zuschussbedarf pro Besucher von gut 8 Euro für die Hallenbäder, knapp 12 Euro für die Freibäder. Solch eine Bezuschussung würde für jede Oper im Lande das sofortige Aus bedeuten. Dabei geht es nicht darum, die verschiedenen Empfänger städtischer Gelder gegeneinander auszuspielen. Aber es muss klar benannt werden, welcher Teil der Bevölkerung bei den in Aussicht gestellten Sparplänen die Hauptlast zu tragen hat. Von der Schließung der Bäder in Vohwinkel und Ronsdorf sind vor allem Menschen betroffen, die sich nicht schnell ins eigene Auto setzen können, also Kinder, Ältere und Ärmere. Reichere können in die Schwimmoper fahren oder gar in ein Spaßbad wie die „Waterworld Bergische Sonne“. Allerdings kostet dort das Badevergnügen pro Person mindestens 10 Euro. Kinderreiche Hartz-IV empfangende Familien sind zwischen Palmenstrand und Piratenschiff selten anzutreffen. Die Privatisierung ursprünglich öffentlicher Aufgaben, die vor der Finanzkrise bei den Kommunen hoch im Kurs stand, rächt sich. Abgesehen davon, dass die privat betriebenen Spaßbäder dazu führen, dass viele Kinder nicht mehr richtig schwimmen lernen, zeigt sich, dass viele Betreiber trotz gepfefferter Preise ökonomisch mit dem Rücken zur Wand stehen. Im November musste die Bergische Sonne für einige Tage schließen, weil die GmbH ihre Strom-, Gas und Wasserrechnung bei den Wuppertaler Stadtwerken nicht rechtzeitig bezahlen konnte. „Ein Kommunikationsproblem“, so nannte die Geschäftsführung des Freizeitbades die kurze Unterbrechung des laufenden Betriebes. Insider hingegen geben dem Spaßbad höchstens noch ein Jahr. Demzufolge wären die Betonbienenwaben eher Ruine als die städtischen Bäder im Westen. Die Stadt droht, zu verlanden. Und zu verfetten, zu verkalken und zu erstarren. Schwimmen ist gesund. Dies erkannten in der jungen Bundesrepublik die Politiker und ließen flächendeckend Badeanstalten errichten. Ein viereckiges Becken in jedem Stadtteil, so wussten damals schon die Verantwortlichen, ist letztlich günstiger als eine kranke Bevölkerung. Aber seit sich der Staat immer mehr zurückzieht, gibt es auch keine neuen öffentlich geförderten Bäder. Und die Alten leiden an Altersschwäche. Der für den Sport zuständige Beigeordnete Matthias Nocke bezeichnet den Zustand der Technik in vielen Freibädern als „abgängig“. Die Filter- und Pumpenanlagen sind veraltet. „Das muss man sich vorstellen wie in den alten Seekriegsfilmen, in denen der ölverschmierte Maschinist unter Deck mit dem Ölkännchen rumläuft und mit alten Nylons die Transmissionriemen ersetzt“, erklärt Nocke die Situation äußerst plastisch. Was also ist zu tun? Gerade veraltete Technik lädt dazu ein, völlig Neues zu probieren. Statt immer nur zu streichen und zu schließen, müssten die Verantwortlichen der Stadt neue Konzepte entwickeln. Im hochverschuldeten Gelsenkirchen kauften sich kürzlich die Stadtwerke Anteile von Deutschlands größter Turnhalle namens Schalke-Arena. Warum also sollten nicht die WSV die Bäder erwerben und sie ökologisch aufrüsten? Pläneschmieder hierfür gäbe es genug: Wuppertal-Institut, Energieagentur, Bergische Uni und Barmer Ersatzkasse – bitte übernehmen Sie! Lutz debus „BADEUNFÄLLE NEHMEN ZU“ KURT REISWIG ÜBER DIE BÄDERSCHLIESSUNG AUS SICHT DER DLRG
engels: Herr Reiswig, was für Auswirkungen hat die geplante Bäderschließung für die DLRG? Kurt Reiswig: In Vohwinkel und Ronsdorf werden die Hallenbäder von jeweils einer DLRG-Gruppe benutzt. Wir bilden dort bis zum Rettungsschwimmer aus. Wenn wir in den anderen Bädern nicht mehr Wasserzeit bekommen, hat dies eine deutliche Verringerung unseres Angebotes zur Folge. Eine andere große DLRG-Gruppe nutzt das Polizeischwimmbad. Dort droht in einigen Jahren ebenfalls die Schließung. Wenn zwei städtische Bäder und ein Bad des Landes dicht machen, kann die DLRG in Wuppertal bis zu 1.000 Mitglieder verlieren. Sie bilden nur Lebensretter aus? Nein, eine weitere wichtige Aufgabe ist die Schwimmausbildung von Kindern. Warum ist das wichtig? Wuppertal liegt nicht am Meer. Die Bevertalsperre ist ein hervorragendes Freizeitgewässer. Und durch die Mobilität vieler Eltern kommen Kinder schon aus Wuppertal hinaus und auch mit großen Gewässern in Berührung. Und wenn man dann nicht schwimmen kann, bekommen Sie als Lebensretter Arbeit. Nicht nur wir. Wasserunfälle enden oft mit schweren Folgen, wenn wir nicht rechtzeitig zur Stelle sind, nicht selten auch tödlich. Hat die Anzahl der Badeunfälle in Deutschland zugenommen? Ja, besonders in der Altersgruppe der Unter-10Jährigen und der Menschen über 60. Welche Ursache hat dieser Anstieg bei Kindern? In den letzten Jahren wurden bundesweit zahlreiche Hallenbäder geschlossen. Viele dieser Hallenbäder sind in private Trägerschaft überführt worden und zu Spaßbädern umgebaut worden. Hier ist Schwimmausbildung nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht mehr möglich. Und durch die Schließung von Bädern weichen die Menschen im Sommer auch auf unbeaufsichtigte Gewässer aus. Auch an der Bevertalsperre nehmen die Badeunfälle zu. Bislang ist es erst zu einem tödlichen Unfall gekommen. Gibt es denn noch Hoffnung für die Bäder in Wuppertal? Wenn die verschuldeten Städte in den alten Bundesländern nicht mehr die Solidaritätsabgabe Richtung Osten zahlen müssten oder von den Altschulden befreit würden, wäre für den Erhalt der Schwimmbäder genug Geld da. Zur Person Kurt Reiswig (61) ist Bezirksleiter der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) des Bezirks Wuppertal. „ÜBERGEWICHT KOSTET 20 MILLIARDEN EURO“ GABRIELE MAHNERT ÜBER DIE POSITION DER GRÜNEN ZU DEN PLÄNEN DER VERWALTUNG engels: Frau Mahnert, gehen die Grünen gerne baden? Gabriele Mahnert: Sie gehen in der Regel gern schwimmen. Das macht Spaß und ist gesund. In Wuppertal wird es schwieriger werden, dafür die entsprechende Anstalt zu finden. Nicht nur für die Grünen, sondern für die gesamte Bevölkerung. Besonders Kinder und Jugendliche sind von den Schließungsplänen betroffen. In Vohwinkel gibt es 12 Schulen, in Ronsdorf sechs. Wenn es im Westen kein Schwimmbad mehr gibt, dann müssen die Kinder mit Bussen in andere Stadtteile gebracht werden. Als das Bad in Ronsdorf wegen Sanierungsarbeiten vorübergehend geschlossen wurde und die Kinder ins Schwimmleistungszentrum gebracht werden mussten, blieben für den Schwimmunterricht nur noch fünf bis zehn Minuten. Wie wollen die Grünen das verhindern? Die Grünen in NRW haben vor Jahren bereits eine Sportstättenförderung zur Diskussion gestellt. Das Problem gibt es ja auch in anderen Kommunen und bezieht sich auch auf Turnhallen und Sportplätze. Mit welchen Folgen rechnen Sie, wenn der Schwimmunterricht ausfällt? Im Herbst vergangenen Jahres musste die Landesregierung zugeben, dass in NRW jede zweite Sportstunde ausfällt. Bis zu 80 Prozent aller Schülerinnen und Schüler leiden unter Haltungsschäden und bis zu 30 Prozent sind übergewichtig. Es geht aber nicht nur um junge Menschen, sondern auch um ältere. Schwimmen erhält die Gesundheit und ist zudem eine relativ preiswerte Sportart. Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist der Erhalt eines Schwimmbades günstiger als die Behandlung der durch Bewegungsmangel verursachten Krankheiten. Allein Übergewicht in Deutschland kostet 10 bis 20 Milliarden Euro jährlich. Was ist falsch gemacht worden, dass jetzt dieses Bädersterben droht? Wuppertal hat noch überdurchschnittlich viel Schwimmfläche. Aber es fehlt eine Bäderplanung für das gesamte Stadtgebiet. Vor Jahren hätte man noch die Gelder gehabt, die Schwimmstätten im Osten und im Westen zu erhalten, um eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur Person Gabriele Mahnert (48) ist Stadtverordnete der Grünen und Mitglied im Sportausschuss des Rates. ABSCHIED AUF RATEN DIE MENSCHEN IN VOHWINKEL WOLLEN IHR HALLENBAD BEHALTEN
ABSCHIED AUF RATEN DIE MENSCHEN IN VOHWINKEL WOLLEN IHR HALLENBAD BEHALTEN Morgen kann er nicht ins Schwimmbad. „Am Sonntag, den 6.12.09, bleibt das Bad wegen Personalmangels geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis“, lautet ein handgeschriebener Zettel an der Eingangstür, direkt neben dem lustigen Fisch mit der Sonnenbrille, den seine Enkelin so mag. „Hier habe ich ihr schwimmen beigebracht“, erzählt der Vohwinkeler. Seitdem nimmt der ältere Herr das kleine Mädchen manchmal mit, wenn er seine Bahnen zieht. Er selbst habe Schwimmen damals auch im Stadtteil gelernt, als Kind, mit fünf Jahren müsse das gewesen sein, das weiß er noch, im Sommer, im Freibad, Nichtschwimmerbecken. „Die ersten unsicheren Züge, noch unkoordiniert hechelnd. Stolz wie Oskar war ich damals.“ Nach der Freibadsaison ging es im Hallenbad weiter. „Schwimmen, das war von Anfang an mein Ding.“ Es bereite ihm Freude, damit bleibe er fit. Um Wettkampfambitionen ging es nie, „jetzt im Alter sowieso nicht“. WENN DAS BAD SCHLIESST, GEHT EIN STÜCK FAMILIE VERLOREN Das verhaltene Lächeln verschwindet von seinem Gesicht. Wie soll es weitergehen? Die Frage lässt viele Vohwinkeler nicht mehr los. Ihre Hoffnung ruht auf einer Unterschriftenliste. Ein dicker Block, Din A4, liegt auf dem Drehkreuz direkt am Kasseneingang, ein weiterer ist schon voll. „Wir müssen unser Möglichstes tun. Die Schließung trifft alle Schwimmer hart. Jeder hat seine Geschichte. Wussten Sie, dass allein sechs bis elf Schulklassen an jedem Wochentag hier schwimmen?“ Eine Alleinerziehende bringt sich ein. „Ich komme mit meiner Tochter immer zu Fuß hier hin.“ Auch ihre Tante sei regelmäßiger Gast, schon immer. „Was ist die Alternative? Fahrten in ein anderes Hallenbad können wir uns zeitlich und finanziell nicht erlauben“, klagt die Mutter. In ihrer Stimme schwingt Panik mit. „Wenn das Bad schließt, geht ein Stück Familie verloren.“ Der Mann indes hängt seinen eigenen Gedanken nach, betrachtet das Schild, das ihm am Nikolaustag den Eintritt in sein geliebtes Bad vereitelt. „Wie ein Abschied auf Raten“, murmelt er. Am Dienstag kann er wieder frühmorgens seine Bahnen ziehen. Aber es ist nicht mehr dasselbe. TONIA SORRENTINO WELTMEISTERLICH LEISTUNGSSCHWIMMER SIND IM TAL ZU HAUSE Nach dem Seepferdchen sollte noch längst nicht Schluss sein. Beim SV Bayer Wuppertal als führende Sportadresse in der Stadt gibt es 15 Abteilungen von Basketball bis Volleyball – doch ausgerechnet die Schwimmer sind mit zwei Bundesliga-Teams der Damen und Herren unbestritten die erfolgreichste Sparte. „Dies ist eindeutig unser Aushängeschild im Bereich Leistungssport“, sagt Oliver Nitschke, auf der Geschäftsstelle im Bayer-Sportpark am Sonnborner Ufer zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Ob eine Olympiateilnehmerin wie Sarah Poewe oder ein vielleicht künftiger Olympia-Kandidat wie die 17 Jahre alte Nachwuchshoffnung Christian von Lehm – von den Grundschulkindern an ist bei den Kursen ein klares Ziel erkennbar: „Frühzeitig Talente fördern und an die Spitze zu bringen“, ergänzt Nitschke. Während die Leistungskader im modernen Schwimm-Leistungszentrum Küllenhahn ihre Bahnen ziehen, sollen die Anfänger- und Breitensportgruppen bald in die Schwimmoper zurückkehren. Das architektonisch auffällige und denkmalgeschützte Bad wurde bis Jahresende 2009 mit Millionenaufwand renoviert und ist als Austragungsort für die Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften im November 2010 fest eingeplant. SENIOREN-KRAUL-WELTMEISTER JOCHEN BRUHA HÄLT SEIT MEHREREN JAHREN EIN DUTZEND REKORDE Auch der ASV Wuppertal hat im Bereich Schwimmen einen klingenden Namen, die Abteilung kann in Geschäftsführer Jochen Bruha sogar einen Senioren-Kraul-Weltmeister vorweisen. Außerdem hält der 40Jährige immer noch seit mehreren Jahren ein Dutzend Vereinsrekorde. „Vom Kleinkinderangebot über die Jugend-Wettkämpfe bis hoch zu den Masters für ehemalige Leitungsschwimmer sind wir breit aufgestellt. Durch unsere Kursvielfalt erfüllen wir nicht zuletzt auch einen breitensportlichen Auftrag“, betont Harald Graf, sportlicher Leiter vom ASV-Gesamtverein. Diese Absicht verfolgen auch viele andere Vereine unterhalb der Schwebebahn. So teilen sich der TSV Wuppertal 1887, der ATV Wuppertal 1860 aus Elberfeld und der TV Uellendahl jeden Mittwoch von 18 bis 21 Uhr für ihre Mitglieder das Schwimmbad Roettgen. FRANK-MICHAEL RALL Donnerstag, 10. Dezember 2009Interview mit Christian von Treskow, Intendant der Wuppertaler Bühnen
engels: Herr von Treskow, wie überraschend kam das Haushaltssicherungskonzept mit den radikalen Einsparungen beim Schauspielhaus für Sie?
Christian von Treskow: Genau so überraschend wie für alle anderen auch. Es wurde sofort eine außerordentliche Betriebsversammlung einberufen und die gesamte Belegschaft unterrichtet. Ausführlich haben wir die Lage erörtert, um so zu versuchen, etwas zu beruhigen und die Angst zu nehmen. Wie war die Reaktion der Mitarbeiter? Zunächst reagierten alle fassungslos. Die Empörung kam später. Allerdings wurde ziemlich schnell beraten, wie mit dieser Nachricht umzugehen ist. Es bringt nichts, mit dem Finger auf einzelne Leute zu zeigen. Die Ursache für die massiven Kürzungen ist nicht nur in der Stadt zu suchen. In Wuppertal, wie anderswo, wurde seit Jahren ausgebadet, was der Bund verursacht. Die Kommunen wurden in den letzten Jahrzehnten ausgeblutet. Was würde der im Haushaltssicherungskonzept beschriebene Konsolidierungsansatz bedeuten? Es ist eine bedauerliche Situation, dass uns von der Stadt anscheinend nicht geholfen werden kann. Doch es steht uns schlecht zu Gesicht, nun das große Katzengejammer anzufangen. Von den Sparmaßnahmen sind nicht wir allein betroffen, das Kulturbüro, Bibliotheken und viele andere wichtige Einrichtungen genauso. Und: Noch ist die Vorlage ein Konzept. Zunächst. Noch ist alles im Konjunktiv. Und wenn der Rat im kommenden Sommer dem Konzept zustimmt? Das Programm, das wir dann anbieten können, hat mit „Repertoire“ nichts mehr zu tun. Zunächst muss aber eine Unschärfe geklärt werden: Das Haus ist nicht gleichbedeutend mit dem Betrieb. Das Schauspielhaus ist seit Januar 2009 geschlossen, das ist nichts Neues. Dort haben wir eine Kleine Spielstätte eingerichtet, provisorisch im Foyer, die 2012 geschlossen werden sollte. Denn dann sollte ja umfangreich saniert werden. Nun werden die Baumaßnahmen nicht stattfinden. Also brauchen wir ein neues Konzept. Das müssen wir zusammen mit der Stadt entwickeln. Denn alles ist besser als Leerstand. Die Nicht-Durchführung der Sanierung ist der eine Punkt. Der andere ist die Absenkung des Betriebskostenzuschusses um zwei Millionen Euro. Das ist für uns viel gravierender und bedeutet das Ende des Repertoiretheaters. Und das betrifft nicht allein die Sparte Sprechtheater, sondern die Oper ebenso. Konkret betrifft es 14 Schauspieler, 13 Kollegen von der Oper und 25 Chormitglieder. Das bedeutet? Die Zielvorgabe, 2 Millionen Euro einzusparen, ist nicht zu leisten. Das Resultat wäre nicht die Schließung einer Sparte. Denn damit ist es bei weitem nicht getan. Was den Wuppertaler Bühnen ins Haus steht, ist eine existentielle Bedrohung. Was für mich persönlich nicht heißt, in Depressionen zu verfallen: Die kommende Spielzeit ist wie geplant durchführbar, auch die darauffolgende. 2012 müssen dann aber Maßnahmen ergriffen werden, die dieses Theater und seinen Spielbetrieb massiv verändern werden. Wie könnte dann der Spielplan aussehen? Der wird stark eingeschränkt sein. Es gäbe kein Kleines Haus, entsprechend verringert wäre die Anzahl der Produktionen, und das Schauspiel müsste komplett im Opernhaus spielen – man müsste sich eine Bühne teilen, hätte also weitaus weniger Aufführungen. Im Haushaltssicherungskonzept heißt es, die Bühnen mögen zukünftige Kooperationsmöglichkeiten prüfen. Die Frage der Kooperation ist ein schwieriges Thema. Wir sind mit unseren Partnern an einem Punkt, das Irgendmögliche zu schaffen. Wir stoßen aber bereits jetzt an unsere Grenzen. Wir sind in einer Zwickmühle, denn die Haushaltslagen in Solingen und Remscheid sind ähnlich schlimm wie in Wuppertal. Durch die Kürzung um zwei Millionen Euro würde dieser Zusammenarbeit die Substanz entzogen. Das ist eine überaus komplexe Materie, die es gründlich zu prüfen gilt. Zumal die Erinnerungen an das Schillertheater NRW – 1996 fusionierten die Wuppertaler Bühnen und das Musiktheater im Revier in Form einer gGmbH – nicht gerade glücklich sind. Sicher gibt es viele Ideen. Für mich ist es eine fast philosophische Frage, welche Möglichkeiten es gibt, Theater für diese Stadt zu machen. Dem Ensemble, das ich gerade ans Haus geholt habe, zu kündigen, ist für mich jedenfalls undenkbar. Gibt es aus dem Theater Proteste und/oder Aktionen? Die Ensembles machen nach jeder Aufführung auf das aufmerksam, was sich anbahnt. Es gibt Unterschriftenaktionen, und für Januar 2010 ist ein Aktionstag im und am Schauspielhaus geplant. Wir wollen aber keinen Sonderstatus, wir sind nicht allein betroffen. Mit dem Haushaltskonsolidierungskonzept wird der gesamte Bereich Bildung und Kultur massiv beschnitten. Was Not tut, ist ein Kulturkampf gegen die Verödung urbaner Landschaften. Was ein Stadttheater leistet, ist kulturelle Grundversorgung. Die Lösung dieses Problems liegt nicht allein in Wuppertal, sondern auch bei der Landes- und Bezirksregierung in Düsseldorf, vor allem aber in Berlin. Herr von Treskow, wir danken Ihnen für das Gespräch. INTERVIEW: VALESKA VON DOLEGA Montag, 23. November 2009ELEFANTENHOCHZEITGROBE KOOPERATION WUPPERTAL NACH DER WAHL UND VOR DEM SPAREN ENGELS-THEMA IM DEzember: ELEFANTENHOCHZEIT CDU und SPD kooperieren auch in der aktuellen Legislaturperiode miteinander. Aber wozu? Gibt es überhaupt noch kommunale Handlungsspielräume, oder kann man sich nicht den gesamten Rat und alle Bürgermeister sparen? Der Etat wird ohnehin in Düsseldorf genehmigt. engels lässt die Opposition zu Wort kommen und wagt Lösungsvorschläge.
Der Pulverdampf hat sich verzogen. Ein neuer Rat ist gewählt worden und hat inzwischen sogar schon zweimal getagt. Zwar haben sich die Damen und Herren Kommunalpolitiker zunächst nur mit Formalien beschäftigt. Mandatsträger wurden vereidigt. Posten wurden verteilt. Aber in diesem Monat wird es spannend. Wie in vielen anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen werden auch die Stadtverordneten in Wuppertal ein Streichkonzert aufführen müssen. Die Bezirksregierung in Düsseldorf zwang die Verantwortlichen der Stadt bereits Anfang Juni, eine Haushaltssperre zu verhängen und verlangt seit Monaten ein Haushaltssicherungskonzept. Der damalige Oberbürgermeister Peter Jung verweigerte dies und verwies auf Terminschwierigkeiten. Erst nach der Kommunalwahl könne ein neuer Oberbürgermeister Ende des Jahres einen detaillierten Sparplan vorlegen. Nun muss dieser, der bekanntlich auch Peter Jung heißt, Farbe bekennen. Und mit ihm der Rat, der auf eine Vorlage aus der Verwaltung reagieren soll. Aber welche Farbe soll der Rat bekennen? In Stadträten werden keine Koalitionen geschlossen, aber es gibt durchaus Kooperationsvereinbarungen. CDU und SPD regieren nach wie vor die Stadt. Die Grünen und DIE LINKE sprechen bissig von der „Großen Kooperation“ in Anspielung auf die inzwischen verblühte Berliner Merkel-Steinmeier-Regierung. Und ähnlich wie bei einer Großen Koalition befürchten politische Beobachter für die Wuppertaler Kommunalpolitik Stillstand durch Konsens. So groß aber ist die Große Kooperation übrigens gar nicht mehr. Sowohl CDU wie SPD haben bei der Kommunalwahl Federn lassen müssen. Zusammen stellen die Volksparteien gerade 44 der 70 Ratsfrauen und -herren. Doch die andere rein rechnerische Möglichkeit, sieht man von der Beteiligung rechtsextremer Parteien ab, wäre Schwarz-Grün gewesen. Inhaltlich sind die beiden Parteien nicht zueinandergekommen. Die Grünen konnten sich weder für den Gefängnisneubau in Ronsdorf noch für den Ausbau des Straßennetzes und der Beteiligung an dem Kohlekraftwerk im fernen Wilhelmshaven erwärmen. Persönliche Animositäten bestimmen nicht nur in Thüringen und im Saarland die politische Bühne Aber auch menschlich hat man sich ordentlich verzankt. Die CDU verzieh den Grünen nicht, ihren Bürgermeisterkandidaten auch von den LINKEN wählen lassen zu wollen. Die Grünen wiederum grollten, dass die „Große Kooperation“ den dritten den Grünen gebührenden Bürgermeisterposten aus Kostengründen strichen. Persönliche Animositäten bestimmen nicht nur in Thüringen und im Saarland die politische Bühne. Wenn man sich aber nicht gerade gegenseitig ärgert, ärgert man sich im Stadtrat gemeinsam über Bezirksregierung, Land und Bund. Eine Reform der Gemeindefinanzen muss her, hört man unisono von den Lokalpolitikern aller Parteien. Tatsächlich sind die kommunalen Pflichtausgaben in den letzten Jahren gewachsen, während die Steuereinnahmen einbrachen. Die noch immer herrschende Wirtschaftskrise dramatisiert diese Entwicklung. Die Wuppertaler CDU drischt inzwischen sogar auf ihren Koalitionspartner im NRW-Landtag ein. Wegen des in Düsseldorf verhängten Beförderungsstopps bei der Wuppertaler Feuerwehr droht die Abwanderung des hochqualifizierten Personals ins solvente Düsseldorf. Ein realer Flächenbrand, so glaubt man nach Lektüre der CDU-Prognose, sei in Wuppertal kaum mehr abwendbar. Ein sozialer und kultureller Kahlschlag droht indes von der Verwaltungsvorlage des Haushaltssicherungskonzeptes. Am 14. Dezember wird sie bei der nächsten Ratssitzung aufgetischt werden. Eine breite ergebnisoffene Diskussion im Rat wird, so fürchten die Oppositionsparteien, nicht stattfinden. Die Mehrheit wird die Vorschläge der Bürokraten abnicken. Eine breite ergebnisoffene Diskussion mit den betroffenen Institutionen ist sowieso nicht vorgesehen. Dabei wäre ein Runder Tisch, wie er in Wendezeiten in mancher DDR-Stadt aufgestellt wurde, in dieser krisenhaften Situation das Mittel der Wahl nach der Wahl. Mehr Kreativität als städtische Beamte kann man von den kulturellen und sozialen Einrichtungen von Wuppertal erwarten. Während Kämmerer bei einer fiskalischen Dürre mit dem Rasenmäher und bei warmem Finanzregen mit der Gießkanne hantieren, könnten die Betroffenen intelligentere Lösungen entwickeln. Tatsächlich konnte sich in den letzten Jahren nicht nur die luxuriöse Metropole Düsseldorf mit dem Verkauf des kommunalen Tafelsilbers und anderen Mogelpackungen vom Schuldenjoch befreien, sondern auch kleine Städte wie Langenfeld und Gemeinden wie das münsterländische Raesfeld. Dabei ging es bei diesen Gemeinwesen zu wie bei dem telegenen Schuldnerberater Peter Zwegat. Wirklich unnütze Ausgaben wurden gekappt und wichtige Investitionen getätigt. Unnütze Ausgaben sind oft Statusobjekte, die von Lokalpolitikern aus dem Boden gestampft werden, damit die Wiederwahl möglich wird. Aber gerade Kultur und Bildung sind das Kapital, mit dem eine Stadt wirklich wuchern kann. Ansonsten wandern nicht nur die Feuerwehrleute ab, sondern alle Bürger. Und dann wäre es auch egal, ob es brennt. Lutz debus WORTE DER OPPOSITION STATEMENTS DER OPPOSITIONSPARTEIEN ZUR PERSPEKTIVE SOZIALER UND KULTURELLER PROJEKTE UND ZUR POLITISCHEN VIELFALT IM RAT
engels: Herr Vorsteher, welche Perspektiven haben kulturelle und soziale Initiativen der Stadt in den nächsten Jahren angesichts der aktuellen Haushaltslage? Peter Vorsteher: Ein gutes Kulturangebot ist für die Attraktivität von Wuppertal für die WuppertalerInnen unverzichtbar, aber auch als sogenannter weicher Standortfaktor für die Ansiedlung von Unternehmen in Wuppertal mitentscheidend. Wir brauchen die Hochkultur, aber auch die Angebote der Freien Kultur in den Stadtteilen. Wir haben vor der Wahl versprochen, dass es mit uns keine Etatkürzungen in den Bereichen Bildung, Soziales und Freie Kultur gibt. Daran halten wir fest und werden keinem städtischen Haushalt zustimmen, der hier Einschnitte vornimmt. Führt die Zusammenarbeit von CDU und SPD zu einer Verarmung des demokratischen Pluralismus in der Stadt? Ja, das sehe ich so. In den letzten fünf Jahren haben CDU und SPD eine Menge unternommen, um den demokratischen Pluralismus zu schwächen. Sie verschoben z.B. das Ressort Umweltschutz vom GRÜNEN zum Beigeordneten der SPD. Die Anträge der Opposition wurden selten in den Gremien diskutiert, sondern am liebsten von der großen Kooperation als „erledigt“ erklärt. Der Düsseldorfer Regierungspräsident Jürgen Büssow hatte von der Stadt bis Ende Juni drastische Sparmaßnahmen verlangt, bisher hat die Verwaltung jedoch kein Sparkonzept vorgelegt. Wir befürchten, dass SPD und CDU die anderen Fraktionen vor vollendete Tatsachen stellen werden. Die Folge ist unter anderem ein sinkendes Interesse der WuppertalerInnen an der Kommunalpolitik. Bei der Wahl gingen nur erschreckend wenige Menschen zur Stimmabgabe. Das müssen CDU und SPD als Denkzettel begreifen. Zur Person Peter Vorsteher ist Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/DIE GRÜNEN. WÄHLERGEMEINSCHAFT FÜR WUPPERTAL: „ERHÖHUNGEN FRAGLICH“ engels: Herr Dr. Kroll, welche Perspektiven haben kulturelle und soziale Initiativen der Stadt in den nächsten Jahren angesichts der aktuellen Haushaltslage? Dr. Reimar Kroll: Zu den Perspektiven kultureller und sozialer Initiativen können wir derzeit keine Aussage machen, da nach wie vor der Sparhaushalt auch nicht ansatzweise vorgelegt ist. Ob irgendwelche Maßnahmen mit einer Erhöhung der städtischen Zuwendung rechnen können, halten wir allerdings für mehr als fraglich. Führt die Zusammenarbeit von CDU und SPD zu einer Verarmung des demokratischen Pluralismus in der Stadt? Dies lässt sich nicht vorhersagen. Es ist nach unserer Auffassung nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass es zu einer Einschränkung der Demokratie in unserer Stadt kommt, denn die Oppositionsparteien haben ja in Rat und Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich zu artikulieren. Allerdings ist natürlich – wie bisher schon – nur in Ausnahmefällen damit zu rechnen, dass Initiativen, Anträge etc. der Oppositionsparteien von der Ratsmehrheit angenommen werden. Aber auch das ist Demokratie. Zur Person Dr. Reimar Kroll ist Fraktionsvorsitzender der Wählergemeinschaft für Wuppertal. DIE LINKE: „DÜSTERE ZEITEN“ engels: Herr Sander, welche Perspektiven haben kulturelle und soziale Initiativen der Stadt in den nächsten Jahren angesichts der aktuellen Haushaltslage? Bernhard Sander: Die kulturellen und sozialen Initiativen stehen in Wuppertal vor einer düsteren Zukunft. Der Regierungspräsident entscheidet durch die von ihm verhängte Haushaltssperre über alle freiwilligen sozialen Leistungen und damit über die Lebensqualität in unserer Stadt. Das Beispiel der Eigenmittel zur Beteiligung an den Landesprogrammen für besonders bedrohte Stadtteile zeigt die Absurdität der Lage: Noch nicht einmal an diesem Feigenblatt gegen die soziale Not darf sich die Stadt beteiligen, sondern Vorrang hat die Bedienung der Zins-Ansprüche von Banken und Anlegern, denen in den vergangenen Jahren die Steuern gesenkt wurden. Sowohl CDU als auch SPD haben durch Schuldenmachen kaschiert, dass ihre Parteifreunde in den jeweiligen Landes- und Bundesregierungen die Kommunalfinanzen regelrecht ausgeblutet haben. Führt die Zusammenarbeit von CDU und SPD zu einer Verarmung des demokratischen Pluralismus in der Stadt? Die zu Beginn der neuen Ratsperiode zwischen SPD und CDU verabredete „große Kooperation“ verarmt den politischen Pluralismus in Wuppertal. Machen sie sich weiterhin eilfertig zu Erfüllungsgehilfen von Vorgaben des Regierungspräsidenten, der von der schwarz-gelben Mehrheit eingesetzt und durch kein demokratisches Gremium kontrolliert wird, dann herrscht faktisch ein neoliberales Einheitskartell in Wuppertal. Zur Person Bernhard Sander gehört der Ratsfraktion DIE LINKE an. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS DIE HOFFNUNGEN SIND VAGE – GEWISS IST NICHTS DER VEREIN NACHBARSCHAFTSHEIM SCHAUT SORGENVOLL IN DIE ZUKUNFT
Sozialdezernent Stefan Kühn ist weniger Politiker als ein engagierter Sozialarbeiter Zu wünschen übrig dagegen lasse die Kommunikation. „Wir haben Angst vor dem nächsten Doppelhaushalt und der Haushaltskonsolidierung“, sagt Thelen. „Wir müssen ohnmächtig mit ansehen, was passiert, und wir können nicht mitentscheiden.“ Das Schlimmste: „Niemand informiert uns, niemand traut sich zu sagen, was als Nächstes kommt.“ Daran ändere – bisher – auch die neue politische Führung nichts. Planbarkeit, Sicherheit, Zukunftsinvestitionen: Fehlanzeige. Schon 2008 etwa hat das Nachbarschaftsheim nur die Hälfte der erwarteten Bewilligungsbescheide bekommen. In diesem Jahr noch keinen einzigen. Thelen: „Wir müssten vorsorglich 30 Personen entlassen, weil wir davon ausgehen müssen, dass nächstes Jahr kein Geld mehr da ist.“ Zwar sei die Stadt mit Blick auf Zahlungen stets zuverlässig und pünktlich. „Aber immer nur guter Hoffnung sein statt etwas Schwarz auf Weiß zu haben, macht manchmal unruhige Nächte.“ Fürchten müsste das Nachbarschaftsheim im Ernstfall um seine offene Kinder- und Jugendarbeit sowie das Seniorenforum, wie der Geschäftsführer sagt. „Die sind besonders bedroht. Aber auch da geht es uns noch besser als anderen.“ Wie lange noch? Dazu kann derzeit niemand etwas Verbindliches sagen. TONIA SORRENTINO WEITERE KÜRZUNGEN NUR EINE FRAGE DER ZEIT WUPPERTALER KULTURLANDSCHAFT DROHT DER VERLUST DER VIELFALT Den Trägern der freien Kultur drohen im kommenden Jahr, verursacht durch die Überschuldung der Stadt, massive Einschnitte. Besonders die Einrichtungen, die wegen ihres Nischenangebotes nicht oder noch nicht kostendeckend arbeiten, stehen vor einer existenziellen Herausforderung. Die Zukunft für die „Färberei“ als gemeinnützige Institution sieht nicht gerade rosig aus. Das Kommunikationszentrum für behinderte und nichtbehinderte Menschen stünde bei einem empfindlichen Rückgang der Subventionen im kommenden Jahr sehr wahrscheinlich vor dem Aus. Dabei schmückt sich die Stadtspitze gerne mit dem Treffpunkt in Oberbarmen, der sich durch seine kulturellen Ausstellungen, Seminare und Workshops in dem historischen Gebäude einen Namen gemacht hat. Die Zukunft der „Färberei“ sieht nicht gerade rosig aus Deutlich entspannter sieht es bei der „börse“ aus, die im Oktober bereits ihr 35jähriges Bestehen feierte und am Nikolaustag zum Konzert von Altrocker Roger Chapman bittet. In den vergangenen Jahren hat sich die kulturelle Ideenschmiede nicht nur als etablierte Party-Location – gerade für die „Ü 40-Generation“ – einen positiven Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus erworben. Denn mit Blick auf die zahlreichen Tanz- und Theaterprojekte im gut gefüllten Veranstaltungsprogramm betont Geschäftsführerin Petra Lückerath: „Wir sind und bleiben ein Ort für politisches Geschehen.“ Im Unterschied zu den umtriebigen 70er und 80er Jahren wären jedoch die regelmäßigen Polizei-Razzien von einst mittlerweile fast undenkbar. Als eine der ersten Adressen für gute Unterhaltung gilt auch das „Rex-Theater“ in Elberfeld, dessen Anfänge immerhin auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Nach dem Ende als Lichtspieltheater ging es 1998 als „Forum Maximum“ weiter, noch vor Weihnachten geben sich Parodist Jörg Knör und Musik-Tausendsassa Götz Alsmann die Ehre. Von der chronisch klammen Stadt erhofft sich Rex-Chefin Martina Steiner zumindest moralischen Beistand: „Wenn uns die Politik unsere Arbeit machen lässt, ohne uns Steine in den Weg zu legen, wäre uns schon sehr geholfen.“ FRANK-MICHAEL RALL Montag, 26. Oktober 2009WISSEN SCHAFFEN
EIS UND HEISS
FORSCHUNG ZWISCHEN URKNALL UND KLIMAWANDEL ENGELS-THEMA IM NOVEMBER: WISSEN SCHAFFEN
Innovation wird von allen politisch Handelnden als Schlüssel für eine sorgenfreie Zukunft gehandelt. Aber wird genug gefördert? Und in welche Richtung? Welche Forschung ermöglicht ein sorgenfreies Leben? Ökotec oder Biotec? Welche „Rendite" erzielen die Geisteswissenschaften? Die Forschungsstandorte Harvard und Yale, Oxford und Cambridge, auch Göttingen, Heidelberg und Freiburg sind bekannt. Aber Wuppertal? Ist hier mehr erfunden worden als ein lackierter Pinguin? Der erste Eindruck täuscht. Die Bergische Universität beschäftigt knapp 300 Professoren. Und die Forschung dort ist breit aufgestellt. Schon bei den Naturwissenschaftlern beeindrucken die Dimensionen. Am Nordpol suchen bergische Chemiker im Eis salpetrige Säuren, um zu verstehen, wie sich unsere Atmosphäre reinigt. Am Südpol hingegen begeben sich bergische Physiker auf Neutrinojagd. Wer bei diesen Teilchen an einen Comichelden für Kinder denkt, liegt falsch. Winzige, fast masselose, ungeladene und somit kaum sichtbare Teilchen werden mit Hilfe eines einen Kubikkilometer großen Eiswürfels in der Antarktis nachgewiesen. Wozu? Ist doch irgendwie interessant zu erfahren, woher wir alle kommen. Die klitzekleinen Neutrinos könnten, salopp formuliert, bei der Beantwortung dieser Frage helfen. Vielleicht sind sie von irgendeinem etwas weiter entfernten Urknall zu uns geflogen gekommen. Viel größer dimensioniert als die Neutrinos sind die Atomteile, die im Teilchenbeschleuniger CERN in Genf in eine Kreisbahn geschickt wurden. Im Oktober vergangenen Jahres sollten zwei Protonen aufeinander geschossen werden. Einige Skeptiker prophezeiten den Weltuntergang. Manche Enthusiasten hofften, eine unendliche Energiequelle entwickeln zu können. Beide Szenarien sind bislang nicht eingetreten, obwohl Wuppertaler Wissenschaftler an dem Experiment beteiligt sind. Aber auch in anderen Wissenschaftszweigen wird an der Bergischen Universität geforscht. Manche Projekte erscheinen dabei weniger spektakulär, aber zumindest in den Ergebnissen leichter zu verstehen. Natürlich verbessert sich die schulische Leistung von Migrantenkindern, wenn sie Förderunterricht erhalten. Wenn sie diesen von Lehrern erhalten, die aus dem gleichen Land stammen, verstehen sie noch mehr. Dieser Zusammenhang scheint eine Binsenweisheit zu sein. Wissenschaftlich bewiesen hilft sie, in der Fachdiskussion mit Politikern neue schulische Konzepte zu erstellen. Wuppertal als großer Standort der Lehrerausbildung betreibt hier Grundlagenforschung. Obwohl keine Universitätsklinik vorhanden werden auch medizinische Fragen beantwortet. „Neuronales Aktivierungsmuster bei Symptomprovokation während der Entwicklung der posttraumatischen Belastungsstörung“ heißt der sperrige Titel eines Forschungsvorhabens. Anders formuliert: Was geschieht im Gehirn eines Soldaten, der in Afghanistan einen Bombenanschlag überlebt? In Jordanien wiederum gräbt der „Indiana Jones der Theologie“ Dieter Vieweger gleich mehrere antike Städte aus. Der Clou: Die etwa 20 Städte befinden sich übereinander. Vielleicht kann uns der Ehrendoktor der Wuppertaler Uni bald erklären, ob die Menschen im Nahen Osten friedlicher miteinander auskamen, bevor es Islam und Christentum gab. Etwa 100 Jahre wird es dauern, den Schutthügel an der Grenze zu Israel und Syrien zu durchsuchen. Das Wuppertal Institut mahnt seit knapp 20 Jahren einen ressourcensparenden Umgang mit unserem Planeten an Internationales Renommee besitzt das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Mit ihm arbeitet die Bergische Universität zusammen. Stolz lächeln auf einem Pressefoto Unirektor Lambert T. Koch, Professor Manfred Fischedick und NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben in die Kamera. Ob die gezeigte Harmonie zwischen der Ministerin und dem Institutsleiter durch dissonante Töne gestört wird, ist nicht zu erkennen. Das Wuppertal-Institut mahnt seit knapp 20 Jahren einen ressourcensparenden Umgang mit unserem Planeten an. Ob die Forderung nach einem schnellen Ausstieg sowohl aus der Atom-wie aus der fossilen Energie mit den Plänen der schwarz-gelben Landes- und Bundesregierung zu vereinbaren ist? Christa Thoben ist glühende Befürworterin der Uran- und der Kohleverstromung. Der Leiter des Berliner Büros des Wuppertal Instituts Hermann E. Ott wechselte im September schnell in den Reichstag. Er wolle, so sagte er seinen grünen Wählern, mehr an den Entscheidungsprozessen beteiligt sein. Der Umkehrschluss bedeutet: Auf die Forschungsergebnisse des Instituts für Klima, Umwelt, Energie hört sowieso niemand. Die wichtigen Wälzer aus dem Haus am Döppersberg füllen vielleicht schon die Altpapiercontainer der Büros der Bundestagsabgeordneten und Ministerien. Tatsächlich stellt sich in der zukünftigen Förderungspolitik von Bund und Land die Frage nach der Akzentverschiebung. Wird demnächst mehr Biotechnik statt Ökotechnik gefördert? Werden die Möglichkeiten neuer Atommeiler in Deutschland erforscht oder die effizientere Nutzung von Energie? Zu befürchten ist, dass die neue Bundesregierung und die alte Landesregierung die Dinosaurier füttern werden. Aber ein Argument spricht wiederum gegen diese Schreckensvision. Mit menschenfreundlicher Technik lässt sich inzwischen mehr Geld verdienen als mit großen Kraftwerken. Bundesweit bestimmen abgeschaltete Atomkraftwerke und rechtlich und finanziell nicht mehr durchsetzbare Kohlekraftwerke die Schlagzeilen. Lutz debus „GELD UND FREIHEIT“ ANDREAS PINKWART ÜBER DIE WISSENSCHAFTSFÖRDERUNG IM LAND
Prof. Dr. Andreas Pinkwart: Nein, im Gegenteil. Enge Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungsinstituten und den Unternehmen ist unverzichtbar – und zwar für alle Seiten. Dass in den vergangenen drei Jahren in Nordrhein-Westfalen 19 neue Spitzenforschungsinstitute, High-Tech-Labore und Denkfabriken eingerichtet wurden, zum Teil mit Millionenförderung aus der Industrie, ist keine Gefahr, sondern ein Qualitätsschub. Weil bei all diesen Kooperationen mit Hochschulen völlig klar ist: Die Forschung ist frei, und die Forschungsergebnisse frei zugänglich. Wie unterscheidet sich Ihre Wissenschaftspolitik von der Ihrer Vorgängerin? Unser Job ist es, für Forschung und Entwicklung optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Für mich kommt es auf zwei Dinge an: Geld und Freiheit. Mit dem Hochschulfreiheitsgesetz haben die Hochschulen erstmals die Möglichkeit, frei über Personal-, Organisations- und Finanzfragen zu entscheiden. Zugleich haben unsere Hochschulen heute pro Jahr eine halbe Milliarde Euro mehr zur Verfügung als 2005. Bei der Innovationsförderung konzentrieren wir uns auf vier Zukunftsfelder. Trotz angespannter Haushaltslage haben wir die Förderung für diese Technologien um 25 Prozent gesteigert, auf rund 600 Millionen Euro in diesem Jahr. Die Gießkanne haben wir in den Schuppen gestellt, wir versuchen, das Geld so effektiv einzusetzen wie nur möglich. Darf alles erforscht werden oder gibt es auch ethische und weltanschauliche Grenzen? Natürlich gibt es Grenzen für Forschung, die auch in Gesetzen klar festgelegt sind. Ich bin allerdings dagegen, Forschung aus ideologischen Gründen zu beschränken. Manchmal ist das auch dumm: Denn selbst wenn ich gegen Kernenergie bin, darf ich doch nicht die Entsorgungsforschung einstellen, wie Rot-Grün das hier versucht hat. Ich finde es auch widersinnig, wenn wir mit deutschen Steuergeldern in der EU die Stammzellforschung fördern, unsere deutschen Wissenschaftler aber an diesen EU-Projekten nicht teilnehmen dürfen. Zur Person Prof. Dr. Andreas Pinkwart (49) ist Wissenschaftsminister, stellvertretender Ministerpräsident, Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP. „WUPPERTAL HAT VIEL VON UNS“ LAMBERT T. KOCH ÜBER DEN STELLENWERT SEINER UNIVERSITÄT engels: Herr Koch, wie abhängig ist die Bergische Universität von der Wirtschaft? Prof. Dr. Lambert T. Koch: Es gibt Felder, da arbeiten wir eng mit der Wirtschaft zusammen, in anderen Bereichen gar nicht. Nicht zuletzt die Politik fordert von uns allerdings, mehr Drittmittel einzuwerben – und die kommen eben auch von der Wirtschaft. Sind Sie somit ein Büttel der Wirtschaft? Auf keinen Fall. Auch wenn wir Gelder von der Wirtschaft erhalten, bleibt die Forschung selbstbestimmt und ergebnisoffen. Das weiß jeder, der mit uns kooperiert. Hat Wuppertal etwas von der Forschung der Bergischen Universität? Wuppertal hat viel von uns. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob Stadt und Region das ausreichend wissen. Knapp 50 Lehrstühle arbeiten allein im Bereich Umwelt und Klima mit Unternehmen zusammen. Wir forschen zum Thema Gesundheit. Außerdem fördern wir Unternehmensgründungen. Für Hochschulen gilt: Nur wer lokal verwurzelt ist, kann auch international bedeutsam sein. Die Bergische ist aber keine Eliteuniversität, sondern eher – im besten Wortsinn – eine Volkshochschule? Eine Volkshochschule sind wir nicht! Wir betreiben Forschung auf hohem Niveau. Dass wir nicht das politische Prädikat „Exzellenzuniversität“ führen, bedeutet keineswegs, dass wir keine forschungsstarke Uni sind. Der Exzellenzwettbewerb möchte gewissermaßen künstlich Eliteunis nach angelsächsischem Vorbild generieren – oder man möchte fast sagen: züchten. Wie bewerten Sie diese Zuchtversuche? Ich kann die Motivation verstehen. Man schaut etwas neidisch auf die Eliteunis dieser Welt. Es gibt ja eine regelrechte Ranking-Manie. Aber man kann solche Universitäten nicht designen, sondern sie müssen sich über Jahrzehnte entwickeln. Durch die moderne Förderungspolitik entsteht tendenziell eine Zwei-Klassen-Hochschullandschaft. Es besteht die Gefahr, dass die vielen, die nicht das Label „exzellent“ erhalten, aber dennoch gute Arbeit machen, zu kurz kommen. Die Deutschen versuchen manchmal, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Interviews: Lutz debus Zur Person Prof. Dr. Lambert T. Koch (44) ist Rektor der Bergischen Universität. VERSUCHEN, DIE KRISE ZU VERSTEHEN DAS EUROPÄISCHE INSTITUT FÜR INTERNATIONALE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN FORSCHT AM FREUDENBERG
Für das aktuelle Bankendebakel sind verfehlte Anreize, inkompetente Aufseher und zu große Bankensysteme verantwortlich. Als Leiter des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW) an der Universität in Wuppertal beschäftigt sich der studierte Volkswirt Welfens seit Jahren mit den dringlichsten Fragen von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik aus gesamteuropäischem Blickwinkel. Für die aktuelle Finanzkrise und das fast unerklärliche Bankendebakel macht der gebürtige Dürener drei wesentliche Gründe mitverantwortlich – verfehlte Anreize, inkompetente Aufseher und zu große Bankensysteme: „Es gab warnende Stimmen, aber zu wenige Verantwortliche, die diesem Rat folgten. Was von Industrie und Wissenschaft stets verlangt wird, nämlich ehrliche Leistung, haben Politiker und Banker leider in den Wind geschrieben.“ Deshalb fordert Welfens transparente Finanzinnovationen, die laufend überwacht werden und verstärkt auf langfristige Rendite statt auf Kurzzeiteffekte setzen. Sein allgemeiner Blick voraus fällt düster aus: „Im Gegensatz zu den 20er Jahren wird die Weltrezession dieses Mal wohl ganze Länder in den Konkurs schicken, leider vor allem die armen Nationen.“ Frank-Michael-Rall „STEIGENDER BEDARF AN NACHHALTIGKEITSTUDIEN“ MANFRED FISCHEDICK ZUR ZUKUNFT DES WUPPERTAL INSTITUTS engels: Herr Fischedick, welche aktuellen regionalen Projekte realisieren Sie gerade? Manfred Fischedick: Als Institut der anwendungsorientierten Nachhaltigkeitsforschung sind für uns Projekte mit regionalem Kontext von besonderer Bedeutung. Obwohl wir viele Projekte im internationalen Kontext bearbeiten, wissen wir, wo wir unsere Wurzeln haben und sehen es als unsere besondere Verantwortung an, innovative Projekte in der Region umzusetzen. Thematisch beschäftigen wir uns derzeit mit Fragen neuer ökologischer Geschäftsfelder, der Ressourceneffizienz und von Lernpartnerschaften zwischen Schulen und Industrieunternehmen. Von entscheidender Bedeutung sind für uns aber auch die Kooperation mit anderen wesentlichen Akteuren der Region, sei es die Bergische Universität, mit der wir intensiv zusammenarbeiten oder aber auch die Energieagentur und viele Unternehmen sowie die Stadt selbst. Welche Erwartungen und Befürchtungen verbinden Sie mit dem Regierungswechsel in Berlin? Auch wenn die neue Regierung sicher versuchen wird, neue Akzente zu setzen, werden die Themen des Wuppertal Instituts hoch oben auf der Agenda bleiben. Klimaschutz, Energie- und Ressourceneffizienz sowie Fragen der ökologischen Gerechtigkeit sind parteiunabhängig von herausragender Bedeutung. Für den Klimaschutz sind der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Erhöhung der Energieproduktivität von entscheidender Bedeutung. Daran ändert auch eine potenzielle Verlängerung der Laufzeit der Kernkraftwerke nichts. „Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist von entscheidender Bedeutung. Daran ändert auch eine Verlängerung der Laufzeit der Kernkraftwerke nichts.“ Welche Prognosen stellen Sie zu dem realisierbaren Bedarf an Nachhaltigkeitsstudien auf nationaler als auch internationaler Ebene? Der Bedarf wird perspektivisch deutlich zunehmen. Das Zeitalter des reinen Agendasettings ist im Wesentlichen vorbei, die meisten Akteure mittlerweile für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert. Zukünftig stehen daher Umsetzungskonzepte für die relevanten Akteure im Mittelpunkt. Dazu gehören Nationalstaaten ebenso wie Regionen, Kommunen und auch zunehmend Unternehmen. Werden Sie die Anzahl Ihrer Mitarbeiter in Zukunft halten, erhöhen können oder senken müssen? Das Institut ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen und hat erhebliche Forschungsdrittmittel nach Wuppertal geholt. Wir werden versuchen, an diesem Kurs festzuhalten und die erreichte Größe mindestens zu halten. Interview: nadja shafik Zur Person Prof. Dr. Manfred Fischedick ist Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Freitag, 25. September 2009Graue PowerGEMEINSAM – NICHT EINSAM MEHRGENERATIONENPROJEKTE BOOMEN IM TAL
ENGELS-THEMA IM Oktober: GRAUE POWER Wuppertal wird älter. Je oller, desto doller? Oder vergreist die Stadt? engels beleuchtet Risiken, Nebenwirkungen und vor allem auch die Chancen des demographischen Wandels. Forever young ist auf Dauer nämlich auch langweilig. Das Thema ist zugegebenermaßen nicht neu – eher alt. Die Grauen Panther hatten ihren Sitz in Wuppertal. Die Bürgerbewegung und Partei thematisierte bundesweit bereits in den Achtziger Jahren die Frage der Generationengerechtigkeit. Trude Unruh, die berühmte und umtriebige Vorsitzende, war sogar eine Legislaturperiode lang Abgeordnete im Bundestag. Die Grünen hatten ihr dies ermöglicht. Die streitbare Dame, früher bereits in der SPD und der FDP Mitglied, gründete aber lieber die eigene Partei „Die Grauen“, als selbst grün zu werden. Inzwischen sind die Grünen selbst in Würden ergraut, und die Grauen wegen einer unrühmlichen Spendenaffäre bedeutungslos geworden. Die 84jährige Unruh tritt nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Aber das Anliegen ihrer Partei ist aktueller denn je. Denn die Altersstruktur der Gesellschaft ändert sich schneller und dramatischer als noch vor Jahren angenommen. Wuppertal wird in Zukunft leerer, älter und etwas bunter sein. Am 31. Dezember 2008 hatte die Stadt laut Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen 352.368 Einwohner. Das Landesamt rechnet damit, dass Wuppertal erheblich schrumpfen wird. Demnach wird geschätzt, dass im Jahr 2025 noch etwa 324.500 Einwohner in der Stadt leben. Das wäre ein Bevölkerungsschwund innerhalb einer Zeitspanne von 17 Jahren von 7,9 Prozent. Auch die angeblich geburtenstarken Familien mit Migrationshintergrund können, so ist auf der Homepage der Stadtverwaltung nachzulesen, diesen Trend nicht stoppen. Während Frauen mit deutschem Pass durchschnittlich 1,23 Kinder haben, beträgt diese Zahl bei Frauen anderer Staatsangehörigkeiten zwar 1,93. Aber erst eine Geburtenrate von etwa 2,1 kann, bedingt durch Todesfälle bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dafür sorgen, dass die Bevölkerungszahl stabil bleibt. Insgesamt liegt die Geburtenrate in Wuppertal bei 1,38. Aber nicht nur durch diesen geringen Wert, sondern auch wegen der gestiegenen Lebenserwartung wird der Anteil der älteren Menschen in der Stadt stark steigen. Bereits jetzt ist jeder vierte Wuppertaler über 60 Jahre alt. All diese Zahlen bereiten den Sozialversicherern Kopfschmerzen. Das soziale Sicherungssystem steht bei steigenden Kosten und sinkenden Einnahmen vor großen Problemen. Während manche Politiker die nicht lebensnotwendigen Leistungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen streichen wollen, entwickeln Betroffene andere Modelle. So ist gerade im Bereich der Altenpflege mehr bürgerschaftliches Engagement und Kreativität gefragt. Modelle von alternativen Wohnformen, die das Zusammenleben mehrerer Generationen einschließen, gewinnen an Attraktivität. Der Bereich der ambulanten Pflege konnte in den letzten Jahren substanziell ausgebaut werden. Medizinische Prophylaxe und gestiegenes Gesundheitsbewusstsein verschieben den Zeitpunkt der Pflegebedürftigkeit älterer Menschen nach hinten. Die großen Heime im Grünen taugen oft nur noch als Kulisse für Finanzskandale, wie die Geschichte der Klinik Aprath belegt. Der demografische Wandel erzeugt den dermatologischen Wandel Aber die demografische Entwicklung erfordert nicht nur wirtschaftliches Umdenken. Auch der ethische Aspekt verdient Beachtung. Es gab Epochen, in denen war die Lebenserfahrung alter Menschen wichtig. Wer alt war, hatte mehr zu sagen als der, der jung war. In unserer Fit-for-fun-Gesellschaft allerdings ist Jugendlichkeit eine unabdingbare Eigenschaft gesellschaftlicher Macht. Sowohl der Manager wie auch der Medienstar muss faltenfrei daherkommen. Der demografische Wandel erzeugt den dermatologischen Wandel. Aber kann dieser Trend anhalten? Müssen wir immer jung bleiben? Könnte es nach der Herrschaft der Alten über die Jungen und der Herrschaft der Jungen über die Alten nicht auch ein konstruktives und solidarisches Miteinander geben? Auf dem Markt der Warenwelt scheint ein Umdenken bereits stattzufinden. Der rüstige Rentner ist als liquider Konsument längst erkannt worden und wird als Kunde umworben. Kreuzfahrtschiffe laufen stapelweise vom Stapel. Wandern funktioniert als nordische Disziplin mit knallbuntem Nylon um die Beine und gleich zwei Wanderstäben in der Hand auch für die Generation Ü 70. Mit Hirnjogging wiederum machen sich die Hersteller von Spielkonsolen an die Rentner ran. Und welche Kultureinrichtung, vom Opernsaal bis zur Tageszeitung, könnte ohne die neuen Alten noch bestehen? Wuppertal wird sich besser wohl als übel auf die Zukunft einrichten müssen. Dabei darf eine biologische Binse nicht vergessen werden. Auch die 30- bis 50Jährigen altern. Wie wird unsere Stadt aussehen, wenn die heute noch jugendlich Scheinenden die öffentlichen Plätze mit ihren Rollatoren bevölkern? Können die aktuellen politischen Entscheidungsträger, die heute an Hüftprothetik geizen und geriatrische Fälle in Heime stecken, auf die Milde der Nachgeborenen hoffen? Eins zumindest wird besser sein – die Beschallung in den Pflegeheimen. Statt Radetzkymarsch gibt es dann Beatles auf die Ohren. Lutz debus „ICH MUSS DIE SPD NICHT MEHR VERSTEHEN“ RUDOLF DRESSLER ÜBER SEIN LEBEN NACH DER PARTEIPOLITIK
engels: Herr Dreßler, können ältere Menschen mit der Politik dieses Landes zufrieden sein? Rudolf Dreßler: Die Identifikation sozial schwacher Menschen und somit auch vieler alter Menschen mit dem Staat hat abgenommen, verstärkt seit 1998. Gerhard Schröder hat bei den von seiner Regierung geschaffenen sozialpolitischen Gesetzen weder seine Partei noch die Bevölkerung mitgenommen. Eine Rente mit 67, die Auflösung der hälftigen Beitragszahlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, all diese Reformen haben den Sozialstaat verändert. Die SPD hat, die aktuellen Umfrageergebnisse berücksichtigend, bundesweit 11 Millionen Wähler verloren. Dieses Faktum schreit nach einer Analyse. Da aber die jetzige Parteiführung diese Politik mit auf den Weg gebracht hat, scheut sie diese Analyse, weil sie Fehler eingestehen müsste. „Ich kümmere mich um Spülmaschine, Waschmaschine, Hund, Schulpflegschaft ...“ Gerhard Schröder hat Sie 1998 nicht zum Sozialminister gemacht. Kränkte Sie das? Mich kränkte, dies aus der Zeitung zu erfahren. Schröder hatte nicht das Format, mir das persönlich zu sagen. Das habe ich ihm gesagt, und dafür hat er sich bei mir entschuldigt. Sie sind nun formell im Ruhestand. Ist nun Ruhe angesagt? Zunächst war es mir wichtig, mich nicht mehr parteipolitisch zu betätigen. Ich habe alle Angebote, wieder einzusteigen, aus guten Gründen abgelehnt. Ich habe heute das Privileg, meine Partei nicht mehr verstehen zu müssen – unabhängig von der Frage, ob ich sie verstehe. Wenn ich manche der Arbeitsergebnisse sozialdemokratischer Regierungsarbeit der letzten zehn Jahre erklären müsste, würde mir schummerig werden. Was machen Sie den ganzen Tag? Meine Frau und ich haben zwei Kinder, dreizehn und sechzehn Jahre alt. Ich habe eine Menge zu tun. Ich kümmere mich um Spülmaschine, Waschmaschine, Hund, Schulpflegschaft, Edeka und Aldi. Darüber hinaus halte ich Vorträge zum Thema "Naher Osten". Sind Sie glücklich? Ich vermisse nichts und bin zufrieden. Es ist Gold wert, mich um meine Kinder kümmern zu können. Zur Person Rudolf Dreßler (68) war für Wuppertal 20 Jahre im Bundestag, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Staatssekretär im Arbeitsministerium und Botschafter in Israel. „WERTSCHÖPFUNG IST NICHT ALLES“ CHEFÄRZTIN ANNETTE WELZ-BARTH ÜBER DIE MEDIZISCHE VERSORGUNG ALTER MENSCHEN engels: Frau Welz-Barth, in der Vergangenheit wurden Altenheime auf der grünen Wiese gebaut. Gibt es neue Strategien in der Versorgung und im Lebensumfeld Älterer? Prof. Dr. Annette Welz-Barth: In den letzten Jahren wurden die älteren Menschen zunehmend in den Städten gelassen, und sie wurden wieder in die Städte geholt, um ihnen mehr soziale Kontakte zu ermöglichen. Mehrgenerationenwohnprojekte werden geschaffen. Hier tut sich eine Menge, weil die neuen Älteren auch aktiver sein wollen. Warum war dies bei der Generation davor nicht so? Ich vermute, dass die Kriegsgeneration mehr hingenommen hat. Aber auch die demographische Entwicklung trägt zu einem Umdenken bei. Es gibt immer mehr Ältere, und so nimmt auch deren Lobby zu. Manche Politiker wollen die von den Krankenkassen finanzierte medizinische Versorgung älterer Menschen auf das Notwendige beschränken. Wir müssen ältere Menschen so gut es geht medizinisch versorgen, um Kompetenzen und Ressourcen zu erhalten. Nach einem Sturz oder auch wegen Verschleißerscheinungen der Hüfte wären viele alte Menschen ohne medizinische Versorgung nicht mehr mobil. „Die Diskussion über Patientenverfügungen ist in jüngster Zeit sehr dynamisch geführt worden“ Gibt es eine Grenze, an der medizinische Versorgung nicht mehr sinnvoll ist? Manchmal muss abgewogen werden, ist eine Intensivbehandlung mit Langzeitbeatmung für einen 85jährigen Patienten unter bestimmten Voraussetzungen zu vertreten? Die Diskussion über Patientenverfügungen ist in jüngster Zeit sehr dynamisch geführt worden. Kann es immer nur um die ökonomische Verwertbarkeit von Menschen gehen? Alter kann allein schon wegen des erworbenen Erfahrungsschatzes wertvoll sein. Aber Wertschöpfung ist doch auch nicht alles. Dies muss man sich insbesondere immer vor Augen halten, wenn man über Konzepte nachdenkt, wie man mit hochbetagten oder demenzkranken oder stark behinderten Älteren umgehen wird, auch gerade unter dem Aspekt, dass es uns alle einmal betrifft. Zur Person Prof. Dr. Annette Welz-Barth (48) ist Chefärztin der Geriatrischen Rehabilitationsklinik der Kliniken St. Antonius und lehrt an der Universität Witten-Herdecke Interviews: Lutz debus GEMEINSAM – NICHT EINSAM MEHRGENERATIONENPROJEKTE BOOMEN IM TAL
Wenn ihnen danach ist, dann tanzen sie. Oder sie machen Theater. Oder Tai-Chi. Auch Gartenarbeit, soziales Engagement und Kreativwerden stehen hoch im Kurs. Gespräche sowieso. Die Bewohner des Mehrgenerationenhauses an der Rudolfstraße in Unterbarmen sind zwar nicht miteinander verwandt, leben aber trotzdem in einer großen Gemeinschaft – und ziehen daraus viel positive Energie. „Man ist schlicht nicht allein“, sagt Johanna Jopek. Die 72jährige Bewohnerin des Mehrgenerationenhauses ist Mitbegründerin des gemeinnützigen Vereins „Lebendiges Wohnen an der Wupper“, den fünf Frauen vor drei Jahren gegründet haben, um eben ein solches Projekt auf die Beine zu stellen – gegen Anonymität und Vereinsamung. „Älterwerden und sich gegenseitig in Notlagen Unterstützen, gemeinsam etwas auf die Beine Stellen, das sind unsere Grundgedanken“, sagt Jopek. Der Verein hat inzwischen rund 50 Mitglieder und viele Partner, darunter die Vereinigte Evangelische Mission und die Sparkasse. Der jüngste Bewohner des vor 13 Monaten erstmals bezogenen Mehrgenerationenhauses – es ist das erste realisierte Projekt seiner Art in Wuppertal – ist 40, der älteste 80 Jahre alt. Zwei der 18 Wohnungen sind noch frei. Aber nicht für jeden, wie Jopek erklärt: „Wir wollen uns nicht voneinander abhängig machen und bieten keine Versorgung an. Jeder, der hier einzieht, muss in der Lage sein, einen Haushalt selbstständig zu führen. Probleme kommen später automatisch.“ Immer sei ein Ansprechpartner da, man könne sich aber auch jederzeit zurückziehen. Und in der Gemeinschaft mache das Leben an sich einfach mehr Spaß. Außerdem könne man voneinander lernen. Johanna Jopek hat vor einigen Tagen im Internet eine Tenorflöte erstanden. TEXT / Foto: TONIA SORRENTINO Weitere Wuppertaler Projekte: Der Caritasverband Solingen/Wuppertal plant gemeinsam mit der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Wuppertal eine barrierefreie Mehrgenerationen-Wohnanlage an der Uellendahler Straße; der frisch gegründete gemeinnützige Verein „Wuppertaler Wahlverwandtschaften“ sucht Grundstücke für ein Wohnprojekt, in dem 60 bis 80 Menschen jeden Alters Platz finden sollen. LIEBE OMA HILDE! WENN ES NOCH PAPIER GÄBE Gerade habe ich eure Einladung zur Goldenen Hochzeit in dem tollen Hotel erhalten, in dem wir ja auch schon damals meine Kommunion gefeiert haben. Echt krass, dass Opa und du 50 Jahre verheiratet seid! Schade nur, dass Mama und Papa eurem Beispiel nicht mal ansatzweise folgen. Wenigstens reden sie seit dem Auszug von Dad wieder einigermaßen vernünftig miteinander. Seine neue Freundin ist ganz okay, dabei ist Moni ja fast so alt wie ich. Nur dass er sich jetzt die Haare färbt, find´ ich absolut peinlich. Mama spricht momentan noch von einer gemeinsamen „Auszeit“, vielleicht beruhigen sich ja die Gemüter bald wieder. Ich freue mich jedenfalls auf euer großes Fest und werde auch Daniel mitbringen, den ich im letzten Semester kennengelernt habe. Er kommt aus Köln und studiert Jura. Bald wollen wir zum ersten Mal zwei Wochen gemeinsam in Urlaub fahren. Ich habe ein gutes Gefühl, nachdem die Sache mit Torsten – der blonde Hobby-Musiker, du erinnerst dich vielleicht? – ja leider zum Schluss ziemlich kompliziert wurde. Was macht eigentlich euer geplanter Umzug in das Seniorenheim in der Friedrichstraße? Hoffentlich überlegt ihr euch es nochmal, denn ich kann mich an den Gedanken, dass ihr das schöne Haus verkaufen wollt, irgendwie nicht gewöhnen. Ich mach´ dir einen Vorschlag: Wartet doch noch zwei Jahre, bis ich mein Studium fertig habe, und dann kümmert sich die frischgebackene Architektin Caroline Schmidt um einen Super-Umbau! Klingt doch nicht schlecht … Ach übrigens: DANKE für eure großzügige Spende zu meinem Autokauf, der Wagen ist echt klasse. Ich nehme dich und Opa auch gerne mal mit, wenn ihr zum Theater wollt, melde dich einfach bei mir. So, ich muss gleich los, die nächste Vorlesung wartet. Liebe Grüße auch an Opa und bis zum Wiedersehen deine Enkelin Caro NOTIERT VON FRANK-MICHAEL RALL Wer korrespondiert noch mit Oma und Opa? engels freut sich über Zuschriften junger LeserInnen, die mit ihren Großeltern noch regelmäßig in Kontakt stehen. Schicken Sie doch ihren ganz persönlichen Brief an die heutige Generation „60 plus“: Berndt-Media Dr.-C.-Otto-Str. 196, 44879 Bochum info@berndt-media.de Eine Auswahl der Briefe veröffentlicht engels auf der Homepage. Freitag, 21. August 2009no future?WÄHLEN, WÄHLEN, WÄHLEN!AM 27. SEPTEMBER IST BUNDESTAGSWAH
ENGELS-THEMA IM SEPTEMBER: NO FUTURE? Die Parole kommt aus den Achtzigern. Damals wurde Helmut Kohl Kanzler einer CDU-FDP-Regierung. Nach der Bundestagswahl kann es wieder zu einer schwarz-gelben Koalition kommen. Nur ist dann der Chef etwas weiblicher und leichter und der Vizechef sehr viel leichter und luftiger. Wie sehen in Anbetracht dieser Aussichten nach dem 27. September die Perspektiven junger Menschen aus? Es gibt so viele Kreuzchen zu machen in diesen Monaten. Im Mai war es zunächst ein Kreuz für die Europawahl. Es folgten im August die Kommunalwahlen. Nun, Ende des Monats, erwartet uns die Königin aller Wahlen, die Bundestagswahl. Aber welche Wahl haben hier die Wählerinnen und Wähler? Angesichts der neuen Unübersichtlichkeit des Sechs-Parteien-Systems werden, vorausgesetzt, CDU/CSU und FDP erhalten zusammen nicht die absolute Mehrheit, die Weichen erst Wochen später gestellt. Koalitionsverhandlungen werden dramatischer sein als Tanzstundenbälle. Die CDU möchte nicht gern mit der SPD, auch nicht so gern, aber doch lieber mit den Grünen. Die FDP möchte an die Regierung. Mit wem, sagt sie nicht. Die Parteigeschichte lässt vermuten, dass sie notfalls eine Koalition mit Teufels Großmutter eingehen würde, bevor sie weitere vier Jahre auf den harten Oppositionsbänken Platz nehmen müsste. Aber vielleicht bleibt sie ja weiter parlamentarisches Mauerblümchen. Wie soll die Partei, die sich immer als Förderer der Wirtschaft versteht, mit den Grünen harmonieren, die einige sogenannte Zukunftstechnologien wie Gentechnik und Atomkraft vehement ablehnen? Eine Ampel hätte es schwer. Mit wem könnte also die SPD gehen? Blieben noch die Linken. Aber nur manch versprengter Grüne und manch SPD-Landespolitiker aus Neufünfland kann sich mit den Schmuddelkindern des demokratischen Systems eine Zusammenarbeit vorstellen. Der Geist der enthaupteten Andrea Ypsilanti spukt im mittlerweile fast verlassenen und stark sanierungsbedürftigen Haus der deutschen Sozialdemokratie. Kein Sozi traut sich mehr mit roten Socken auf die Straße. Da der Deutsche Michel in Krisenzeiten sowieso lieber auf Nummer Sicher geht, keine Experimente wagt, könnte es tatsächlich zu einer CDU-FDP-Koaltion reichen. Rote Socken machen im Westen noch immer Angst. Peter Hintze, der Erfinder der roten Socke Der Erfinder der „Rote-Socken-Kampagne“ ist übrigens Peter Hintze. Der beurlaubte Pfarrer aus Königswinter kandidiert in Wuppertal. Als CDU-Generalsekretär ließ er sich bereits vor 15 Jahren an einer Wäscheleine mit der entsprechenden Fußbekleidung in der Hand fotografieren. Seine Position als General machte es nötig, den Wadenbeißer zu mimen. Inzwischen ist der Staatssekretär beim Wirtschaftsministerium gesetzter geworden. Lieber klopft er anerkennend deutschen Astronauten auf die Schulter, als dass er den ideologischen Einpeitscher gibt. Gern hätten wir ihn gefragt, wie er als Wuppertaler Abgeordneter die Zukunftsperspektive der Kinder und Jugendlichen in der Region verbessern möchte. Leider hatte Hintze nach intensivem, wahrscheinlich stundenlangem Studium der letzten beiden engels-Ausgaben dann doch zu wenig Zeit für ein zehnminütiges Interview. „Habe Ihre Leseproben mit Freude durchgelesen. Bin leider so im Programm, dass ich Ihnen keine Zusage geben kann“, antwortete er freundlich. So bleiben unsere Fragen offen. Wird der Riss durch die Gesellschaft weiter und tiefer, wenn CDU und FDP regieren? Bleibt es beim dreigliedrigen Schulsystem, das vornehmlich männliche Migrantenkinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten ausgrenzt? Werden die Studiengebühren erhöht? Bleiben die Hartz IV-Sätze auf dem jetzigen Stand, damit Kinder weiter ohne adäquate Lehrmittel und mit knurrenden Mägen zur Schule gehen müssen? Wird es noch weniger Ausbildungsplätze geben? Wird der Niedriglohnsektor wachsen und in Folge dessen viele arbeitende Menschen auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen sein? Werden Banken und Großkonzerne weiter großzügig in den Genuss staatlicher Hilfen kommen? Werden Steuern weiter gesenkt, damit die Staatsverschuldung zunimmt? Wird es mit der FDP als Regierungspartei zu einer effektiven Bankenaufsicht kommen? Vielleicht hätte Peter Hintze ganz unerwartet geantwortet. Natürlich möchten wir eine solidarische Gesellschaft, hätte er vielleicht gesagt. Von einer drastischen Erhöhung von Hartz IV zu einer echten Grundsicherung hätte er möglicherweise geschwärmt. Von einer Vermögensabgabe für Besserverdienende. Den Arbeitslosen in Wuppertal hätte er Mut zugesprochen. Eine Förderung der erneuerbaren Energien, der modernen Nahverkehrsmittel, der Energieeffizienz durch Stadtteilsanierung, der medizinischen Grundversorgung auch für Ältere und eine Förderung der Kinderbetreuung und des Schulsystems könnten, so hätte Peter Hintze vielleicht detailliert vorgerechnet, dazu führen, dass in Wuppertal Vollbeschäftigung herrscht. Die Bergische Universität könnte binnen weniger Jahre, so hätte der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium vielleicht prophezeit, durch die Abschaffung von Studiengebühren zu der größten Hochschule der Nation werden. Junge Menschen könnten dann dort die Zukunft dieses Landes durch intensive Forschung gestalten. Der Export innovativer Technologien sei durch den hohen Anteil mehrsprachig aufgewachsener Studierender gesichert. All dies hätte Peter Hintze sagen können. Hat er nicht. Nun, liebe Leser, haben Sie die Wahl. Lutz debus „BILDUNG IST UNSERE GRÖSSTE RESSOURCE“ JÜRGEN KUCHARCZYK ÜBER DIE FAMILIEN- UND BILDUNGSPOLITIK DER SPD
engels: Herr Kucharczyk, was benötigen Kinder und Jugendliche im Bergischen Land in den kommenden vier Jahren? Jürgen Kucharczyk: Die Kinder- und Jugendeinrichtungen in allen drei Städten müssen erhalten bleiben. Zudem müssen wir die gesetzlichen Vorgaben zum Ausbau der Krippenplätze umsetzen, um Eltern Berufstätigkeit zu ermöglichen. Wer soll das bezahlen? Der Bund lässt die Kommunen nicht allein und stellt ihnen vier Milliarden Euro im Rahmen eines Sonderfonds zur Verfügung. Unterscheidet sich Ihre Position von der der CDU? Wir haben im Fachausschuss seit 2005 mit dem Koalitionspartner gerungen. Letztlich mussten wir die Union davon überzeugen, dass sich die Gesellschaft in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Die SPD hat es doch schwer, gegen eine so populäre Politikerin wie Ursula von der Leyen eine wahrnehmbare Position zu beziehen. Ihre Popularität möchte ich jetzt nicht kommentieren. Die Inhalte ihrer Politik haben wir bereits unter der rot-grünen Regierung auf den Weg gebracht. Elterngeld und Kita-Plätze wären in nur einer Legislaturperiode nicht umzusetzen gewesen. Ein größeres Streitthema ist die Bildungspolitik? Wir wollen die Semestergebühren abschaffen. Wir wollen das Schulsystem reformieren. Zwar sind hier zunächst die Länder gefragt. Da aber die Bildung die größte Ressource ist, die wir in diesem Land haben, muss sich hier auch die Bundesregierung positionieren. Der männliche Hauptschüler mit Migrationshintergrund hat nicht gerade die besten Karrierechancen. Es gibt viele junge Leute, die sich in Qualifizierungsschleifen befinden. Diese Qualifizierungsmaßnamen – wie z.B. das Ausbildungsbonusprogramm, der Anspruch auf einen Hauptschulabschluss oder auch das Schulstarterpaket, welches wir gegen den erheblichen Widerstand der Union durchgesetzt haben – haben nur Sinn, wenn sie zu einer festen Anstellung führen. Die eigentlichen Gründe für diese Probleme liegen aber in unserem Schulsystem. Wenn wir Zehnjährige bereits in verschiedene Schulformen sortieren, müssen wir uns nicht wundern, wenn es so viele Einbahnstraßen gibt. Zur Person Jürgen Kucharczyk (52) ist Bundestagsabgeordneter und kandidiert für die SPD in Remscheid, Solingen und Wuppertal. „DAS LAND MUSS SICH RADIKAL ÄNDERN“ HERMANN OTT ÜBER KLIMAWANDEL UND GRÜNE JOBS engels: Herr Ott, können Investitionen in Ökologie so viele Arbeitsplätze schaffen, wie sich das Herr Steinmeier mit seinem Deutschlandplan ausgerechnet hat? Hermann Ott: In der Rhetorik haben sowohl SPD wie auch CDU viel bei den Grünen abgeschrieben. Theoretisch hat Steinmeier recht. Nur wird sein Plan nicht funktionieren, weil die SPD in der Vergangenheit verhaftet ist. Bei der CDU und der FDP ist das ohnehin klar. Aber auch die SPD und die Linken sind durch ihre Bindung an Gewerkschaften und Betriebsräte in den Energieunternehmen strukturkonservativ. Können denn die Grünen Arbeitsplätze schaffen? Kurz- und mittelfristig gesehen müssen wir die Wirtschaft grün umsteuern, um Jobs zu schaffen. Langfristig muss sich das Land viel radikaler verändern. Auch ein grünes Wachstum hat Grenzen. Aber es ist schwierig mit solchen Zukunftsprognosen. Wie die Welt im Jahr 2030 aussehen wird, kann sich kein Mensch vorstellen. Prognosen taugen nichts? Wir verfügen über gewisse Grunddaten. Das Klima wird sich dramatisch verändern. Die Ressourcen dieser Welt gehen zur Neige. Es ist nicht klar, was dann kommt. Wir haben wissenschaftlich nicht erforscht, wie ein marktwirtschaftliches System ohne nominales Wachstum aussehen kann. Die Weltwirtschaft macht doch gerade den Praxistest? Es ist erschreckend, wie sehr die Politiker in alte Muster verfallen. 2007 wurde erkannt, dass der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung ist. Nun kommt eine Finanzkrise, die sich zu einer großen Wirtschaftskrise auswächst. Und schon wollen auch die Wohlgesinnten mit einem grünen Keynianismus das Wachstum wieder ankurbeln. Doch auch der verbraucht Ressourcen. Was ist in den nächsten vier Jahren in Wuppertal zu tun? Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen sichere Arbeit haben. Dafür brauchen wir grüne Jobs in Zukunftsindustrien. Ein Paradebeispiel ist die Schäffler KG. 1.500 Beschäftigte in Wuppertal haben eine Jobgarantie bis 2016. Was stellen die her? Getriebe für Windkraftwerke. Hier liegt die Zukunft! Interviews: Lutz debus Zur Person Hermann Ott (48) ist Leiter des Berliner Büros des Wuppertal Instituts und kandidiert am 27. September für die Grünen in Wuppertal. DIE PATIN BERUFSERFAHRENE HELFEN JUGENDLICHEN EHRENAMTLICH, EINEN AUSBILDUNGSPLATZ ZU FINDEN
Wuppertal sozial? Zur Wahl wollen alle alles besser machen. engels besuchte zwei soziale Initiativen, um auf die gegenwärtige Not in der Region aufmerksam zu machen. „2.000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz sind zu viel. Menschen mit Lebens- und Berufserfahrung sollten diese Jugendlichen auf diesem Weg begleiten.“ Aus diesem Gedankengang von Oberbürgermeister Peter Jung entstand im November 2007 die Lehrstellenpaten-Aktion. Die ersten Paten kamen aus Führungspositionen der Stadtverwaltung, so Angelika Leipnitz von der Ehrenamts-Initiative (M)eine Stunde für Wuppertal. Immer mehr Interessenten meldeten sich, um jungen Menschen ehrenamtlich bei ihrem Schritt ins Berufsleben beizustehen. Birgit Bertz (45), selbstständig mit der Firma „Marktentwickler“, ist eine von ihnen. Zwei Mädchen hat sie schon eine Ausbildung vermittelt. Die 21 Jahre alte Naomi ist seit einem Jahr glückliche werdende Hotelfachfrau, und Meriam, ebenfalls 21, lernt seit August Kauffrau für Bürokommunikation. „Sie war unheimlich motiviert, hatte ein gutes Abitur“, erinnert sich Bertz. Trotzdem sei sie mit 35 Absagen auf Bewerbungen zu ihr gekommen. „Wir haben unter anderem tolle Fotos gemacht und ihre Unterlagen neu gestaltet.“ Fünf Bewerbungen folgten fünf Vorstellungsgespräche – und ein Ausbildungsplatz bei einer Wuppertaler Hausverwaltungsfirma. Nach den Zeiten des Frusts zeigte sich für Meriam, wie wichtig eine ansprechende Bewerbung und ein souveränes Auftreten bei Anstellungsgesprächen ist. Mit beiden Mädchen steht Bertz weiterhin in Kontakt, um ihren Werdegang zu verfolgen. „Es ist ein tolles Projekt. Ich freue mich schon auf das nächste Patenkind!“ TEXT / Foto: TONIA SORRENTINO (M)eine Stunde für Wuppertal Die Lehrstellenpaten-Aktion ist eingebettet in die Ehrenamts-Initiative (M)eine Stunde für Wuppertal (www.meinestundefuerwuppertal.de). Bisher wurden von rund 100 Patenkindern 30 in ein Unternehmen vermittelt, ein weiteres knappes Drittel ist auf dem Weg. 50 Prozent der Jugendlichen kommen aus Familien mit Migrationshintergrund und sind teils seit Jahren ohne Ausbildungsstelle. Die zirka 40 Paten arbeiten beispielsweise bei Barmenia, Dupont, Gepa und der Sparkasse, zudem sind Selbstständige dabe DAS TISCHLEIN DECKT SICH SEIT ZWANZIG JAHREN HILFT DIE WUPPERTALER TAFEL BEDÜRFTIGEN Dreimal am Tag, sieben Tage die Woche, das ganze Jahr hindurch – bei der Wuppertaler Tafel gibt’s immer etwas zu essen. „In Wuppertal muss niemand hungern“, sagt Wolfgang Nielsen, Vorsitzender der AHK-Wuppertaler Tafel e.V. Dass jeder Bedürftige, egal ob Kind oder Erwachsener, Hartz IV-Empfänger oder bedürftiger Rentner, hier täglich umsonst essen kann, verdankt der Verein vor allem den vielen Wuppertaler Unternehmen, die ihren Lebensmittel-Überschuss kostenlos abgeben. „Wir alle haben eine soziale Verpflichtung“, sagt Gerd Kaufmann von der Metzgerei Kaufmann in Wuppertal, „wer sich die großartige Arbeit der Tafel anschaut, der weiß, was er zu tun hat.“ Die Metzgerei ist nur eines von vielen Geschäften, das die Tafel unterstützt – auch viele große Supermärkte beteiligen sich mit täglichen Lebensmittel-Spenden. Die Wuppertaler Tafel ist die einzige der über 850 Tafeln in Deutschland, die jeden Tag im Jahr Essen anbietet Für die große Hilfsbereitschaft ist Nielsen sehr dankbar, denn er weiß, selbstverständlich ist das nicht: „Die Wuppertaler Tafel ist die einzige der über 850 Tafeln in Deutschland, die jeden Tag im Jahr Essen anbietet.“ Früher wollte niemand – auch kein Politiker – zugeben, dass es Armut in Deutschland gibt. Das sei heute anders, so Nielsen. Auch die Einstellung der Bedürftigen hat sich geändert, und immer mehr arme Menschen nutzen das soziale Angebot. Dass Menschen arm sind, ist oft nicht deren Schuld, und häufig sind vor allem Kinder Leidtragende. Deshalb möchte Nielsen gerne die Wuppertaler Kindertafel weiter ausbauen. „Ein eigener Raum wäre gut, damit die Kinder nach dem Essen ungestört Hausaufgaben machen oder ein bisschen spielen können.“ Politisch erwartet Nielsen nichts: „Die haben doch selbst kein Geld!“ Was Verantwortliche aber tun könnten, ist, Institutionen und ihr soziales Engagement weiter publik machen – denn Missstände totschweigen ist das, was am meisten schadet. „Aber da“, sagt Nielsen, „hat sich zumindest in Wuppertal auch dank der Medien einiges getan.“ JENNIFER ABELS Freitag, 24. Juli 2009KommunalwahlBELLENDE BÜRGERMEISTER KOMMUNALWAHL IN ZEITEN DER KRISE ![]() Lieber ein junger Bell oder ein bellender Jung? Jene Formulierung ist, kennt man die beiden Oberbürgermeisterkandidaten der ehemals großen Volksparteien, natürlich völlig schräg und hat mit der Realität nichts zu tun. Aber manchmal kann die Magie eines Wortwitzes erst gebrochen werden, wenn er gedruckt wird – was hiermit geschehen ist. Danach aber müssen sofort die Richtigstellungen folgen. Natürlich: Jung bellt nicht! In den fünf Jahren seiner Amtszeit stellte sich der gelernte Bankkaufmann als Vermittler, als Zuhörer und Bürgerversteher dar. Kein Patriarch alten Schlages, eher ein freundlicher Manager der Wuppertal-AG möchte er sein. Auch repräsentiert er nicht den reaktionären Haudegen. Zwar in der CDU beheimatet, aber irgendwie doch für alle ist P.J. da. Auf die Frage, ob er auf den berühmten Sohn seiner Stadt, den Co-Erfinder des Marxismus‘, stolz sei, antwortet er trotzig mit „Ja“. Friedrich Engels sei falsch interpretiert worden, inhaltlich eher ein Vorläufer von Norbert Blüm als von Josef Stalin. Also: Jung bellt nicht. Zuweilen aber knurrt er, und zwar in Richtung Landesregierung. Das hat er sich von Düsseldorfs verblichenem OB David abgekupfert. Kleiner Unterschied: Während die Düsseldörfler durch Verscherbeln des kommunalen Tafelsilbers als seriösere und solvente Herren dastehen, muss Wuppertal beim Rüttgers-Club zuweilen als Bittsteller auftreten. Bellende Hunde beißen nicht. Trotzdem unsere Empfehlung: Peter Jung ist unbedingt wählenswert. Dietmar Bell ist zwar jünger als Jung. Aber ist Bell jung? Er ist Gewerkschaftsfunktionär von ver.di. Er kennt die Nöte der kleinen Leute, vertritt die Interessen der Menschen, die für drei Euro pro Stunde ihre Nachtschichten schieben müssen. Aber beherrscht er mehr als das alte tarifrechtliche Instrumentarium von Trillerpfeife bis Arbeitsgerichtsprozess? Die Massengewerkschaft gilt heutzutage nicht gerade als Quell innovativer Ideen. Was wir auf jeden Fall festhalten möchten. Bell ist auch jünger als sein möglicher Vorvorgänger Hans Kremendahl. Im Falle seiner Wahl wird Bell nicht mit Korruptionsvorwürfen zu kämpfen haben. Wo es keine öffentlichen Aufträge mehr gibt, gibt es auch nichts mehr zu korrumpieren. Unser Fazit also: Dietmar Bell ist unbedingt wählenswert. Und dann gibt es noch Lorenz Bahr. Gäbe es die Möglichkeit einer Stichwahl nach der Wahl des Bürgermeisters oder hätten sich die Sozis zusammen mit den Grünen auf ihn geeinigt, Bahr hätte reale Chancen. So aber ist der quirlige Sozialmanager bloßer Zählkandidat wie im Frühling Peter Sodann von den Linken bei der Bundespräsidentenwahl. Es reicht gerade, Dietmar Bell genügend Stimmen wegzunehmen, um ein symbolisches Zeichen zu setzen. Oder gelingt gar ein Wunder an der Wupper, und wir wählen mehrheitlich Öko? Egal wie: Lorenz Bahr ist unbedingt wählenswert. Der Souverän kann mit seiner Stimme nur begrenzt das Leben in der Stadt beeinflussen Natürlich sind dies, mit Ausnahme der rechten Republikaner und der rechtsradikalen NPD, alles Kandidaten und Parteien. Dies gilt nicht nur, weil es eine demokratische Binsenweisheit ist. Sondern auch weil der Souverän mit seiner Stimmabgabe nur sehr begrenzt das Leben in der Stadt beeinflussen kann. Viel Geld ist nicht mehr zu verteilen. Der Regierungspräsident in Düsseldorf wacht unerbittlich über unser Stadtsäckl. Pflichtausgaben, die durch EU-, Bundes- und Landesgesetze auf die Stadt zukommen, müssen zuallererst abgearbeitet werden. Auch müssen die bereits genehmigten und im Bau befindlichen Projekte mit Geld bedient werden. Denen droht zunächst also auch keine Gefahr. Aber alles, was als freiwillige Aufgabe der Kommune definiert wird, steht in Zeiten der Wirtschaftskrise zur Disposition. Und unter freiwillige Leistungen fällt zu einem großen Teil die Kulturförderung. Die Parteien halten sich vor der Wahl wohlweislich bedeckt, sagen nicht, welcher Zuschuss im Falle ihres Wahlsieges gestrichen wird. Aber ob eine andere Ratsmehrheit tatsächlich andere Prioritäten setzen wird? Oft werden Entscheidungen herbeigekungelt. Im Sinne von: Stimmst du für meinen Sportverein, stimme ich für dein Theater. Eine andere Möglichkeit wäre, nach dem Gießkannenprinzip, oder treffender formuliert, nach dem Rasenmäherprinzip zu verfahren. Alle bekommen X Prozent weniger. Eine inhaltliche Diskussion, welche Kultur in der Stadt welche Zuschüsse benötigt, wird im Rat und im Fachausschuss wahrscheinlich auch in der nächsten Legislaturperiode nicht stattfinden. Eine große Entscheidung wird allerdings anstehen. Soll das Schauspielhaus wieder öffnen? In der Lokalzeitung wird bereits gemunkelt, dass für die Grundsanierung des Hauses in der Post-Bausch-Ära kein Geld mehr da ist. Die neuen Intendanten Christian von Treskow und Johannes Weigand hoffen darauf, dass nach dem Tod der Tänzerin der Bedarf an ihrem Tanz steigt. Michael Jacksons Tonträger verkaufen sich ja auch besser, seit er tot ist. Aber mit solch makabren Gedankengängen sollte man Politiker vor der Wahl besser nicht kommen. Text / Interviews: Lutz debus DEAR MR. PRESIDENT ... ANLÄSSLICH DER KOMMUNALWAHL MÖCHTE ENGELS KULTURVERANSTALTERN DER STADT DIE MÖGLICHKEIT GEBEN, ZU WORT ZU KOMMEN ![]() „KULTUR FÜR ALLE“ Wuppertal ist eine Stadt mit einem vielfältigen Kulturangebot. Neben Tanztheater, Schauspiel, Oper, Orchester und Von der Heydt-Museum gibt es zahlreiche Veranstaltungsorte, Galerien und künstlerische Initiativen. Soziale Kulturarbeit in den Stadtteilen für den Dialog zwischen unterschiedlichen Generationen, Nationalitäten und sozialen Schichten ist ebenfalls wichtiger Bestandteil. Diese bunte freie Szene prägt das kulturelle Leben maßgeblich. Das breite Kulturangebot in Wuppertal sollte auch in Krisenzeiten als Pfund angesehen werden, mit dem die Stadt wuchern kann. Kulturschaffende und Kreative machen das Leben hier attraktiv und lebenswert. Kultur- und Kreativwirtschaft sind inzwischen durchaus ernst zu nehmende Wirtschaftsfaktoren, sie fördern die Wettbewerbsfähigkeit von Städten und Regionen. Ich erwarte von allen Parteien und Bürgermeisterkandidaten, dass sie sich für den Erhalt unsere Kulturlandschaft einsetzen! Petra Lückerath, Geschäftsführung und Programmplanung von Die Börse „POLITIKER KOMMEN UND GEHEN GESEHEN“ Nach nunmehr 30 Jahren in der Wuppertaler Kultur habe ich viele Politiker und Oberbürgermeister kommen und gehen sehen. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie ein Bewusstsein dafür hatten, wie wichtig die Kultur für die Stadtentwicklung, Lebensqualität und Außenwirkung ist. Die Prioritätensetzung dabei ist immer wieder Anlass zu Diskussionen gewesen, aber Kultur sollte sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Ich bin jedoch kein Freund hoher Subventionen – die das Rex ja weiß Gott auch sowieso nicht bekommt – und lege mehr Wert darauf, eine Verwaltung und Politik zu haben, die mir Wege ebnet, meine Arbeit nicht mit unnötigen Auflagen behindert und mit mir Visionen entwickelt. Das halte ich für wertvoller als einen Subventionstropf, der – und da mache ich keinen Unterschied zwischen Kultur und Wirtschaft – nicht aus sich selbst heraus funktionierende Arbeit in einem Maße unterstützt, dass es eigentlich egal ist, ob noch produziert wird oder nicht. Krisen sind auch Chancen, und ich würde mir von allen OB-Kandidaten wünschen, dass sie angesichts des Strukturwandels auch neue Wege gehen. Denn ohne innovatives Denken wird in Wuppertal sonst nicht mehr viel übrig bleiben, und ich glaube, das ist den Kandidaten bewusst. Martina Steimer, Rex-Theater „MAN KANN SICH DIE WAHL SCHENKEN“ Vor wenigen Wochen wurde eine Haushaltssperre verhängt. Nun fordert die Bezirksregierung, so zu lesen in der WZ vom 25.6., dass der Kämmerer bis zum 30.6. sein Sparpaket vorlegen muss. Geschieht das nicht, so ist es denkbar, dass wie bereits in Oberhausen u.a. nun auch hier möglicherweise freiwillige Leistungen und sogar sogenannte Pflichtaufgaben kassiert werden. Die Bezirksregierung regiert so faktisch die Stadt. Also ist es eigentlich egal, welche Partei man bei den Kommunalwahlen wählt. Der Rat der Stadt Wuppertal wird nichts mehr zu bestimmen haben. Es stellt sich hier die Demokratiefrage, soll heißen, dass eine eigenständige kommunale Selbstverwaltung nicht mehr möglich ist. Lohnt es sich dann überhaupt noch, Ratssitzungen abzuhalten, wenn es denn nichts mehr zu bestimmen gibt? Auch könnte man zynisch sagen, dass man sich die Wahl schenken könnte. Wuppertal würde doch faktisch eh von Düsseldorf regiert. Dort entscheiden Leute nach Aktenlage, ohne die Verhältnisse vor Ort zu kennen. Es ist zu befürchten, dass unwiederbringlich Einrichtungen und Initiativen zerstört werden. Wenn nun gesagt wird, dass freiwillige Leistungen gestrichen werden, dann könnte das übrigens nicht nur die Färberei, sondern unter Umständen auch die Oper, das Tanztheater und viele andere Kultureinrichtungen betreffen. Peter Hansen, Die Färberei Komm.zentrum f. behinderte u. nichtbeh. Menschen „WUPPERTAL PACKT ES AN!“ Wuppertal ist im Umbruch. Bedauerlicherweise prägen die Schlagzeilen der lokalen Zeitungen vorwiegend die Themen Überschuldung, Zwangsverwaltung, Schrumpfung; aber Wuppertal, seine Bürger und seine Politiker fangen an, es selbst in die Hand zu nehmen. Große Projekte wie die Nordbahntrasse, der lange Tisch und der Kunst Cluster werden realisiert. Besonders freut mich, dass es auch der aktuellen Stadtführung gelungen ist, mit der Realisierung des Großprojektes Döppersberg zu beginnen. Sozial schwächere Stadtgebiete wie Wichlinghausen müssen vor allem durch nicht-investive Maßnahmen gefördert werden, denn ein gelungener Empfang am Hauptbahnhof lohnt nur bei einer insgesamt lebenswerten Stadt. „Wuppertal wehrt sich!“ ist hier zentral. Die mir bekannten Kandidaten finden Programme und Maßnahmen wichtiger als parteipolitische Pietäten; auch die ersten Wahlplakate überzeugen durch inhaltliche und gestalterische Qualität. Wuppertal und seine Politiker scheinen es anzupacken. Weiter so! Thilo Küpper, Veranstalter Kunst Cluster ELBA-Fabrik ![]() DIE BÜRGERSCHAFT IST GEFRAGT TROTZ DER SPARZWÄNGE KÖNNEN DIE STADTTEILE ATTRAKTIVER WERDEN Manche Wähler mögen noch Hoffnung in sich tragen, dass sich ihre Stadt ab Ende August mit den richtigen Politikern in die richtige Richtung bewegt. Gertrud Heinrichs, Abteilungsleiterin Stadtteilarbeit in Wuppertal, sieht das anders. „Die Politiker hier werden auch nach der Kommunalwahl fast keine Spielräume haben, etwas zu bewegen. Da könnten sie sich noch so viele Widerstände überlegen – das bringt nichts.“ Viele Rahmenbedingungen, etwa mit Blick auf den Döppersberg-Umbau, seien bereits jetzt „so festgezurrt, dass sich Szenarien nicht mehr ändern. Egal welche Partei die Mehrheit bekommt.“ Darauf müssten sich die freien Träger wie auch die Bürger einstellen. Allenfalls sei in punkto Haushaltssicherungskonzept Bewegung möglich, überlegt Heinrichs – aber auch dabei „sind die Verschiebemöglichkeiten von einem Topf in den anderen so gering, dass sich am Ende sowieso nichts ändert“. Chancen für Wuppertal und seine Projekte für Stadtteilentwicklung indes sieht Heinrichs da, wo Bürger Einsatz zeigen. Wenn die Stadt notwendige Eigenanteile für Maßnahmen zugunsten des Stadtbilds und des Zusammenlebens nicht aufbringen kann, seien Bürger gefordert, die Mittel zusammenzutragen. Unter anderem die Nordbahntrasse und das Freibad Mirke seien Beweise dafür, dass es sich lohnt, für eine Sache zu kämpfen, und dass auch Privatpersonen ausreichend Energien aufbringen könnten. „Initiativen sind gefragt“, sagt Heinrichs – und in dem Zusammenhang wünscht sie sich, dass die politischen Vertreter vor Ort ihre Bande zu den Wuppertaler Bewohnern ganz eng knüpfen und eben solchen Initiativen den Weg ebnen. TONIA SORRENTINO Stadtteilarbeit Das Stadtteilbüro Ostersbaum ist eines der vielen Projekte des Stadtumbaus West, die von der Streichung der Landesmittel betroffen sind. Noch bis Ende kommenden Jahres ist der Betrieb des Stadtteilbüros gesichert – was danach kommt, ist Gertrud Heinrichs zufolge bisher nicht abzusehen. Das Stadtteilbüro setzt sich dafür ein, den Ostersbaum für seine Bewohner attraktiver und lebenswerter zu machen, unter anderem mit offenen Treffs, Festen und Umgebungsverschönerungen. Träger des Stadtteilbüros ist das Nachbarschaftsheim. ES MUSS EIN UMDENKEN STATTFINDEN DER GRÜNDER DER BANDFABRIK FORDERT EINEN WECHSEL IN DER KULTURFÖRDERUNG Als Erhard Ufermann vor zehn Jahren den Kulturverein „bandfabrik“ ins Leben rief, stieß seine Idee zwar auf Zustimmung, gleichzeitig aber auch auf große Skepsis. Langerfeld sei einfach zu abgelegen. Doch genau das wollte Ufermann ja: eine Einrichtung, die Kunst und Kultur aus der Innenstadt heraus in die Teile der Städte holt, in denen die Menschen leben – fußläufige Kultur eben. Außerdem wollte Ufermann mit dem Verein marginalisierten Menschen eine Anlaufstelle bieten. Als „Knastpfarrer“ war der studierte Theologe 19 Jahre lang in der JVA Wuppertal tätig und hat Inhaftierten mit kulturellem und künstlerischem Schaffen geholfen, sich aus ihrer Isolation zu befreien. „Die Menschen bekommen mit kultureller Arbeit die Möglichkeit, sich auf kreative und innovative Weise auszudrücken und neu zu integrieren“ sagt Ufermann. Deshalb arbeiten seither Haftentlassene, aber auch Langzeitarbeitslose und Drogenabhängige auf ehrenamtlicher Basis in der bandfabrik. Trotz des großen Engagements ist die Arbeit aber alles andere als einfach. Auf niedrigstem finanziellen Niveau kämpft die bandfabrik seit Jahren ums Überleben. Langzeitarbeitslose und Drogenabhängige arbeiten ehrenamtlich in der bandfabrik Projektbezogene Förderungen bekommt der Verein zwar, aber oft reichen die Mittel gerade, um die Portokosten für Einladungen zu decken. „Die Stadt hat noch nicht begriffen, dass nicht nur Hochkultur die Lebensqualität steigert und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden ist, sondern auch die Freie Szene sehr viel Potential bietet, das es zu unterstützen gilt.“ Selbstverständlich weiß Ufermann, dass es weder kleine noch große Kultureinrichtungen leicht haben. „Aber es muss ein Umdenken stattfinden“, meint er, „solange bis zur Bewegungsunfähigkeit gespart wird, wird nichts passieren – leider werden daran aber auch die Wahlen nichts ändern.“ Ans Aufgeben denkt in der bandfabrik trotz allem niemand: Mit Unterstützung der Stadtsparkasse, einigen Einzelhändlern und der großen Hilfe der ehrenamtlich Beschäftigten feiert der Verein vom 6. bis 9. August seinen 10. Geburtstag – am Rand von Wuppertal und mit viel außergewöhnlicher Kultur. JENNIFER ABELS Freitag, 26. Juni 2009DIE NORDBAHNTRASSEÜBER DEN DÄCHERN DIE NORDBAHNTRASSE VERBINDET WUPPERTAL UND SPALTET DIE WUPPERTALER ENGELS-THEMA IM JUlI:
Der Riese von Wichlinghausen, Foto: Tonia Sorrentino In einem Jahr wird der spektakuläre Fuß- und Radweg eröffnet. engels schaut in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Strecke. Es kommen Befürworter und Skeptiker zu Wort. Ein Ortstermin führt beispielhaft zur bereits bestehenden Samba-Trasse, die zuvor einmal Straßenbahnlinie war. Und es wird zum Viadukt nach Wichlinghausen-Süd spaziert. Mary Poppins und Alice im Wunderland – in diesen wunderbar abgedrehten Märchen der englischsprachigen Literatur können Teetassen und Kaninchen sprechen, die Handlung findet an der Wohnzimmerdecke statt, die wahre Liebe hingegen zwischen Schornsteinen. Wahrscheinlich stand bei diesen Werken die Stadt Wuppertal Patin. Straßenbahnen fahren hier schon seit über hundert Jahren auf dem Kopf. Und im kommenden Jahr soll es möglich sein, zu Fuß, mit Inlinern und mit dem Fahrrad über den Dächern der Bergischen Metropole zu reisen. „DER ATTRAKTIVSTE RADWEG DER WELT“
So soll die Nordbahntrasse im kommenden Jahr aussehen, Foto: Fotomontage Wuppertalbewegung engels: Herr Gerhardt, wird Wuppertal mit Fertigstellung der Nordbahntrasse Ökotopia? Zur Person: INTERVIEWs: LUTZ DEBUS „EINE DISKUSSION MUSS ERLAUBT SEIN“ engels: Herr Liesendahl, was flattert in Wuppertaler Tunneln? Zur Person: LAUFEN MIT LÖWENGEBRÜLL
Sambatrasse - kein Tiger im Tank, Foto: Jennifer Abels Da ertönt der kreischende Ruf eines Affen, jäh schreit dort ein exotischer Vogel – plötzlich wird das Gebrüll eines Löwen laut! Was nach wilder Dschungelsafari klingt, ist tatsächlich ein Spaziergang mitten im Herzen des Bergischen Landes – auf der Samba-Trasse in Wuppertal, die über Teile der Gehege des Wuppertaler Zoos führt. Seit drei Jahren wird der rund elf Kilometer lange Rad- und Wandererlebnisweg neben dem jährlichen Sambatrassenlauf für viele sportliche Aktivitäten genutzt. Radfahrer, Jogger, Nordic-Walker und Spaziergänger tummeln sich hier bei schönem Wetter. Die Wuppertaler lieben die Trasse aber nicht nur, weil sie fast ohne Steigung und ihrem Waldboden die ideale Strecke für sportliche Aktivitäten bietet. Die Anwohner genießen besonders das viele Grün in unmittelbarer Nähe zur Stadt.
EIN RELIKT VERSTECKT SEINE GESCHICHTE Majestätisch, aber auch gleichsam unbeholfen reckt sich das Viadukt über die Straßen im Stadtteil Wichlinghausen-Süd einem mit grauen Wolken verhangenen Sonntagshimmel entgegen. Von Weitem erinnert es an ein großes Säugetier, das sich seinen Weg durch die aus seiner Perspektive mäusegroßen Gassen bahnt, bemüht, nichts zu zertrampeln und mit spitzen Zehen nur da aufzutreten, wo die niemals endende Städtebebauung ein wenig Luft gelassen hat. Nähert man sich dem denkmalgeschützten Bauwerk, schwindet der Anteil seiner faszinierenden Anmutung, als habe es aufgegeben, zufällige Passanten beeindrucken zu wollen: Verwaschen wirkt die Oberfläche der einst wohl leuchtend roten Ziegelsteine, die sich von der Straße in die Höhe türmen und dem Viadukt seine charakteristische Form geben. Von Graffiti überraschend stark verschont sammeln sich Schicht um Schicht Kalk und wetterbedingte Schwärze an den Steinen. Ein hässlicher Kontrast. Dienstag, 26. Mai 2009Europa hat die WahlWUPPERTAL – STRASSBURG: 408 KM AM 7. JUNI WIRD EIN NEUES EUROPAPARLAMENT GEWÄHLT ENGELS-THEMA IM JUNI:
Problemlose Partnerschaften sind selten, Foto: Mareike Wahle Die Grünstreifenhoheit hat eindeutig die Sozialdemokratie in unserer Stadt errungen. Mit ihren großformatigen Plakatwänden besetzten die Sozis als Erste die Freiflächen an der Magistrale. Und so, wie sie immer zwischen den beiden Friedrichs, dem ollen reaktionären Ebert und dem noch olleren, aber revolutionären Engels eingequetscht waren, sind sie auch heute noch in ihrer Wagenburg zuhause. Mit den Plakaten auf der B7 polemisieren sie sowohl auf der Friedrich-Engels-Allee wie auf der Friedrich-Ebert-Straße gegen alle politisch Andersdenkenden. Links von Münteferings ehemaliger Volkspartei gibt es, so die Aussage der Karikaturen, nur Haarföhne, rechts nur Geizkragen und Kredithaie. Ob so die SPD zusammen mit den bei der Kampagne geschonten Grünen eine Mehrheit erringen kann, ist fraglich.
Wa(h)l auf dem Trockenen?, Foto: Sven Siebenmorgen
Zur Person: engels: Frau Wagenknecht, wie unterscheidet sich Ihr Verhältnis zur EU von dem Verhältnis, das die CSU zur EU hat? „NICHT NUR FOTOS MIT KNUT“
engels: Herr Giegold, wie sähe ein grünes Europa aus?
Mittwoch, 29. April 2009arbeit (für) alleWIE EINST IM MAI DIE WIEDERENTDECKUNG EINES FEIERTAGES Bald ist es wieder soweit. Die Bollerwagen werden mit Bierkästen, Schnapsflaschen und Birkenzweigen geschmückt. Und dann wird so viel getrunken, was nach den vorabendlichen Tanzveranstaltungen Kopf, Magen und Leber noch bewältigen können. Der 1.Mai hat sich in den letzten Jahrzehnten zum Schönwetterfeiertag entwickelt. Dabei geht es dem gesetzlichen weltlichen Feiertag wie seinen kirchlichen Kollegen. Ostern! Starb da nicht ein Hase? Himmelfahrt! Der Gründungstag der NASA? Pfingsten! Irgendwas mit Ochse überm Feuer? Auch der 1. Mai büßte an Bedeutung als „Tag der Arbeit“ ein. Die Menschen in einer individualisierenden Gesellschaft verlieren zunehmend den Bezug zu Tradition und Gruppenzugehörigkeit. Der 1. Mai als gewerkschaftlicher Kampftag existiert bereits seit über 120 Jahren. Arbeiter in den USA streikten, um den Achtstundentag zu erzwingen. Später institutionalisierte sich der Termin weltweit. In Deutschland wurde der Tag – Ironie der Geschichte – erst nach Machtergreifung der Nazis zum staatlichen Feiertag. Sogar sozialdemokratisch geführte Regierungen der Weimarer Republik ließen die Arbeiter an ihrem Festtag weiter arbeiten. Im geteilten Deutschland von 1949 bis 1989 teilte sich auch der Feiertag. Hüben gab es Bratwurst und Bier, drüben eine Mischung aus Militärparade und Karnevalszug. Nach der Wiedervereinigung weitete sich das westliche Modell des arbeits- und sinnfreien Tages auf den Osten aus. Erst in den letzten Jahren, so der Vorsitzende des DGB-Bezirk NRW Guntram Schneider, habe es wieder mehr Interesse an den gewerkschaftlichen Veranstaltungen gegeben. „Der Mai hat an Aktualität gewonnen.“ Die Teilnehmerzahl sei in den letzten zwei bis drei Jahren angestiegen. Jetzt, im Angesicht drohender Massenarbeitslosigkeit, spreche, so der Gewerkschaftler, einiges dafür, dass sich viele Menschen in Deutschland an den DGB-Protesten unter dem Motto „Arbeit für alle!“ beteiligen. Das Programm im Bergischen Land zeigt tatsächlich eine bemerkenswerte Vielfalt bezüglich der Aktionen und Akteure. In Wuppertal beginnt der Tag mit einem Ökumenischen Gottesdienst in der City-Kirche. Zu dieser Veranstaltung hat der DGB in sein Logo eigens ein Kreuz eingefügt. Bei jener Veranstaltung teilen sich drei Rednerinnen und Redner das Thema. Während Uta von Winterfeld vom Wuppertal-Institut (siehe Interview nächste Seite) problematisiert, um welche Art von Arbeit es in Zukunft gehen kann, fragt Birgit Timmermann vom Katholikenrat, wen das „Alle“ im Motto des Tages meint. Tatsächlich sind die Folgen der Finanzkrise in anderen Ländern sehr viel dramatischer. Dietmar Bell von ver.di schlussendlich wird über das Thema „Fairer Lohn“ sprechen. Später wird SPD-Bundesvorsitzender Franz Müntefering auf dem Laurentiusplatz referieren. Das Spektrum der beteiligten Gruppen ist weit: Einzelgewerkschaften, Amnesty International, Frauen- und Migrantengruppen, SPD, Grüne, Linke und sogar die altehrwürdige DKP beteiligen sich am Fest. Ähnlich bunt geht es in den Nachbarstädten zu. In Solingen findet zusätzlich zum Ökumenischen Gottesdienst eine Gebetsandacht in der Moschee des islamischen Kulturvereins statt. Ein Halbmond ist im DGB-Logo allerdings noch nicht berücksichtigt. In Remscheid werden DGB-NRW-Chef Guntram Schneider und NRW-Regierungschef Jürgen Rüttgers sprechen. Es ist kaum zu glauben, wie Marktradikale in Talkshows inzwischen zu Rätesozialisten mutieren „Zwei echte Arbeiterführer“, scherzt Schneider vorab, und spielt auf das bislang nicht immer erfolgreiche Agieren des Ministerpräsidenten in Sachen BenQ, Nokia und Opel an. Der Gewerkschaftsvorsitzende wird sich, so seine Aussage, von denen, die erst seit einigen Monaten neoliberalen Ideen kritisch begegnen, klar abgrenzen. „Es ist kaum zu glauben, wie Marktradikale in Talkshows inzwischen zu Rätesozialisten mutieren.“ Jene würden nach Beendigung der Krise aber weitermachen wie bisher. „Die wollen das Kasino schnell wieder öffnen. Wir aber wollen, dass es dauerhaft schließt.“ Schneider fordert eine internationale Zertifizierung von Finanzprodukten. „Jeder Haarföhn bekommt ein Sicherheitssiegel, damit Sie ein Kurzschluss nicht umbringt.“ Für Vermögensanlagen müssten da gleiche Maßstäbe gelten. Aber auch anderen Unterstützern gewerkschaftlicher Forderungen begegnet Nordrhein-Westfalens Chefgewerkschaftler skeptisch. Die Einheitsgewerkschaft müsse zwar für viele politische Strömungen eine Heimat bieten. Allerdings, Parteien, die nicht regieren, sondern nur entlarven und anklagen wollen, seien wenig hilfreich, erklärt Schneider. „Entlarven und anklagen können wir selbst.“ Über den 1. Mai hinaus wird das Thema „Arbeit für alle!“ aktuell bleiben. Wichtige Unternehmen der Automobilindustrie stehen vor der Insolvenz. Und gerade das Bergische Land ist von diesem Wirtschaftszweig stark abhängig. Die Gewerkschaften werden sich noch einiges einfallen lassen müssen. Denn in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit ist Streik eine eher stumpfe Waffe. LUTZ DEBUS ENGELS-THEMA IM MAI: „FÜR EIN BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN“ „ERWERBSARBEIT VERWANDELT ROHSTOFFE IN MÜLL“ NARBEN BLEIBEN RADWANDERN ÜBER DEN DÄCHERN DER STADT Donnerstag, 26. März 2009FreiheitSECHS VARIATIONEN ÜBER DIE FREIHEIT ANNÄHERUNGEN AN EIN VIELSCHICHTIGES THEMA Historisch Alte Freiheit – ihren Namen verdankt die inzwischen zur Einkaufsschlucht gegossene Beton- und Steinlandschaft im Herzen Elberfelds der über tausendjährigen Geschichte der Stadt. Eine Fliehburg stand damals im umfriedeten Teil der Festungsanlage. Und so galt schon im Frühmittelalter die höchst dialektische Trennung: hier Freiheit, dort Frieden. In der Burg gab es nur partiell Freiheit, es herrschten Freiherren und Freifrauen. Die waren also frei. Alle anderen lebten als Knechte. Draußen wiederum lagerten wahlweise Franken, Sachsen, Raubritter und Wegelagerer. Diese galten als frei, deshalb nannte man den Platz vor der Burg „Freiheit“. Und die ist nun, in die Jahre gekommen, zur alten Freiheit geworden. Viel geändert hat sich aber seitdem nicht. Dort der Hauptbahnhof und die Bundesbahn mit Freiherr von Mehdorn und seinen ausgehorchten Vasallen, hier die letzten Heroen unserer Zeit mit ihrem Heroin. Künstlerisch eindrucksvoll hat ein kreativer Geist dort, wo Nichtsesshafte „Platte“ machen, den Freien und Vogelfreien unserer Zeit ein Denkmal gesetzt. Eine Metallgestaltung in Form eines Sarges erinnert an das Endliche aller Freiheit. Fiskalisch Stolz ragt der steile Zahn in den freien Himmel. Die Sparkasse zu Wuppertal ist zwar nicht ganz so hoch wie das Gebäude der Deutschen Bank in Frankfurt, dafür sind deren Zahlen aber auch nicht ganz so rot. In den letzten krisengeschüttelten Monaten haben die deutschen Sparkassen und somit auch unsere Sparkasse viele Kunden gewonnen, die zuvor bei privaten Geldinstituten Roulette spielten. Vielleicht, so die altertümliche und inzwischen wieder beliebte Weltsicht, kann Geld verliehen werden, damit Produktionsmittel angeschafft werden. Das Verleihen von verliehenem Geld, um verliehenes Geld zurückzuzahlen, das jemand geliehen bekommen hat, um geliehenes Geld zurückzuzahlen, kommt gerade aus der Mode. Vor gut einem halben Jahr nannten das Betriebswirtschaftler noch „Freier Markt“. Ein kleiner Wermutstropfen sei erwähnt. Die Sparkasse unterhält auch Geschäftsverbindungen zur Westdeutschen Landesbank. Jenes Düsseldorfer Geldinstitut machte bei der Kettenbriefaktion der weltweit entfesselten Finanzmärkte intensiv und erfolglos mit. Unterirdisch Unter den Gullideckeln plätschert und gluckert es. Ein gewohntes, ja beruhigendes Geräusch. Doch wie lange noch? Sind die flüssigen Abfallstoffe der Stadt vielleicht bald heimatlos? Einige Jahre war man so frei und verhökerte alles, sogar das, was niet- und nagelfest war, an Meistbietende. Unsere Kanalisation gehörte deshalb bald einem US-amerikanischen Leasingpartner. Crossboarder hieß das Zauberwort. Nicht nur die Banken, auch die öffentlichen Hände hofften, im freien Markt den schnellen Euro zu erzielen. Dass nun, auch im Zuge der Banken- und Versicherungspleite, die hiesige Müllverbrennungsanlage zu einer Geldverbrennungsanlage werden könnte, hat sich manch marktliberaler Kommunalpolitiker nicht träumen lassen. Diese verkünden aber inzwischen Entwarnung. Der US-Deal kostet den Wuppertaler nichts. Kann man ihnen glauben, wenn die Freiheit diesmal als „Freiheit vor Verantwortung“ in 1.000seitigen geheimen Verträgen versteckt ist? Tierisch Nur gut, dass der Zoo noch nicht an eine ausländische Fernsehanstalt verkauft wurde. Sonst müssten sich die dort beschäftigten Raubtierpfleger in Castingshows zum Affen machen. Einer der Löwenbändiger hat das bei Dieter Bohlen schon gemacht? Nun gut, auch eine tüchtige öffentliche Verwaltung kann nicht jede Katastrophe verhindern. Und der verhinderte deutsche Superstar mit der Löwenmähne hat sich einfach die Freiheit genommen. Aber Vorsicht, nicht jeder Wuppertaler wird bei RTL Millionär. Parteiisch Die Freie Demokratische Partei Deutschlands hat so unterschiedliche Charaktere wie Hildegard Hamm-Brücher und Jürgen W. Möllemann hervorgebracht. Politisch ist diese Partei also irgendwo zwischen Mahatma Gandhi und Muammar al-Gaddafi zu verorten. Während die Bundespartei demoskopisch demnächst die Sozialdemokratie überholt, wird Wuppertal aber noch immer nicht von der FDP regiert. Die Ratsfraktion kümmerte sich im vergangenen Jahr um die Einrichtung von Taubenhäusern. Dabei geht es nicht um Obdach für Gehörlose, sondern um ein perfides Täuschungsmanöver. Eier werden gegen Gipseier getauscht. Ökologisch Unsere Bundesregierung hat eine Umweltprämie erschaffen. Wer seinen alten Golf-Diesel mit fünf Liter-Verbrauch gegen einen Porsche Cayenne mit 15 Litern Verbrauch eintauscht, bekommt satte 2.500 Euro Ökobonus vom Staat. Freie Fahrt für freie Bürger, der alte Slogan gewinnt wieder an Tempo. Dahinter steckt natürlich nicht in erster Linie der Wunsch, nett zu Umwelt und Klima zu sein, sondern der hiesigen Automobilbranche zu helfen. Viele Autoteile werden auch in und um Wuppertal fabriziert. Nur zieren sich im Moment die Firmen, sich als Opel-Zulieferer zu outen. Etliche Arbeitsplätze seien in Gefahr, wird gemunkelt. Vielleicht brauchen wir in diesen Zeiten nur eine neue orwellsche Sprache. Nachdem schon kalorien-, koffein- und alkoholfreie Produkte beliebt sind, könnte die Zukunft doch im arbeitsfreien Leben liegen. Lutz debus „IHRE TATEN VERSTEHE ICH“ DIE WUPPERTALERIN FADIA MANSOUR ÜBER PALÄSTINA, GEWALT UND FREIHEIT engels: Frau Mansour, Sie waren in Palästina. Wie war es? Fadia Mansour: Wir leben in Deutschland in luxuriösen Häusern und Wohnungen, die Palästinenser aber oft in einfachen Hütten. Trotzdem hört man dort so viel Lachen. Die Menschen in Palästina wissen, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Wie geht es Ihnen als Frau mit dem Islam? Meine Familie ist sehr gläubig. Ich bin die einzige, die kein Kopftuch trägt. Meine Mutter sagt: „Mach es, wenn du es möchtest.“ Aber auch ich halte mich an Regeln. Ich bin so erzogen. Ich habe keinen Freund. Ich gehe abends nicht auf Partys. Im Sommer trage ich keinen Minirock. Ich vermisse das alles aber auch nicht. Ich muss meine Haut nicht zeigen. Ist Haut-Zeigen Freiheit? Sie haben einen Film über Palästina gedreht. Wie wirkt er auf das Wuppertaler Publikum? Bei der Premiere im November waren viele Zuschauer von den Bildern gefesselt. Eine Frau allerdings stand auf und ging. Später schrieb sie mir, dass wir nicht neutral genug waren. Andere wiederum kritisierten den Film, weil er ihrer Meinung nach noch zu harmlos war. Welche Szene finden Sie in Ihrem Film am eindrucksvollsten? Ein Mann erzählte, wie seine Tochter auf dem Schulhof spielte, wie israelische Soldaten kamen, wahllos in die Gruppe von Kindern schossen, wie er den Tod seiner Tochter im Krankenhaus erlebte. Können Sie Selbstmordattentäter verstehen? Ihre Taten akzeptiere ich nicht. Aber ich verstehe sie. Viele haben ihre Kinder verloren. Was sollen sie machen? Das einzige, was ihnen geblieben ist, ist ihr eigenes Leben. Gibt es einen Weg aus dieser Gewaltspirale? Israel müsste sich besinnen und einen Staat Palästina akzeptieren. Die israelischen Siedlungen in Palästina müssten verschwinden. Es braucht zwei Staaten. „DANACH KAM DER ZWANG ZUR FREIHEIT“ DER JAZZER DIETRICH RAUSCHTENBERGER ZUR DIALEKTIK DES LIBERTÄREN engels: Herr Rauschtenberger, Sie haben den Free-Jazz erfunden? Dietrich Rauschtenberger: Nein. 1960 habe ich Peter Brötzmann getroffen. Erst haben wir im Duo gespielt, später kam Peter Kowald dazu. Es war eins der ersten Trios in Deutschland und Europa, das Free-Jazz gespielt hat. Aber ich möchte das nicht besonders betonen, meine Rolle war nicht so bedeutend. Gibt es historische Ursachen, warum in jener Zeit der Free-Jazz populär wurde? Den Aufbruch der freien Musik muss man im historischen Zusammenhang der Sechziger Jahre sehen, ohne den der Free-Jazz nicht die Bedeutung erlangt hätte. Wir wollten uns von Zwängen befreien, allerdings kam danach der Zwang zur Freiheit. Das deutsche Free-Jazz-Publikum erlebte ich als sehr rigide. Das Free-Jazz-Publikum war überall rigide. Na, Willem Breuker aus den Niederlanden durfte auch lustig sein. Witzigkeit kann auch zwanghaft sein. Offenheit auch. Wir fanden es früher besonders frei, dass die Holländer keine Gardinen vor den Fenstern hatten. In Deutschland gab es in dem Fall Ärger mit dem Hauswirt. Die Gardinenlosigkeit der Holländer bedeutete auch: Seht her, bei uns ist alles in Ordnung. Und jeder musste mitmachen. Das kann auch ein Zeichen von Unfreiheit sein. Hat Freiheit auch etwas mit Markt zu tun? Die DDR war in der westlichen Wahrnehmung total unfrei. Jazzkonzerte waren dort immer ausverkauft, denn Jazz brachte die Botschaft der westlichen Freiheit. Nach der Wende war das schlagartig vorbei. Man brauchte die Freiheit nicht mehr zu hören, man konnte sie jetzt überall kaufen. Und was ist Freiheit nun für Sie? Vielleicht geht es um die Freiheit, sich selbst Regeln zu geben. Und wenn man hinterher merkt, dass es dieselben Regeln sind, die schon immer gegolten haben, hat man es wenigstens versucht. INTERVIEWs: LUTZ DEBUS Dienstag, 24. Februar 2009Frauen bewegen
EIN FRAUENSCHICKSAL, DAS MUT MACHEN KANN Der riesige Traumfänger über ihrem Bett ähnelt einem Spinnennetz, und “WIR SIND NOCH IMMER AUF DEM WEG” RITA SÜSSMUTH ZU DEN ERFOLGEN DER FRAUENBEWEGUNG UND ZUR POLITIK DER MERKEL-REGIERUNG engels: Frau Süssmuth, inzwischen gibt es eine dritte Außenministerin der USA, eine Bundeskanzlerin. Hat die Frauenbewegung ihre Ziele erreicht? Zur Person
CHRISTEL HORNSTEIN ÜBER GLEICHBERECHTIGUNG AN DER UNIVERSITÄT engels: Frau Hornstein, ist der Internationale Frauentag für Wuppertals Studentinnen ein Tag zum feiern?
Montag, 26. Januar 2009EBBE AN DER WUPPERKONTRAPUNKTE IM STREICHKONZERT WIE REAGIEREN DIE INITIATIVEN IN WUPPERTAL AUF DEN FINANZIELLEN KAHLSCHLAG AUS DÜSSELDORF? Wuppertal bewegt.Sich.Mich.Dich. Dieses Motto galt nicht nur für den NRW-Tag im August 2008. Auch in den Stadtteilen hat sich im den vergangenen zwei Jahren viel bewegt. Doch kurz vor Weihnachten erhielt die Stadtverwaltung vom Regierungspräsidium in Düsseldorf niederschmetternde Post. Die kommunale Finanzaufsicht verweigerte der Stadt, die nötigen Eigenmittel für vom Land bereits genehmigte und bezuschusste Projekte aufzubringen. Landesförderungen von insgesamt mehr als 200 Millionen Euro für Projekte des Stadtumbaus West können nun nicht mehr nach Wuppertal fließen, weil die Stadt ihren Eigenanteil von 20 Prozent nicht mehr aufbringen darf. Zurzeit herrscht Stillstand. Und Ratlosigkeit. Eine Umfrage unter Betroffenen: PAULUSKIRCHE UNTERBARMEN (TEILWEISE STREICHUNG DER MITTEL) „Wir planen die Ertüchtigung der Pauluskirche: Als Kultur- und Veranstaltungskirche benötigt sie unter anderem Sanitäranlagen und einen barrierefreien Zugang. Das kostet 280.000 Euro. 20 Prozent steuert der Freundeskreis bei, 80.000 Euro würde die evangelische Gemeinde übernehmen. Ohne die Unterstützung des Landes wären wir aufgeschmissen – aber dass uns Mittel gestrichen werden, sehe ich noch nicht. Wir warten ab, was unsere Gespräche mit Stadt und Land ergeben.“ Hermann Burmeister, Vorsitzender Freundeskreis Pauluskirche e.V. WQG – WUPPERTALER QUARTIERENTWICKLUNGS-GMBH „Wir lassen die Menschen nicht im Stich. Wir machen weiter. Wie die Projekte finanziert werden können, steht noch nicht fest – aber wir wollen kämpfen und diese falschen Entscheidungen für unsere Stadt nicht hinnehmen. Unsere Saat geht nach zwei Jahren gerade auf, wir sind mitten in neuen Projekten. Ohne persönliche Beratung über die Perspektiven des Stadtteils geht es definitiv nicht, man kann nicht nur in Steine investieren.“ Michael Weiger, Geschäftsführer STADTTEILBÜRO OSTERSBAUM „Bei uns herrscht große Betroffenheit. Die Bürger müssen damit rechnen, dass das Stadtteilbüro geschlossen wird. Konsequenzen: Wir könnten etwa Baumaßnahmen nicht mehr gemeinsam mit Bürgern planen, Treppen nicht weiter verschönern, Organisation des Offenen Treffs und des Frühstücks für Arbeitslose sowie Integrationsprojekte entfallen, Begegnungsprojekte wie Spiel- und Sportfest sind stark gefährdet. Denn ob das alles jemand ehrenamtlich macht, ist fraglich.“ Gertrud Heinrichs, Abteilungsleiterin Stadtteilarbeit ZWISCHENNUTZUNGSAGENTUR „Zum 30. April läuft die aktuelle Förderung aus. Danach müsste die Zwischennutzungsagentur vorerst eingestellt werden – dabei könnten wir jetzt, nach eineinhalb Jahren Strukturaufbau, so richtig loslegen. Wir wollen die wirtschaftliche Entwicklung der Stadtteile verbessern helfen, sonst droht die soziale Lage zu kippen: mehr Arbeitslosigkeit, noch mehr Leerstände. Deshalb hoffen wir, dass die Landesregierung unserem Projekt Pilotcharakter zuspricht, damit wir nicht an der kommunalen Finanzierung scheitern. Eine Alternative sehe ich nicht – die große Alternative wäre, die Kommunen insgesamt zu entschulden.“ Thomas Weyland, Projektleiter TONIA SORRENTIONO Weiterhin sind u.a. folgende Projekte von der Streichung betroffen: Integration 1. Generation, Talente, Beraterpool, Innovationsagentur, Hof- und Fassadenprogramm, Energieberatung, Quartierbüro Oberbarmen/Wichlinghausen, Außenfläche Skaterhalle “ALLE OPTIONEN PRÜFEN” PETER JUNG ZU DER POST AUS DÜSSELDORF UND NÖTIGEN KONSEQUENZEN engels: Herr Jung, die Bezirksregierung verhindert die Förderung vieler Quartierprojekte. Hat die Kommunalpolitik Fehler gemacht? Peter Jung: Nein. Wir haben erfolgreich Projekte zur Förderung vorgeschlagen – Projekte, die ja auch das Städtebauministerium im Sinne einer integrativen Quartiersförderung ausdrücklich von uns gefordert hat. Die Maßnahmen wurden in das Städtebauprogramm des Landes aufgenommen, sind also dort finanziert, und wir haben auch unsere Eigenanteile in unserem Haushalt veranschlagt. Nun untersagt uns die Bezirksregierung als Kommunalaufsicht, diese Eigenanteile auch dafür auszugeben. Gibt es noch Chancen für die Projekte? “Die Ministerien müssen untereinander zunächst einmal eine Klärung herbeiführen.” Es wird schwierig. Wir müssen alle Optionen prüfen: Können die Eigenmittel in dem ein oder anderen Fall von Dritten eingebracht werden? Natürlich werden wir im Gespräch mit Innenministerium und Bezirksregierung die neue Linie gegenüber den Kommunen hinterfragen. Es kann ja nicht sein, dass ein Ministerium des Landes genau solche integrativen Quartiersprojekte von uns verlangt und ein anderes Ministerium sie uns untersagt. Da müssen die Ministerien untereinander zunächst einmal eine Klärung herbeiführen. Sollten Wuppertaler demnächst in die neuen Bundesländer angesiedelt werden, um eine funktionierende Infrastruktur nutzen zu können? Da bräuchten sie nur bis Düsseldorf zu ziehen, wo ja über beitragsfreie Kindergartenjahre diskutiert wird... Nein ernsthaft: Eine Neiddebatte bringt keinen weiter. Es geht ganz einfach darum, alle Städte so auszustatten, dass sie ihre Leistungen für die Bürger erbringen können – egal in welchem Bundesland. Welche Forderungen haben Sie an Bund und Land? Wir fordern Wege aus der Schuldenfalle: eine aufgabenangemessene Finanzausstattung, klare Regeln der Schuldenbegrenzung, eine unabhängige Haushaltsaufsicht für die Kommunen, Eigenkapitalhilfe und auf längere Sicht auch die Möglichkeit, bei Bedarf Generationenbeiträge zum Schutz künftiger Steuerzahler erheben zu können. Damit ist gemeint, dass für außerordentliche Bürgeransprüche eine Art Sonderumlage erhoben werden kann, um den Bürgern zu verdeutlichen, was ihre Wünsche die Allgemeinheit kosten. Peter Jung ist Oberbürgermeister von Wuppertal „Kalter Zynismus“ Dietmar Bell zu dem drohenden Aus für viele Projekte der Stadtentwicklung engels: Herr Bell, die Bezirksregierung verhindert die Förderung vieler Quartierprojekte. Hat die Kommunalpolitik Fehler gemacht? Dietmar Bell: Die Finanzierungsanteile der Stadt waren gesichert. Alle Signale die uns vorlagen aus der Landesregierung vorlagen, waren positiv. Wir mussten von einer Genehmigung der Projekte ausgehen. Deshalb hat es keine Fehler der Kommunalpolitik gegeben. Was hier passiert ist an kaltem Zynismus kaum noch zu überbieten. Einer Stadt wie Wuppertal, mit besonders großen wirtschaftlichen uns sozialen Problemen streicht diese Landesregierung die Projekte zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Ein verheerendes politisches Signal. Gibt es noch Chancen für die Projekte? Das wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es uns gelingt, Widerstand und Protest zu organisieren. Die Wuppertalerinnen und Wuppertaler müssen erkennen, dass es hier um eine sehr grundsätzliche Frage politischer Gestaltungsmöglichkeit geht. Wenn es dem Land gelingt, administrativ durch die Bezirksregierung Beschlüsse des Rates aushebeln zu lassen, dann sind alle Projekte gefährdet, die noch Zuschüsse der Stadt aus freiwilligen Leistungen erhalten. Sollten Wuppertaler demnächst in die neuen Bundesländer angesiedelt werden, um eine funktionierende Infrastruktur nutzen zu können? Wenn man überlegt, dass wir pro Jahr 25 Millionen Euro kreditfinanziert aufnehmen, um den Solidarausgleich zu finanzieren und wir in Ostdeutschland Kommunen haben, deren Infrastruktur deutlich moderner und besser ist als unsere, dann ist das unakzeptabel. Ich will nicht missverstanden werden: Auch dort gibt es „arme“ Städte die auch große Probleme haben. Nur den Solidarpakt II in der jetzigen Form kann es nicht bis 2019 geben. Welche Forderungen haben Sie an Bund und Land?Ich will eine finanzielle Ausstattung der Kommunen, die endlich die unterschiedlichen Realitäten in den Städten zur Kenntnis nimmt und sich ernsthaft der Aufgabe stellt, gleiche Lebenschancen und gleiche Lebensbedingungen in unserem Land zu realisieren. Dazu gehört die Übernahme der Altschulden und eine Finanzierungsstruktur, die Zukunftsfähigkeit schafft. INTERVIEWs: LUTZ DEBUS Dietmar Bell (SPD) möchte im Juni Oberbürgermeister von Wuppertal werden CAPE KENNEDY AN DER ENGELS-ALLEE BESUCH EINES RAKETENBAU-SEMINARS DER JUNIOR-UNI Die Wände der Flure sind zum Teil poppig bunt gestrichen, passen gut zum orangefarbenen PVC-Boden. Tische und Stühle sind typische Schulmöbel. Ansonsten ist die Einrichtung recht spartanisch gehalten. Ein großes Rolltor zum Innenhof befindet sich in der Wand mitten im Seminarraum und klappert obendrein. Doch all das ist nicht wichtig, wenn es um den Wissensdurst geht. Und der soll in diesem Seminar im Bereich Technik gestillt werden. Der Titel „Das geht ab wie eine Rakete“ ist in doppeltem Wortsinn zu verstehen und verrät nicht nur, was genau hier gebaut werden soll. Der Traum manchen Kindes, mit einem selbstgebauten Raumschiff fremde Galaxien zu besuchen, weckt bei den angemeldeten Jungstudenten im Alter zwischen acht und dreizehn Jahren immense Neugier. Souverän sprechen die drei Abiturienten-Dozenten Jan Ehrke (19), Stephan Rath (18) und Thorben Heeckt (20) den heutigen Unterrichtsablauf durch. Eigentlich stand der Düsenantrieb auf dem Programm, doch das dafür benötigte Material ist noch nicht komplett vorhanden. Deshalb muss umdisponiert werden. Schnell haben die drei sich geeinigt und stellen die Stühle für den anfänglichen Stuhlkreis zurecht. Dann werden die 14 Kinderstudenten aus dem Warteraum abgeholt. Am Whiteboard an der Wand steht schon in bunten Lettern das Unterrichtsthema: „Heute: Bau der Startrampe“. „Bauen wir noch einmal Pocket-Rockets?“ Die Kinder haben sich gerade hingesetzt, da kommt schon die fast unvermeidliche Frage: „Bauen wir noch einmal Pocket-Rockets?“ Gemeint sind handliche kleine Mini-Raketen mit Streichholzantrieb, die die Kinder in der vergangenen Stunde begeisterten. Doch der Vorschlag wird von den Dozenten abgelehnt. Der Unterricht darf zwar Spaß machen, aber am Ende des Semesters sollen nun mal keine Mini-Raketen in Serie produziert werden. Es geht bei dem Seminar darum, gemeinsam eine funktionstüchtige Rakete zu bauen und deren Funktion zu verstehen. Schnell wird Werkzeug und Material sowie ein Vorführstück herangeschafft. Nach dem gründlichen Betrachten des Modells samt Besprechung aller technischen Details beginnt für die Jung-Ingenieure und Baumeister der Praxisteil. Die Gehrungssäge kommt für die Standfüße der Rampe zum Einsatz, mit der Stichsäge wird die Plattform ausgesägt, und die Metallrohre werden mit der Handsäge auf die richtige Länge gebracht. Wernher von Braun wäre begeistert. Die Junioruni hat natürlich noch viele andere Angebote im Programm. „Können Gummibären schwimmen“ fragen sich bereits Kindergartenkinder. Grundschüler bauen einen eigenen Zoo. Um chemische Experimente mit Cola geht es bei einem Seminar für Zehnjährige. Aber auch Abiturienten werden mit „Warum Flugzeugreifen anders sind“ angesprochen. Besonders Kindergärten zeigen reges Interesse an dem Angebot der Junioruni. Die meisten Einzelanmeldungen kommen aus den Reihen der Grundschüler. Rund 650 Anmeldungen, so berichtet die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Junioruni Ina Krummsieg, sind seit Gründung des Vereins im Sommer 2008 bereits erfolgt. Dass sich schon ganz kleine Kinder mit komplizierten Themen auseinandersetzen, weiß die Mutter von zwei Söhnen aus eigener Erfahrung. „Ich komme mir manchmal richtig dumm vor, dass ich mir selbst solche Fragen nie gestellt habe.“ Unbeeindruckt von den Streichungen öffentlicher Fördermittel startete am 3. Dezember 2008 in unserer Stadt ein in seiner Art bundesweit einzigartiges Projekt, das von Unternehmen und Bürgern gemeinsam finanziert wird. Die Mitgliedschaft im Förderverein kostet im Jahr 25 Euro, Jugendliche unter 18 Jahren zahlen 10 Euro, Unternehmen und Vereine aus Wuppertal und Umgebung 100 Euro. Wuppertaler Kinder- und Jugend-Universität für das Bergische Land gGmbH I Friedrich-Engels-Allee 357 I Wuppertal I 0202 254 24 06 I www.junioruni-wuppertal.de KIRSTEN DENKER Montag, 5. Januar 2009Wuppertal 20092009 WAS ERWARTEN BEKANNTE WUPPERTALER AUS KULTUR, WIRTSCHAFT, SPORT UND GESELLSCHAFT VOM NEUEN JAHR? Cornelia Albrecht, Geschäftsführerin des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch „Das Tanztheater Wuppertal gastiert in der ganzen Welt, und die Tänzer fühlen sich überall ein bisschen zu Hause. Heute ist jeder, egal, wo er sich befindet, ein Weltbürger, und damit verantwortlich für unseren schönen blauen Planeten. Dem geht es nicht gut, und deshalb wünsche ich uns allen für die Zukunft Mut zu kritischer Kreativität.“ Ralf Budde, Geschäftsführer des TiC-Theaters „Für 2009 wünsche ich dem TiC-Theater alles Gute und bin zugleich hoffnungsvoll, dass die neu formierte Mannschaft den gemeinsam eingeschlagenen Weg genauso erfolgreich weitergeht. Ich freue mich besonders auf die Zusammenarbeit mit unserem Ensemble und meinem Kollegen Stefan Hüfner: Wir haben uns für 2009 ambitionierte Projekte vorgenommen. Wenn wir den Wuppertalern mit unseren Aufführungen Freude bereiten und zu Herzen gehen, war unsere Arbeit erfolgreich.“ Günter Pröpper, einer der erfolgreichsten und populärsten Stürmer Deutschlands, „An erster Stelle steht Gesundheit, für meine Kinder, meine Lebensgefährtin und mich. Mein zweiter Wunsch gilt dem WSV: Die nächste Saison soll besser anfangen als dieses Jahr. Das Ziel ist die Zweite Bundesliga. In der Welt sollen Terror und Kriege aufhören, die Länder sollen sich näher kommen – dafür muss mehr getan werden.“ Gerd Leo Kuck, Generalintendant der Wuppertaler Bühnen, Dramaturg, Regisseur„Am 18. Januar wird das Opernhaus der Öffentlichkeit zurück geschenkt. In der neuen Spielzeit bekommt die künstlerische Leitung der Oper und des Schauspielhauses ein neues Organisationsmodell. Ich bin voll großer Hoffnung, dass die Stadt dieses Haus nicht direkt wieder schließt. Persönlich wünsche ich mir Gesundheit und den langen Genuss vieler Renten.“ Hermann Schulz, Wuppertaler Romanautor„Möge die gebeutelte Barmer Innenstadt nicht durch 1-Euro-Shops und Frittenbuden verwahrlosen! Die Leser dieser Stadt sollten dafür sorgen, dass nicht auch noch die letzten literarischen Buchhandlungen schließen. Meinem geliebten Afrika wünsche ich, der Geist Nelson Mandelas möge stark genug werden, Korruption und Kriege den Garaus zu machen. Für mich selbst? Dass mein nächstes Buch so zu Papier kommt, wie es sich in meinem Innern schon zu Wort meldet.“ Dr. Ulrich Schürer, Direktor des Wuppertaler Zoos „Am meisten liegt mir die Fertigstellung der neuen Anlage für Königs- und Eselspinguine am Herzen – im kommenden Jahr soll das Publikum sich an diesem Anblick erfreuen können. Danach ist die Außenanlage für Zwergschimpansen und Bonobos geplant. Wir wollen, dass es den Besuchern bei uns im Zoo gefällt.“ Eugen Trautwein, Beirats-Vorsitzender der Einkaufsbüro Deutscher Eisenhändler E/D/E GmbH„Ich hoffe, dass der konjunkturelle Tsunami die Bergische Region weitgehend verschont. Analog dazu möge es dem E/D/E gelingen, sich mit ganzer Kraft und ein wenig Glück den schwierigen Szenarien des kommenden Jahres entgegenzustemmen. Meine besten Wünsche für einen 1. Spatenstich gelten den großen städtischen und bürgerschaftlichen Projekten im Tal wie Döppersberg-Nordbahntrasse oder der Neubau „Am Brögel“ für die Junioruni. Persönlich wünsche ich mir, dass es bei einem lebendigen Miteinander im Familien- und Freundeskreis bleibt.“ engels-Thema im Januar:Wuppertal 2009 Statt Bleigießen und Kaffeesatzlesen bietet engels den unverhüllten Blick auf 2009. Was wird werden im Tal und in der Welt? Krise? Chaos? Oder gar ein Jahr voller Chancen? Dazu kommen Promis zu Wort, spricht Wolfgang Sachs vom Wuppertal-Institut, und engels berichtet von wegweisenden Projekten. „FÜR EINEN GRÜNEN KEYNESIANISMUS“ WOLFGANG SACHS VOM WUPPERTAL-INSTITUT ZU ÖKONOMISCHEN AUSSICHTEN UND ÖKOLOGISCHEN VISIONEN engels: Herr Sachs, was blüht uns im Jahr 2009? Sehen Sie hierfür Chancen in der Großen Koalition? Welche guten Vorsätze haben Sie? Zur Person PRIMA KLIMA AUF DEM SCHULDACH In schwindelerregender Höhe mit Blick von der Unterbarmer Schlossstraße über die Stadt zeigen die Schüler Felix, Joshua, Sascha und Joseph ihr Werk. Seit September 2008 sind auf dem Dach der Rudolf-Steiner-Schule Solarmodule in Betrieb. „Das Interesse am Umweltschutz und die Begeisterung für diese Technik motivierten uns zu tatkräftiger Mitarbeit“, berichten die Schüler. Einzeln mussten die Bauteile auf das Schuldach gehievt werden. Auch in dem nicht gerade sonnenverwöhnten Wuppertal soll die Sonne aus ihrem Versteck gelockt werden. Jeder Sonnenstrahl wird mit der Photovoltaik-Anlage eingefangen und zu Strom umgewandelt. 11.000mal mehr Energie strahlt die Sonne auf die Erde als die Menschheit verbraucht, wissen die Jungs. Das Potential der Sonnenenergie ist unerschöpflich. Nach zehn bis elf Jahren soll sich die Anlage amortisiert haben EIN CLIP FÜR DIE ZUKUNFT Wie werden wir leben ohne Polkappen? Wer wird am Ende des Jahrhunderts noch wissen, wie Erdbeeren rochen, bevor ihre Gene verändert wurden? Werden vor Europas Grenzen auch dann noch Flüchtlinge ertrinken? Und was kann man hier und jetzt auf die Beine stellen, um die Zukunft zu verbessern? Ideen, Statements oder Aktionen für eine solidarische, nachhaltige Zukunft sind gefragt bei einem Kurzfilmwettbewerb, den die „Aktion Mensch“ gemeinsam mit dem „Evangelischen Entwicklungsdienst“, dem BUND und der Aktion „Brot für die Welt“ veranstaltet. „Tatort Erde“ heißt das Projekt, und es motiviert dazu, sich auseinanderzusetzen mit der zentralen Frage: „Was kann ich heute für morgen tun?“ DAGMAR KANN-COMANN
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