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Montag, 23. August 2010Schule der ZukunftUND ES WAR SOMMER WIRD UNS DIE SCHULPOLITIK EINEN HEISSEN HERBST BEREITEN? ENGELS-THEMA IM SEPTEMBER: SCHULE DER ZUKUNFT Das neue Schuljahr hat begonnen. In der politischen Diskussion droht ein Kampf um das richtige Schulsystem. Aber geht es nicht eher um ein neues, zeitgemäßes Verständnis von Lernen als um den alten Streit um die bessere Schulform? Und wie kann im Bildungsbereich Chancengleichheit verwirklicht werden?
Wuppertal ist doof. Zu diesem Schluss zumindest muss man kommen, wenn man die handelsüblichen Lernstandserhebungen PISA und IGLU liest. Zwar ist unsere Stadt nicht gesondert aufgeführt als Dumpfbacke der Welt, aber Wuppertal ist ein Teil von Deutschland und – schlimmer noch – ein Teil von Nordrhein-Westfalen. Während das Deutschland der Dichter und Denker bei PISA immer im hinteren Mittelfeld der Industrienationen platziert ist, dümpelt NRW immer im hinteren Mittelfeld im Ranking der Bundesländer. Manche Skeptiker kritisieren, dass mit den wissenschaftlichen Untersuchungen des nationalen und internationalen Bildungssystems nur politische Statistiken angefertigt wurden. Äpfel würden mit Birnen verglichen. Tatsächlich geht es der Jugend des PISA-Meisters Finnland gar nicht so gut wie vermutet. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dort weit höher als bei uns. Und ohne Zweifel wurde PISA bei uns benutzt, um Politik zu machen. Und zwar die, die in den Parteiprogrammen der Regierenden stand. Vor fünf Jahren, als das erste Mal seit 1966 das Schulministerium von der CDU besetzt wurde, boten sich mit Hilfe von PISA mehrere Veränderungen an. Weil deutsche Abiturienten und StudentInnen im internationalen Vergleich zu alt sind, wurde auch hierzulande die 13. Klasse des Gymnasiums gestrichen. Hält dieses Konzept, was die damalige Schulministerin Barbara Sommer versprach? Die Aufhebung der Schulbezirke stieß auf wenig Verständnis bei vielen Bildungsexperten. Schulanfänger mussten nun nicht mehr ortsnah eingeschult werden, sondern konnten dort zur Schule gehen, wo die Eltern sie anmeldeten. Neoliberal gedacht sollte diese Maßnahme zu mehr Konkurrenz zwischen den Schulen führen. In der Realität förderte sie die Ghettobildung. Angehörige bildungsferner Schichten fahren ihre Kinder morgens um acht nicht gern quer durch die Stadt. Beim von der schwarz-gelben Regierung eingeführten Zentralabitur ist die Ministerin zweimal selbst durchgefallen. Die von ihr gestellten Aufgaben waren wahlweise unverständlich oder unlösbar. „Und es war Sommer“, sang im Jahr 1976 Peter Maffay. Natürlich ist es leicht, alle Miseren der NRW-Schullandschaft der sitzengebliebenen CDU-FDP-Regierung in die Schuhe zu schieben. Ob die neue rot-grüne Minderheitsregierung es besser machen kann, bleibt abzuwarten. Politisch sucht sie Mehrheiten, indem sie Abgeordnete der CDU mit starker lokalpolitischer Bindung auf ihre Seite ziehen möchte. Denn in den Kommunen wird ein Problem besonders sichtbar. Das dreigliedrige Schulsystem ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Hauptschule ist bei den Eltern unbeliebt. Wer kann, meldet sein Kind bei einer anderen Schule an. Stark sinkende Schülerzahlen bewirken, dass diese Schulform für die Städte und Gemeinden sehr teuer wird, teurer noch als das Gymnasium. Insofern klingt das Angebot der Landesregierung, den Kommunen mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu überlassen, für manchen Bürgermeister verlockend. ZUHÖREN STATT ANORDNEN In Wuppertal wird zu Beginn dieses Schuljahres die Gemeinschaftshauptschule Elberfeld-Mitte keine neuen Schülerinnen und Schüler aufnehmen. In sechs Jahren ist sie Geschichte. Auch die Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr im ganzen Stadtgebiet sprechen eine deutliche Sprache. Von den 3.000 Kindern, die nun in die 5. Klasse gehen, besuchen 36 Prozent das Gymnasium, 27 Prozent die Gesamtschule, 24 Prozent die Realschule, aber nur 13 Prozent die Hauptschule. Die Quote der Hauptschüler entspricht dabei dem Landesmittel von NRW. Die der Gesamtschule ist in Wuppertal allerdings knapp 10 Prozent höher. Im Vergleich zu anderen Kommunen also ist Wuppertal auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule schon weit vorangeschritten. Wahrscheinlich wird das Bergische Land von der neuen Schulministerin auch mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden. Sylvia Löhrmann kommt schließlich aus Solingen. Und anders als ihre Vorgängerin – Barbara Sommer war früher einmal Grundschulrektorin – kennt die neue Ministerin das eingliedrige Schulsystem in der Sekundarstufe. Über zehn Jahre unterrichtete sie an der Städtischen Gesamtschule Solingen. Wahrscheinlich hat sie die vielen Bevormundungen der Schulverwaltung noch in guter Erinnerung, wenn sie nun in Interviews davon spricht, den Kommunen und den Schulen mehr Freiheiten gewähren zu wollen. Eine neue, große, alles Bisherige in Frage stellende Schulreform wird es in der laufenden Legislaturperiode nicht geben. Und das ist auch gut so. Denn eine Schule ist nicht automatisch dann gut, wenn sie in einem guten Schulsystem eingebettet ist, sondern erst dann, wenn gute und motivierte Lehrerinnen und Lehrer unterrichten? Zuhören statt anordnen ist für eine Ministerin also kein schlechter Vorsatz. Ein anderer Faktor ist natürlich auch entscheidend: Geld. Jede Landesregierung hat vor Wahlen versprochen, mehr Lehrer auszubilden und einzustellen. Nach der Wahl wurden oft nur die Zahlen geschönt. Eine Umverteilung von Mitteln aus anderen Ressorts hat bislang niemand gewagt. Dabei klingt die Vision doch so verlockend: Was wäre, wenn wir uns für alle unsere Kinder das Gymnasium leisten könnten – fördern und fordern also in allen Jahrgängen für alle. Lutz debus „Kein Gong, keine Zensuren“ BÜLENT KREMSER ÜBER DIE FREIE SCHULE BERGISCH LAND
engels: Herr Kremser, was ist der Unterschied zwischen einer normalen Grundschule und der Freien Schule Bergisch Land? Bülent Kremser: Bei uns werden Kinder vom sechsten bis zum zehnten Lebensjahr gemeinsam in einer Klasse unterrichtet. Es gibt keinen Gong, der den Unterricht beendet. Die Lehrerin oder der Lehrer beenden den Unterricht. Es gibt keine Zensuren. Dafür gibt es Lehrbriefe. Es gibt keine Klassenarbeiten. Schülerinnen und Schüler erhalten individuell gestaltete Wochenpläne, die die kommenden Lernschritte aufzeigen. Wir bieten viel Projektarbeit an. Letztlich geht es in unserer Schule darum, das Lernen zu lernen. Wie schaffen Sie das? Wir haben deutlich mehr Personal. Mit dem an normalen Grundschulen üblichen Stellenschlüssel ist unser Konzept nicht umsetzbar. Wie finanzieren Sie Ihr Angebot? Unsere Schule ist zum einen staatlich anerkannt. Wir sind aber auch auf Spenden, auf die Mitarbeit und auf finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen, um unser Angebot stemmen zu können. Sie nehmen nicht nur Kinder aus Ihrem Stadtteil Wuppertal-Laaken auf? Nein, wir haben einen großen Einzugsbereich. Unsere Kinder kommen aus ganz Wuppertal, doch auch aus Schwelm, aus Remscheid, Burscheid, Hückeswagen und Mettmann. Betreiben Sie eine Eliteschule? Definitiv nein! Wir haben Kinder aus allen Gesellschaftsschichten. Was ist besser, dreigliedriges Schulsystem oder Gemeinschaftsschule? Viele unserer Kinder wechseln auf die Gesamtschule. Diese Schulform ist uns von der Art des Lernens am ähnlichsten. So liegt die Einführung der Gemeinschaftsschule in unserem Interesse. Es gibt auch Überlegungen, die Grundschule bis zur 6. Klasse anzubieten. Das würden wir befürworten. Kinder verlassen demnächst mit neun Jahren die Grundschule. In jenem Alter die Weichen für das ganze Leben zu stellen, ist viel zu früh. Manche Kinder brauchen mehr Zeit. Was würden Sie machen, wenn Sie Schulminister wären? Ich würde mehr Lehrer einstellen. Ich würde den Schulen mehr Freiheiten einräumen und den Schülerinnen und Schülern individuelles Lernen ermöglichen. Das Selektieren durch Noten stempelt die ab, die nicht so leistungsstark sind. Die Abschaffung der Kopfnoten begrüße ich. Bülent Kremser (31) ist Vorstandsvorsitzender des Trägervereins der Freien Schule Bergisch Land. Foto: privat „Die interkulturelle Kompetenz stärken“ THOMAS PREISS ZUR QUALIFIKATION VON SCHULABSOLVENTEN engels: Herr Preiss, sind die Schulabgänger, die sich bei Ihnen bewerben, hinreichend qualifiziert? Thomas Preiss: Uns erreichen jährlich etwa 800 Bewerbungen für Ausbildungsplätze. Zehn Prozent der Bewerber laden wir ein. Unter diesen gibt es noch einzelne Fälle, bei denen wir Kompromisse eingehen. Besonders in den Bereichen Mathematik und Deutsch sehen wir oft Defizite. Schon in Bewerbungsschreiben finden sich Fehler. Wir testen jeden Bewerber, um uns ein Bild machen zu können. In kaufmännischen Berufen sollten die jungen Menschen schon Dreisatz und Prozentrechnung beherrschen und fehlerfrei korrespondieren können. Wir müssen im Betriebsunterricht da oft nachbessern. Am Ende wollen wir die Besten für uns gewinnen, und das erreichen wir auch. Haben Sie Kontakt zu Schulen in Wuppertal? Es existiert eine Kooperation zwischen E/D/E und dem Gymnasium Bayreuther Straße. Jedes Jahr kommt ein kompletter Jahrgang zu uns. Wir führen mit den Schülerinnen und Schülern ein Probeauswahlseminar durch. Noch mit weiteren Schulen gibt es Kontakte, damit wir frühzeitig die Besten ansprechen. Wir bieten Berufserkundungen, Projekttage und Praktika an. Es wäre im Übrigen auch schön, wenn Lehrer bereits in ihrer Ausbildung praktische Erfahrungen in der Arbeitswelt machen können, damit dies in den Unterricht einfließt. Brauchen Sie Kopfnoten? Ich brauche sie nur dann, wenn sie aussagekräftig sind. 1990 haben mir die Kopfnoten auf DDR-Zeugnissen sehr geholfen. Wenn heutzutage aber Lehrerkollegien beschließen, dass alle die Note 2 bekommen, sind diese Noten sinnlos. Was würden Sie machen, wenn Sie Schulminister wären? Ich würde die interkulturelle Kompetenz bei den Schülern stärken. Der Schüleraustausch in Europa muss ausgebaut werden. Wir benötigen Menschen, die sich in der Welt bewegen können. Wir nehmen gern Bewerber, die muttersprachlich Spanisch, Italienisch oder Russisch beherrschen. Was ist besser? Das dreigliedrige Schulsystem oder eine Gemeinschaftsschule? Ich komme aus Süddeutschland. Dort ist das dreigliedrige Schulsystem erfolgreich. Wichtig ist eine Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schultypen, und dass auch die Leistungsstarken gefordert und gefördert werden. Interviews: Lutz debuS Zur PersonThomas Preiss (54) ist Geschäftsbereichsleiter Personal vom Einkaufsbüro Deutscher Eisenhändler E/D/E. Foto: E/D/E HANDABDRÜCKE GEGEN GEWALT DIE HAUPTSCHULE HÜGELSTRASSE IN OBERBARMEN ENGAGIERT SICH FÜR BENACHTEILIGTE Friedlich, freundlich, solidarisch: Diesen Vorsatz für das tägliche Miteinander richtet die Hauptschule Hügelstraße in Wuppertal-Oberbarmen an ihre rund 400 Schülerinnen und Schüler mit prozentual überproportional hohem Anteil mit Migrationshintergrund. Etwa 25 Lehrerinnen und Lehrer kümmern sich in insgesamt 15 Klassenräumen mit Internetzugang um die notwendige Wissensvermittlung. Leiterin Ulrike Liedtke nennt die oberste Spielregel für ihre Multi-Kulti-Schützlinge: „Wir leben gerne in diesem Stadtteil und sind für sein Gesicht verantwortlich.“ So passt die Teilnahme an der von den NRW-Ministerien Umwelt und Schule initiierten Kampagne „Schule der Zukunft – Bildung für Nachhaltigkeit“ zum Selbstverständnis der Verantwortlichen. Weiteres aktuelles Zeichen sind zwei Großplakate mit Namen und Handabdrücken einer fast kompletten Klasse, die mit der Botschaft: „Zeig Gewalt Deine Hand“ am Brückenübergang vom Berliner Platz zum Bahnhof Oberbarmen für Toleranz und Problemlösungen ohne Fäuste werben. Bereits über zehn Jahre bemühen sich Streitschlichter der Schülervertretung mit großem Erfolg, das Gewaltpotential in den Räumlichkeiten der Schule möglichst niedrig zu halten. FUSSBALL-PROFI RICHARD SUKUTA-PASU BÜFFELTE EINST AN DER HÜGELSTRASSE. SPÄTER WURDE ER IM TRIKOT VON BAYER 04 LEVERKUSEN BEREITS „U 19“-EUROPAMEISTER Zur verbesserten Atmosphäre trägt ebenfalls der modernisierte Schulhof mit neuen Sitz- und Spielgelegenheiten bei, der Mitte Juni feierlich eröffnet wurde. Der Umbau des Außengeländes kostete insgesamt 330.000 Euro, davon gehen 200.000 Euro auf EU-Fördermittel aus dem Programm „Soziale Stadt“ zurück. An der Gestaltung war auch eine Schüler-AG aktiv beteiligt. Eine Ergänzung mit weiteren Spiel- und Sportstätten oberhalb des derzeitigen Schulhofs mit einem Gesamtvolumen von 370.000 Euro befindet sich in Planung. Darüber hinaus bietet die Halbtagsschule neben muttersprachlichem Unterricht in Türkisch und Arabisch auch eine Über-Mittags-Betreuung mit Mittagessen, eine liebevoll gestaltete Schulbücherei sowie eine Hausaufgabenbetreuung im Schülercafé Hügelstraße. „Wir schaffen ein Umfeld, in dem man sich gut aufgehoben fühlen kann. Aber man muss natürlich auch selbst etwas dafür tun, um im Leben vorwärts zu kommen“, betont Ulrike Liedtke. Als Beispiel kann der heutige Fußball-Profi Richard Sukuta-Pasu (20) dienen, der einst an der Hügelstraße büffelte und später im Trikot von Bayer 04 Leverkusen bereits „U 19“-Europameister wurde. Zum kostenlosen Mittagstisch treffen täglich rund 40 Kinder aus über 15 Nationen im Schülercafé ein, wobei die Verpflegung durch Privatspenden, einen Förderverein sowie den Kollekten der evangelischen Kirchengemeinde Gemarke-Wupperfeld in Barmen finanziert wird. Bis 17 Uhr werden in der Einrichtung täglich 60 bis 70 Kinder betreut, darunter viele Hauptschüler, die in der „Offenen Tür“ unter anderem Billard oder Tischtennis spielen, in Ruhe ihre Hausaufgaben machen und Nachhilfe oder Sprachförderung bekommen können. Alle Angebote sind kostenlos. „Häufig sind die Eltern nicht zu Hause, oder es kümmert sich niemand um die Kinder“, erklärt Holger Müller, Leiter des Schülercafés und der Offenen Tür Hügelstraße (SCOT), den leider notwendigen Bedarf. FRANK-MICHAEL RALL LANGEWEILE ODER LÄNGER ZUSAMMEN? WAS KINDER ZU DEN ANSTEHENDEN SCHULREFORMEN SAGEN Zu Beginn des neuen Schuljahres müssen die Schülerinnen und Schüler in Wuppertal kaum mit Veränderungen rechnen. Nicht nur, weil die Politiker im sogenannten Sommerloch eher keine Entscheidungen treffen, sondern auch, weil sich fast alle Beschlüsse im Düsseldorfer Koalitionsvertrag zwischen SPD und Grünen zur Schulpolitik erst auf das Schuljahr 2011/12 beziehen. Nur die Abschaffung der Kopfnoten wird schon zu den nächsten Halbjahreszeugnissen wirksam sein. Drei Noten weniger. Klingt nicht nach viel, aber dieses Thema wird unter Schülern am meisten diskutiert. Wie kommt dieser Beschluss an? Ein paar Meinungen konnten wir trotz der Sommerferien einholen. Marie, 9 Jahre alt, kommt in die 4. Klasse der Karl-Sonnenschein-Grundschule: „Ich finde es nicht so gut, dass die Kopfnoten abgeschafft werden, weil manche Schüler dann denken, sie könnten sich alles erlauben und dafür nicht mehr bestraft werden.“ Dunja, ebenfalls 9, kommt in die 5. Klasse des Gymnasiums Hochdahl, ist auch Maries Ansicht, doch aus einem anderen Grund: „Ich hatte immer sehr gute Kopfnoten, deshalb fände ich es schade.“ „ICH FÄNDE ES SCHÖN, WENN ICH MIT MEINER KLASSE NOCH EIN BISSCHEN LÄNGER ZUSAMMENBLEIBEN DÜRFTE“ Dieser Punkt stößt also, vor allen bei jüngeren Schülern auf Kritik. Doch wie sieht es in der Zukunft aus? Die Grundschulzeit, so einige Pläne, soll von vier auf sechs Jahre erhöht werden. Diese zweite große Veränderung wird zwar keinen der Befragten mehr treffen, eine Meinung haben die Kinder trotzdem. „Ich fände es schön, wenn ich mit meiner Klasse noch ein bisschen länger zusammenbleiben dürfte und nicht direkt auf eine neue Schule müsste“, sagt hierzu Marie. Dunja widerspricht ihr: „Nee. Das würde mir nicht gefallen, weil die Lehrer auf meiner Schule nicht so nett waren und ich mich schon in der 4. Klasse gelangweilt habe.“ Manche Pläne der Schulpolitiker gehen noch weiter. Gymnasiasten, Realschüler und Hauptschüler könnten bald unter einem Dach in einer Gemeinschaftsschule unterrichtet werden. Was halten die Schülerinnen und Schüler davon? „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, weil die Schüler ja nicht alle gleich gut sind. Die Besseren lernen schneller, und die, die nicht so gut sind, hinken hinterher“, argumentiert Marie. Dunja wiederum sagt: „Mir ist das eigentlich egal, weil auf der weiterführenden Schule sowieso alles neu ist. Da macht das keinen Unterschied.“ Aber wer weiß, was aus den Plänen der Minderheitsregierung überhaupt wird? Zunächst einmal braucht sie für jeden Antrag eine Mehrheit. Das kann schwierig werden. Nicht umsonst wurden die Sondierungsverhandlungen zwischen vielen Parteien abgebrochen, weil sie sich in einigen Punkten der Bildungspolitik nicht einig wurden. FRIDA VON ZAHN Freitag, 23. Juli 2010Kreuz und QueerKANN DENN LIEBE SÜNDE SEIN? DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN HOMOSEXUELLEN UND DER KIRCHE IST BELASTET
ENGELS-THEMA IM AUGUST: KREUZ UND QUEER In Wuppertal wird zwischen dem 7. und 14. August Wupperpride stattfinden. Der Christopher-Street-Day setzt sich für die Gleichberechtigung von Homo- und Heterosexuellen ein. Ein Thema hierbei wird das Verhältnis zur Katholischen Kirche sein. Zwei Welten stehen sich gegenüber. Die einen propagieren ein lustvolles Leben, die anderen tabuisieren Homosexualität noch immer. Der Regierende Bürgermeister von Berlin tut es, der von Hamburg wohl auch, Vizekanzler und Außenminister tun es wohl auch. Dirk Bach, Alfred Biolek, Hape Kerkeling, die Liste wird lang. Immer mehr Männer lieben Männer. Oder zumindest wird immer mehr bekannt, dass Männer Männer lieben. Und auch Frauen, so wird dem schon nicht mehr ganz staunenden Publikum berichtet, lieben mitunter Frauen. Zur Normalität in diesem Land gehört mittlerweile neben Parteivorsitzenden mit Migrationshintergrund und Präsidentengattinen mit Tätowierung auch Homosexualität. Dies erscheint zumindest immer mehr als Common Sense. Nur ein kleines unbeugsames Dorf mit seinen weltweit verstreuten Zweigstellen und Niederlassungen beugt sich nicht dieser Erkenntnis. Das Dorf liegt weit weg von Wuppertal in Mittelitalien und heißt – Vatikanstadt. Der Homosexuelle, so die offizielle Lesart dort, nachzuschauen im vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger verfassten neuen Weltkatechismus von 1992, solle von der Katholischen Kirche geachtet werden. Dass er existiere, sei für ihn allein noch keine Sünde, solange er seine Sexualität nicht praktiziere. Mit diesem Bekenntnis scheint sich der Klerus von seiner jahrtausendealten Tradition allmählich zu verabschieden, Homosexuelle dem Scheiterhaufen zu überantworten. Natürlich können angestellte Schwule, sobald sie sich selbst geoutet haben, nicht mehr bei katholischen Trägern arbeiten. Auch vergeht kaum eine Woche, in der hohe Würdenträger in Talkshows oder per Interview über Sexualmoral sprechen. „Homosexualität ist Sünde!“, teilte der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck mit. Seit seinem Auftritt bei der ARD-Talkshow von Anne Will im April dieses Jahres ist Overbeck zum Bad Guy der schwul-lesbischen Szene des Ruhrgebiets avanciert. Wie aber ist die Situation in Wuppertal? Der für die Stadt zuständige Dom in Köln erscheint weit. Zwar ist dort ein gewisser Erzbischof Joachim Meisner tätig. Doch stehen seine schwulenfeindlichen Statements oft im Schatten seiner anderen verbalen Entgleisungen. Bunte Kirchenfenster sind seiner Meinung nach entartete Kunst, Schwangerschaftsabbruch ist Völkermord. Da erscheint es fast schon gnädig, wenn er gegen eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften und ein Adoptionsrecht für Homosexuelle poltert, ohne gleich Nazi-Vokabular zu benutzen oder Nazi-Vergleiche zu ziehen. Und da Wuppertal eben nicht streng katholisch ist, sondern mit seinen vielen verschiedenen Glaubensgemeinschaften eher wie ein modernes Jerusalem daherkommt, hat sich die schwul-lesbische Szene im Tal nicht sonderlich auf den Klerus eingeschossen. Zwar, so sagen die Organisatoren von Wupperpride, dem Wuppertaler Christopher-Street-Day, strahlen diskriminierende Äußerungen eines Erzbischofs über den katholischen Bereich hinaus und wollen das auch. Aber letztlich lässt die Szene den lieben Gott und auch den Papst und seine Leute einen guten Mann sein. BIS MÄRZ GAB ES DURCHSCHNITTLICH 30 KIRCHENAUSTRITTE IM MONAT. SEIT MÄRZ HAT SICH DIE ZAHL VERDREIFACHT Ein Grund dafür mag sein, dass die Katholiken in der Wuppertaler Diaspora sehr moderat daherkommen. Im Gegensatz zu manchen pietistischen Vereinigungen und Sekten erscheinen die Katholiken als Hort bürgerlichen Liberalismus‘. Pastoralreferent Werner Kleine, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Stadtdekanats Wuppertal, reibt sich an Zölibat, Leibfeindlichkeit und rigider Moral seines Arbeitgebers. Wenn sich die Kirche nicht ändert, wird sie bald leer sein, so seine Prophezeiung. Und sie leert sich jetzt schon. Bis März dieses Jahres verlief die Mitgliederentwicklung der Katholischen Kirche in Wuppertal ähnlich sinkend wie die allgemeine Bevölkerungsentwicklung in der Stadt. Seit Jahrzehnten gibt es etwa 24 Prozent Katholiken in Wuppertal. Bis März gab es durchschnittlich 30 Kirchenaustritte im Monat. Seit März hat sich die Zahl verdreifacht. Die Skandale um Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen treibt, so die Einschätzung von Kleine, nicht nur Menschen aus der Kirche, die sowieso mit dem Austritt haderten, sondern aktive Gemeindemitglieder. Der Aderlass sei nur mit einer Öffnung der Kirche zu stoppen. Dass gerade die restriktive Sexualmoral innerhalb der Katholischen Kirche zu den Missbrauchsfällen führte, erscheint fast nur noch als pikante Fußnote. Dort, wo Sexualität und Homosexualität nicht stattfinden dürfen, finden sie im Beichtstuhl statt, so ein junger Mann, der in Wuppertal einmal Messdiener war. Vielleicht sollte sich die Katholische Kirche aktiv im nun stattfindenden Christopher-Street-Day einbringen. Und mit ihr sind bestimmt auch die anderen religiösen Gemeinschaften im Tal willkommen, sich am 14. August vor dem Cinemaxx einzufinden. Die evangelische Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum feierte bereits an Heilabend einen besonderen Gottesdienst in der Thomaskirche. 200 Heteros und Homosexuelle sangen gemeinsam „Stille Nacht“. Die Pfarrerin, die diese seltene Veranstaltung ermöglichte, war begeistert. „Nachher sah ich manchen Kirchenbesucher mit Tränen in den Augen, weil er Weihnachten mit seiner Familie sonst immer ganz anders erfahren musste.“ Lutz debus QUEER Das Adjektiv kommt aus dem Englischen und beschreibt Dinge und Personen, die nicht der Norm entsprechen. Nach einer Zeit, in der „queer" im englischen Sprachraum überwiegend als Schimpfwort benutzt wurde, das homosexuelle Menschen herabwürdigen sollte, wird es inzwischen von der Lesben- und Schwulenbewegung weltweit dazu verwandt, mit Selbstbewusstsein die eigene sexuelle Orientierung zu titulieren. „DAS GANZ NORMALE LESBISCHE UND SCHWULE LEBEN“ ANNE SIMON ÜBER DEN WUPPERPRIDE UND DIE KIRCHE
engels: Frau Simon, wie sieht das schwul-lesbische Leben im Tal aus? Anne Simon: So bunt und vielfältig wie Lesben und Schwule nun einmal sind. Ingenieurinnen und Ingenieure, Arzthelferinnen und Arzthelfer, KFZ-Meisterinnen und KFZ-Meister, Buchhändler und Buchhändlerinnen, Pastorinnen und Pastoren, Polizisten und Polizistinnen, Schülerinnen und Schüler, Studenten und Studentinnen, sie alle gehen bei schönem Wetter baden, verlieben sich, ziehen ihre Kinder in Regenbogenfamilien groß, gehen tanzen, bereiten sich auf ihre Verpartnerung vor oder wohnen im Altenheim. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Ist der CSD in Wuppertal eher kommerziell oder politisch oder gar eine Pflichtveranstaltung mit Teilnehmerschwund? Der CSD Wuppertal ist gesellschaftlich, kulturell und politisch engagiert. Wupperpride zeigt Flagge und macht deutlich, wo weiterhin diskriminiert wird, wer diskriminiert, aber Wupperpride zeigt auch das ganz normale lesbische und schwule Leben. Wie steht die Evangelische Kirche zu Homosexualität? Im Gegensatz zur Katholischen Kirche gibt es die Evangelische Kirche als homogene Organisation nicht. In den vergangenen dreißig Jahren hat es vielfältige Prozesse in den verschiedenen deutschen Evangelischen Landeskirchen gegeben, die zu teilweise ganz unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben. Aber man hat allmählich verstanden, dass für die Auslegung der Bibel bezüglich der Homosexualität weder die Erfahrungen von Lesben und Schwulen heute noch die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse vernachlässigt werden dürfen. Im Jahr 2000 hat zum Beispiel die Evangelische Kirche im Rheinland nach langen, teilweise sehr kontrovers geführten Verhandlungen einen Beschluss gefasst, der die sogenannte „gottesdienstliche Begleitung von gleichgeschlechtlichen Paaren“ ermöglicht. Dabei dürfen diese Segensgottesdienste nicht mit Trauungen verwechselt werden. Aber immerhin, eine diskriminierte Lebensform kann zu einem kirchlichen Fest werden und damit Anerkennung und Wertschätzung erfahren. Zur Person Anne Simon (51) ist evangelische Theologin und Mitorganisatorin von Wupperpride.Wer sich näher mit offiziellen Texten kirchlicher Gremien beschäftigen möchte, aber auch mit Texten, die eher an der kirchlichen Basis oder in der fachtheologischen Erörterung des Themas entstanden sind, wird unter huk.org/texte fündig. Foto: Uwe Schinkel / Privat „ANDERS HANDELN ALS DIE DDR VOR GUT 20 JAHREN“ WERNER KLEINE ÜBER DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN KLERUS UND HOMOSEXUALITÄT engels: Herr Kleine, Kreuz und Queer, passt das zusammen? Werner Kleine: Queer bedeutet ja ursprünglich, dass von der Norm abgewichen wird. Hier stellt sich für mich zunächst die Frage, wer Normen festlegt. Ich bin Vater von zwei Kindern mit Down-Syndrom, die meine Frau und ich adoptiert haben. Diese Kinder entsprechen keiner Norm. Sie sind queer. Deshalb gehört mein Herz per se schon den Sonderlingen. Die Katholische Kirche hat es aber nicht leicht mit Homosexualität? Die Äußerungen der Kirchenführer entbehren ja nicht einer gewissen Dialektik. Einerseits bedürfen die Homosexuellen als Menschen der Seelsorge. Andererseits wird Homosexualität als Sünde gebrandmarkt. Ich glaube, dass sich die Kirche damit keinen Gefallen tut. Was ist Sünde? Sünde kommt von absondern. Etwas trennt mich von den anderen Menschen und von Gott. Aber Christus ist für unsere Sünden gestorben. Er starb wie ein Schwerverbrecher, obwohl er als Sohn Gottes überhaupt nicht sündigen konnte. Dieser Tod sagt uns: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes. Auch keine Sünde. Also dürfen zwei Bräute vor den Altar? Da bin ich doch sehr katholisch. Die Ehe ist zwar nicht nur, aber eben auch auf die Zeugung von Nachkommenschaft bestimmt. Dies verunmöglicht eine Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare. Gibt es auch ein dialektisches Verhältnis zwischen der Homophobie und Homophilie der Katholischen Kirche? Viele Kirchenvertreter haben allgemein ein Problem mit Sexualität. Der Zölibat ist sicher nicht ursächlich für die nun bekannt gewordenen Missbrauchsfälle verantwortlich. Aber ich reibe mich an dem Zölibat. In der Bibel ist eine grundsätzliche Leibfreundlichkeit zu erkennen. Wie sieht die Kirche in zehn Jahren aus? Im Gottesdienst erlebe ich einen gefühlten Altersdurchschnitt der Besucher von 65 Jahren. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass sich da in den kommenden zehn Jahren etwas ändern wird. Mich erinnert die Situation an die letzten Tage der DDR. Mit Pomp feierte sie ihr 40järiges Bestehen, vier Wochen später war sie nur noch Geschichte. 2005 feierten wir den Weltjugendtag. Wir müssen anders handeln als die DDR vor gut 20 Jahren. Interviews: Lutz Debus Zur Person Dr. Werner Kleine (44) ist Pastoralreferent und Beauftragter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Stadtdekanat Wuppertal.Foto: Katholische Citykirche Wuppertal GOTTES WORT AUF DER STRASSE DIE KATHOLISCHE KIRCHE HILFT FAST ALLEN RANDGRUPPEN
Neugierige Passanten in der Fußgängerzone am Bahnhofstunnel Döppersberg. Auf dem Boden liegt ein schwarzes Tuch, geschmückt mit weißen Rosen in Form eines Kreuzes. Es rührt viele anwesende Betroffene zu Tränen. Die Rosen stehen für Trauer, Tod und Hoffnung. Der Gedenkgottesdienst am Nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige auf der „Platte“ findet jedes Jahr am 21. Juli statt. „Die Lebensgeschichte jedes einzelnen soll nicht vergessen werden“, betonte Pastoralreferent Herbert Scholl in seiner Ansprache in Wuppertal. Für den Gedenkgottesdienst hat sich der Seelsorger diesen Ort am Döppersberg bewusst ausgesucht. BEI PROSTITUIERTEN MUSS DER SEELSORGER ANDERE WEGE GEHEN, UM MIT DEN FRAUEN INS GESPRÄCH ZU KOMMEN Pastoralreferent Herbert Scholl (52) lebt mit seiner Frau in Leverkusen und arbeitet in Wuppertal und Leverkusen als Seelsorger. Seine Schützlinge sind Drogenabhängige, Obdachlose und Prostituierte. Menschen, die kurz vorm Abgrund stehen, denen kaum jemand Beachtung schenkt. Er trifft Menschen mit Existenznöten, psychischen Erkrankungen, Alkohol- und Drogenproblemen. Homosexuelle gehören nicht zu seinen Schützlingen. Der studierte Diplomtheologe war 13 Jahre als Seelsorger in einer Justizvollzugsanstalt in Köln tätig, bevor sein Arbeitsgebiet sich seit 2005 auf andere Arbeitsbereiche ausbreitete. Doch die Zeit als Gefängnisseelsorger hat ihn geprägt. Sein jetziger Arbeitsplatz ist die Straße. Zwischen Neumarktbrunnen, Berliner Platz, Döppersberg oder anderen sozialen Brennpunkten kann man ihn bei seiner Tätigkeit als Berater für Menschen ohne Perspektive beobachten. Die Kontaktaufnahme ist nicht immer einfach. Drogenabhängige trifft er in der Anlaufstelle „Gleis 1“, Obdachlose am Abend in den Innenstädten oder im „Cafe Oberstübchen“. Bei den Prostituierten muss der Seelsorger andere Wege gehen, um mit den Frauen ins Gespräch zu kommen. Sein Schwerpunkt Prostitution ist ein sehr spezieller Bereich. „Die Frauen müssen in ihrer Arbeit etwas tun, was einerseits Nähe beinhaltet, andererseits müssen sie sich die Männer gleichzeitig fernhalten“, berichtet Herbert Scholl. Einige Frauen besucht er nach Absprache in ihren Appartements. Entweder hört er ihnen zu, wenn sie Sorgen haben, oder er klärt über die Möglichkeiten auf, sich über sexuell übertragbare Krankheiten in einer Sprechstunde des Gesundheitsamtes zu informieren. Dem Seelsorger ist in erster Linie wichtig, den Frauen zu zeigen, dass auch die Kirche bereit ist, sich um Prostituierte zu kümmern. Armut, Krankheit und Tod begegnen ihm sehr oft. Viele seiner Klienten sind schon verstorben. DANIELA ALTHAUS VERLIEBT, VERLOBT, VERPARTNERT HOCHZEITSMESSE WAR GESTERN, HEUTZUTAGE SCHWEBT MAN ÜBER DEM REGENBOGEN Der schönste Saal von Wuppertal soll für die passende Atmosphäre sorgen: Bei der ersten Verpartnerungsmesse am Samstag, 7. August werden im Nachbarschaftsheim im Stadtteil Elberfeld von 11 bis 18 Uhr verschiedene Dienstleister präsentieren, welche Anregungen und Ideen den „schönsten Tag im Leben“ für gleichgeschlechtliche Paare feierlich machen können. So werden neben Goldschmied und Fotograf unter anderem eine Floristin oder Experten aus der Gastronomie vertreten sein. Das Motto „Over the rainbow“ wurde für die Premieren-Veranstaltung nicht zufällig gewählt – der gleichnamige Musical-Song der berühmten US-Schauspielerin Judy Garland aus dem im Jahr 1939 entstandenen Film-Klassiker „Der Zauberer von Oz“ gilt bis heute als die Hymne der Schwulen- und Transen-Szene. NEBEN GOLDSCHMIED UND FOTOGRAF WERDEN EINE FLORISTIN UND EXPERTEN AUS DER GASTRONOMIE VERTRETEN SEIN Als Organisator tritt der schwul-lesbische Kulturverein Wupperpride e.V. auf, der sich erst im Herbst 2009 gegründet hat. Die Interessengemeinschaft möchte auf Ungleichbehandlung sowie Diskriminierung aufmerksam machen und Lesben und Schwulen eine unüberhörbare Stimme in der Region Bergisches Land geben. Die Verpartnerungsmesse ist außerdem ein wichtiger Bestandteil der schwullesbischen Kulturwoche „Wupperpride 2010“, die von den beiden Vorstandsmitgliedern Olaf Wozniak und Anne Simon mit ihrem Team auf die Beine gestellt wurde. Nach dem Auftakt am 6. August im „KC“, dem ältesten Schwulenclub Wuppertals, soll die fröhliche CSD-Party auf dem Platz vor dem „Cinemaxx“-Kino am 14. August den krönenden Abschluss bilden. Bundesweites Neuland allerdings wird tatsächlich nur mit der Verpartnerungsmesse betreten. Juristische Fragen rund um die Thematik „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ beantwortet Rechtsanwältin Anna Köpke in einem Vortrag mit anschließender Möglichkeit für Nachfragen zwischen 12 und 14 Uhr. Anschließend erläutert Pastorin Anne Simon in ihrem Kurzvortrag „Lesben und Schwule und der Segen Gottes“ ab 15 Uhr den eher vorsichtigen Umgang der Evangelischen Kirche im Rheinland mit der gottesdienstlichen Begleitung von lesbischen und schwulen Paaren – und zeigt auf, wie eine solche Begleitung konkret aussehen kann. Einige musikalische Performances sind ebenfalls geplant. Seit August 2001 sind die in Deutschland über ein Bundesgesetz geregelten – und meistens „Homo-Ehen“ genannten – Lebenspartnerschaften möglich. Dabei können sich die Liebenden auf dem Standesamt zwar unter zärtlichen Blicken das Ja-Wort zuflüstern, rein rechtlich ist das Paar allerdings danach nicht verheiratet, sondern eben verpartnert. Der Statistik nach wagen übrigens noch immer deutlich mehr Männer als Frauen den Schritt in diesen „siebten Himmel“ für queere Beziehungen. FRANK-MICHAEL RALL Dienstag, 22. Juni 2010Die kranken KassenHABT ERBARMEN! IN WUPPERTAL LIEGEN VIELE WURZELN DES GESUNDHEITSSYSTEMS
ENGELS-THEMA IM JUlI: DIE KRANKEN KASSEN In Barmen sind gleich zwei bedeutende Krankenversicherer zu Hause. Wie wirken sich die diskutierten Reformen im Gesundheitswesen auf die beiden Unternehmen aus? Hatte Leonardo da Vinci recht? Braucht der Mensch vier Arme, um zu helfen? Gibt es mehr als nur eine klangliche Verbindung zwischen dem Namen des Stadtteils von Wuppertal und dem Wort Erbarmen? Friedrich Engels, berühmtester Sohn der Stadt, hatte mehr Erbarmen mit den geschundenen Arbeitern als mit seinem Vater, dem Fabrikbesitzer. Als der Revolutionär nach gescheiterter Revolution ins Londoner Exil reisen musste, blieb die soziale Ungerechtigkeit in seiner Heimat bestehen und mit ihr das Elend der Proleten. Andererseits wurden bahnbrechende Erfindungen gemacht, die nicht nur der Schwerindustrie zugute kamen. 1863 gründete sich in seiner Heimatstadt Barmen ein kleines Unternehmen, das sich neben der Herstellung von Farben und Lacken bald auf die Produktion von Medikamenten konzentrierte. Markenschlager von Friedrich Bayers Chemiewerk wurden das Schmerzmittel Aspirin und der Hustensaft Heroin. Während Heroin nach internationalem Druck 1931 nicht mehr von Bayer hergestellt wurde, ist Aspirin nach wie vor eines der weltweit erfolgreichsten Medikamente. Doch mit der Herstellung von Medikamenten allein war die Not breiter Massen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht gelindert. Nicht jeder konnte sie bezahlen. Reichskanzler Otto von Bismarck, der ein paar Jahre zuvor mit den Sozialistengesetzen alle revolutionären Umtriebe im noch jungen Deutschen Reich unterbinden wollte, versuchte, mit seinen Sozialgesetzen jenen Umstürzlern den Boden zu entziehen. Der eiserne Reichskanzler gilt so ironischerweise als der Gründungsvater des Sozialstaates mit seinen Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherungen. 1884 gründete sich der „Kaufmännische Verein für Handlungsgehilfen in Barmen“, die sich später Barmer Ersatzkasse nannte. 1922 wurde als Tochtergesellschaft die private Krankenversicherung Barmenia gegründet, die sich inzwischen längst vom Mutterkonzern losgesagt hat und ein selbstständiges Unternehmen ist. PHILIPP MISSFELDER ERNTETE WÜTENDEN PROTEST, ALS ER VORSCHLUG, OMA UND OPA IHRE NEUEN HÜFTGELENKE SELBST ZAHLEN ZU LASSEN Wenn also in diesen Tagen bundesweit um die Zukunft des Gesundheitssystems gestritten wird, dann ist eines gewiss: Viele Protagonisten der Auseinandersetzung kommen aus Barmen. Die BEK-GEK als größte gesetzliche Krankenversicherung, die Barmenia als große private Krankenversicherung und der Bayer-Konzern als einer der weltweit größten Pharmaunternehmen. Ob deswegen aber erbarmungslose Ergebnisse auszuschließen sind? Die Diskussion über das Gesundheitssystem ist nicht neu. Aber erst vor fünf Jahren wurde es in seiner bestehenden Form grundsätzlich in Frage gestellt. Es war die Zeit, in der Politiker von CDU und FDP einen unbürokratischen und populären Staat forderten. Die Steuererklärung sollte auf einen Bierdeckel passen. Die Krankenkassenbeiträge sollten, für Arbeitgeber besonders günstig, nicht mehr einkommensabhängig berechnet werden. Das Wort „Kopfpauschale“ machte die Runde, erinnerte aber eher an Italo-Western als an gerechte Sozialpolitik. Diejenigen, die die gesetzlichen Krankenversicherungen schleifen wollten, erhielten bei den Wahlen vor fünf Jahren keine Mehrheit. Inzwischen gibt es zwar eine schwarz-gelbe Bundesregierung, aber die Kopfpauschale ist trotzdem nicht durchsetzbar. Je mehr Anlauf der amtierende Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) nimmt, um sein Reformwerk durchzusetzen, umso größer ist die Beule, die er sich an dem betonharten Widerstand seiner Gegner zuzieht. Mit mindestens 11 Milliarden Euro ist in diesem Jahr zu rechnen. Nicht nur wegen des demographischen Wandels, sondern auch wegen der Lohneinbußen, verursacht durch die Wirtschafts- und Finanzkrise, sinken die Einnahmen der Krankenversicherer. Gleichzeitig verteuern sich die Leistungen. Bei den Arzthonoraren und Krankenhauskosten ist es schwierig, einheitlich den Rotstift anzusetzen. Manchem Facharzt geht es wirtschaftlich sehr gut. Ein Assistenzarzt und auch ein niedergelassener Allgemeinmediziner in ländlicher Region allerdings verdient wenig und arbeitet sehr viel. Anders verhält es sich mit der Pharmaindustrie. Nirgendwo auf der Welt sind Medikamente so teuer wie in Deutschland. Allen Versuchen, die Kosten hierfür zu begrenzen, wird von der Branche mit Tricksereien oder, noch schlimmer, mit Liebesentzug begegnet. Eine andere Form der Kostenersparnis wird für die Politiker deshalb immer attraktiver, die Leistungsbeschränkung. Vor Jahren, als vom Bundesvorsitzenden der Jungen Union Philipp Mißfelder der Vorschlag kam, Oma und Opa ihre neuen Hüftgelenke selbst zahlen zu lassen, erntete der Jungpolitiker aus Gelsenkirchen noch wütenden Protest. Durch den rasanten Fortschritt in der medizinischen Entwicklung wird die Frage nach der Bezahlbarkeit von Leben immer drängender. Schon jetzt gibt es in unserem Land eine Korrelation zwischen Lebenserwartung und Kontostand. Vielleicht sollten die Gesundheitspolitiker einmal ein Praktikum auf einer Intensivstation oder in einem Altenpflegeheim machen. Dann würde sich zumindest eine Einsicht selbst bei neoliberalen Parteivertretern durchsetzen können: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Lutz debus „WENIGER POLITIKERSTREIT – MEHR SACHLICHKEIT“ MARTIN SCHNEIDER ÜBER DIE REFORMDISKUSSION IM GESUNDHEITSSYSTEM
engels: Herr Schneider, beim Thema Gesundheitsreform wird an jedem Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Wie geht es Ihnen mit Sau und Dorf? Martin Schneider: Im Jahr 2011 werden 11 Milliarden im System fehlen. Von daher ist es zwingend erforderlich, Ideen und Gedanken der Politik aufzunehmen und auf Ihre Verwertbarkeit zu überprüfen. Mir wäre aber manchmal weniger Politikerstreit und dafür mehr Sachlichkeit in einem für die Bevölkerung so wichtigen Thema lieber. Gibt es nicht Möglichkeiten, Kosten zu sparen? Die BARMER-GEK ist im Bezirk Wuppertal zuständig für knapp 130.000 Versicherte. Davon sind etwa 65.000 Rentner. Und gerade hier mit einer Vielzahl von chronischen Erkrankungen sind wir gefordert, mit neuen innovativen Verträgen in der Region neue Wirtschaftlichkeitspotenziale zu erschließen. Medikamente sind in Deutschland besonders teuer. Wenn man sich die Preissteigerungen der letzten Jahre ansieht, dann hat die Pharmaindustrie gut verdient. Da gibt es zum Teil Strategien der Pharmaindustrie, die nachdenkenswert sind. Ich nehme ein Medikament vom Markt, gestalte eine Wirkstoffgruppe um und führe es mit neuem Preis ein. Auf der anderen Seite gibt es auch neue Medikamente, die für die Betroffenen eine deutliche Steigerung der Lebensqualität gebracht haben. Lebt der Privatversicherte länger? Mir sind keine empirischen Untersuchungen bekannt, die diesen Punkt dezidiert belegen. Die Art und Kostenstruktur der Behandlung eines Privatpatienten führt in Einzelfällen vielleicht dazu, mehr als das medizinisch Notwendige und Wirtschaftliche zu leisten. Ob dies immer zu einer Lebensverlängerung führt, wage ich zu bezweifeln. Bleibt die BARMER den Barmern erhalten? Auf alle Fälle. Wir haben am 1. Januar zwar mit der GEK fusioniert, und der juristische Hauptsitz ist nicht in Wuppertal, sondern in Berlin. In der Hauptverwaltung auf Lichtscheid, die selbstverständlich erhalten bleibt, arbeiten aber weiterhin knapp 1.800 Menschen. Für den Standort Wuppertal für unsere Hauptverwaltung sehe ich keine Gefahr. Martin Schneider (49) ist Regionalgeschäftsführer der Barmer GEK Wuppertal. Foto: Barmer GEK „KEINE RUNDUMVERSORGUNG MEHR MÖGLICH“ Dr. JOSEF BEUTELMANN ÜBER DIE VORSCHLÄGE DER PRIVATEN KRANKENVERSICHERER engels: Herr Beutelmann, wohin geht es mit unserem Gesundheitssystem? Dr. Josef Beutelmann: Ich möchte momentan keine Prognose abgeben. Zurzeit wird händeringend nach einer Lösung gesucht, das System zu reformieren. Vergessen dürfen wir allerdings nicht, dass sich unser Gesundheitssystem im internationalen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau bewegt. Dazu trägt nicht zuletzt ein Nebeneinander von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung bei. Zwei Versicherungssysteme nutzen gleichermaßen ein flächendeckendes Netz von Ärzten, Krankenhäusern und anderen Therapieeinrichtungen. Und das nicht zuletzt deshalb, weil Privatversicherte für viele medizinische Leistungen höhere Honorare zahlen. Ein Teil dieser Honorare fließt in fortschrittliche und moderne Geräte, die wiederum allen Bürgern in Deutschland für zukunftsweisende Behandlungen zur Verfügung stehen. Wie soll in Zukunft unsere Gesundheit bezahlt werden? Die Gesetzlichen Krankenversicherungen sollten sich auf ihre wesentlichen Aufgaben beschränken. Auf Dauer kann eine Rundumversorgung nicht aufrechterhalten werden. Die Privaten Krankenversicherungen schlagen vor, zahnmedizinische Versorgungen, das Krankengeld und private Unfälle auszugliedern. Das könnte knapp 30 Milliarden Euro bringen und den Beitragssatz um fast 3 Prozentpunkte absenken. Mit der Beitragssenkung könnte den Versicherten ein finanzieller Spielraum für ergänzende Vorsorge – ganz nach ihren Prioritäten – eingeräumt werden. Müssen Medikamente in Deutschland so teuer sein? Nein. Aber für die Privatversicherten sind sie momentan auch noch teurer als für gesetzlich Versicherte. Wir müssen darauf drängen, in die neue gesetzliche Regelung zu den Arzneimittelpreisen miteinbezogen zu werden. Denn es gibt keinen sachlichen Grund dafür, warum der Privatversicherte bei Abgabe eines identischen Medikaments allein wegen seines Versichertenstatus höhere Preise zahlen soll. Dr. h. c. Josef Beutelmann ist Vorsitzender der Vorstände der Barmenia Versicherungen. Foto: Barmenia ÄRZTE OHNE SOZIALE GRENZEN DAS MEDIMOBIL VERSORGT BEDÜRFTIGE IM BERGISCHEN LAND
KEINE KRANKENVERSICHERUNGSKARTE ODER SONSTIGE LEGITIMATIONEN SIND NÖTIG, UM SICH BEHANDELN ZU LASSEN Wie alle Angebote der Wuppertaler Tafel bietet das Medimobil ein sogenanntes niederschwelliges Angebot. Das bedeutet, dass keine Krankenversicherungskarte oder sonstige Legitimationen nötig sind, um sich behandeln zu lassen. Wohl die allermeisten der Medimobil-Patienten sind krankenversichert. Dennoch gehen sie nicht zu niedergelassenen Ärzten. Zu einem Großteil scheitert es an den zehn Euro für die Praxisgebühr sowie an den Zuzahlungen für verschriebene Medikamente. Vielen ist auch die Verbindlichkeit, einen Termin Tage oder gar Wochen im Voraus vereinbaren zu müssen, eine unüberwindliche Hürde. Äußern wollte sich auf dieser Tour kein Patient. Zu hoch ist wohl die Schamgrenze. Armut ist immer noch ein Tabu, auch wenn die Tafeln bundesweit dafür sorgen, dass das Thema gesellschaftliche Beachtung findet. Etwa 40 Ärzte aus der Region bilden einen Pool, der das Medimobil ehrenamtlich unterstützt. Heute fährt Hermann Daun, ein pensionierter Internist aus Solingen-Gräfrath mit. Von 1974 bis 2005 führte er seine Praxis, bevor er sie an seine Tochter abgab. Ein Zeitungsinserat brachte ihn mit der Wuppertaler Tafel in Kontakt, und nachdem er einmal mitgefahren war, blieb er dabei. Warum er seine Freizeit für das Medimobil opfere? „Jeder Mensch ist wichtig, und es ist wichtig, dass die Menschen sich darauf verlassen können, dass wir für sie da sind.“ Nur das bergische Glatteis ließ in den vergangenen Jahren ein einziges Mal eine Medimobiltour ausfallen. Ansonsten heißt es, verlässlich Woche für Woche die bekannten Plätze anzufahren und Präsenz zu zeigen. Heute ist die Nachfrage in Solingen recht schwach. Zwei Patientinnen wurden bisher von Dr. Daun behandelt. Doch keine Fahrt ist vergeblich. Der Doktor verordnet zwei Salben, die er auch gleich mitgibt. Auch die Medikamente sind Spenden, wie auch das Medimobil. Nachdem die Firma Kiesling 1996 den ersten Notfallrettungswagen gespendet hatte, ist dieses Gefährt inzwischen in die Jahre gekommen. Heute nutzt ein Waisenhaus in Rumänien das erste Medimobil. Das neue Medimobil stellte die Remscheider Feuerwehr zur Verfügung. Der Bedarf ist in den vergangenen 14 Jahren in den drei bergischen Städten konstant gestiegen. Mit Abstand am größten ist er in Wuppertal. Dass Wuppertal trotz der großen Not vieler Menschen die niedrigste Kriminalitätsrate aller deutschen Großstädte hat, ist auch entscheidend mit auf die Arbeit der Wuppertaler Tafeln zurückzuführen. Am Abend steuert das Medimobil wieder seinen Heimatstandort Wuppertal an. Dort wartet bereits Wolfgang Nielsen. Am Morgen bereits, erzählt der Vorsitzende der Wuppertaler Tafel seinem ehrenamtlichen Mitarbeiter Peter Krampen, kam die Nachricht, dass er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird. Schon in den nächsten Tagen solle Wolfgang Nielsen den Orden im Rathaus verliehen bekommen. „Es geht nicht um mich“, sagt Nielsen und fügt, auf Peter Krampen deutend hinzu: „Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer könnte unser Angebot nicht funktionieren.“ Die Nachricht vom Bundesverdienstkreuz hatte am Vormittag bei den Mitarbeitern der Wuppertaler Tafel noch für Aufregung gesorgt. Jetzt planen die beiden Männer jedoch schon wieder die nächste Medimobilfahrt nach Remscheid. Der Leitspruch der Tafel lautet: „Einem Anderen geben, was er braucht. Ein Stück Brot, ein Lächeln, ein offenes Ohr. Jetzt – nicht irgendwann.“ Ein anderer Slogan könnte auch passen: Es gibt viel zu tun – packen wir es an. CHRIS GRÜNWALD Seit 1995 gibt es die Wuppertaler Tafel. In den vier Ladenlokalen, die auf das ganze Stadtgebiet verteilt sind, gibt es Lebensmittel, Kleidung und Möbel für Bedürftige. Die Arbeit der Wuppertaler Tafel wird durch Geld- und Sachspenden und durch das Engagement von sechs festangestellten Mitarbeitern und etwa 250 ehrenamtlichen Kräften gewährleistet. www.wuppertaler-tafel.de Mittwoch, 26. Mai 2010Bewegende BilderTELEVISIONÄRES FERNSEHEN REGIONALISIERT UND DEMOKRATISIERT SICH IM TAL ENGELS-THEMA IM JUNI: BEWEGENDE BILDER ARD und ZDF waren gestern. Heute kommt TV aus allen Kanälen, aus Kabeln und Schüsseln. Aber die Medienflut für den Bildschirm ist nicht nur flach. In Wuppertal etablieren sich anspruchsvolle Formate von engagierten Machern. Da heißt es: Nahsehen statt Fernsehen.
Früher gab es diese freundlichen, lautstarken Herren im Eingangsbereich von Kaufhäusern, die mit einer Mischung aus Entertainment und schierer Verzweiflung versuchten, den Vorbeieilenden Teppich-shampoos oder Gurkenhobel zu verkaufen. Inzwischen stehen in den zu Shoppingmalls aufgehübschten Einkaufszentren nur noch Flachbildschirme. Die Dramaturgie des Dargestellten ist zwar ähnlich, aber eben nur zweidimensional. Die künstlich bewegten Bilder, früher nur im Kino und später im Fernsehen zu sehen, sind inzwischen allgegenwärtig. Zur Musikberieselung in der Boutique oder im Schnellrestaurant gesellen sich großformatige Clips der aktuellen Popstars. In gehobenen Restaurationen gibt es prasselndes Kaminfeuer via Plasmabildschirm. Besonders für junge Leute ist das Medium Film aber nicht mehr nur eine Einbahnstraße. Mit modernen digitalen Videokameras, aber auch mit Fotoapparaten, Handys, Notebooks und anderen elektronischen Kleingeräten wird allüberall gefilmt. Das Kunststück des Skaters in der Half Pipe, das Konzert der Lieblingsband, aber auch der peinliche Lehrer im Unterricht und der Mitschüler, der gerade verprügelt wird – alles findet auf digitalen Speichermedien und später im Internet seinen Platz. Das elektronische Auge ist allgegenwärtig. You Tube is watching you! „Als wollten wir die Welt verdoppeln“, kommentiert der Regisseur Adolf Winkelmann diese Entwicklung. Er selbst stattete gerade das Dortmunder U mit mehreren Videoinstallationen aus. Schon von weitem sollen Besucher erkennen, dass das ehemalige Brauereigebäude am Hauptbahnhof inzwischen ein „Zentrum für Kunst und Kreativität“ ist. Millionen von LEDs machen aus dem Betonklotz aus den Zwanziger Jahren einen riesigen, vierseitigen Fernseher. Kunst kommentiert hier die kommerzielle Bilderflut. Der Dortmunder Filmemacher möchte sein gutes altes Medium Film in die Zukunft retten, indem er es aus dem Ghetto namens Kino befreit. Gibt es solche Bewegungen auch südlich der Ruhr? Natürlich, und zwar nicht erst seit heute. Das Medienprojekt Wuppertal macht seit knapp 20 Jahren Filme, vornehmlich mit Jugendlichen. Damals zog man noch mit zentnerschweren Umhängegeräten und Schulterkameras umher und riskierte dabei Bandscheibenvorfälle. Aus der Idee eines Sozialarbeiters wurde eines der erfolgreichsten Exportprodukte des Bergischen Landes. Das Medienprojekt Wuppertal produziert inzwischen jährlich mit etwa 1.000 Jugendlichen 130 Kurzfilme. FILME AUS WUPPERTAL ERREICHEN HUNDERTTAUSENDE VON ZUSCHAUERN Die abendfüllenden Dokumentationen wiederum, die inzwischen ein eigener Verlag vertreibt, sind auch für Menschen in anderen Städten interessant. Beratungsstellen und Bildungseinrichtungen aus dem ganzen Bundesgebiet bestellen die DVDs. So erreichen die Filme über Rechtsextremismus, Sexualität, Gewalt und andere jugendrelevante Themen aus Wuppertal jährlich Hunderttausende von Zuschauern. Umso erstaunter war Geschäftsführer Andreas von Hören, dass in der Sparvorlage des Kämmerers im vergangenen Jahr auch Zuschüsse für das Medienprojekt Wuppertal zusammengestrichen wurden. Diese Pläne sind nach Protesten von jugendlichen Filmern inzwischen zumindest vorerst vom Tisch. Natürlich gibt es im Tal auch noch andere Produzenten von informativem TV. Der WDR unterhält in der Stadt ein Landesstudio, das täglich eine halbe Stunde im WDR-Fernsehen vom Bergischen berichtet. Das Produkt ist professionell und ausgewogen, eben öffentlich-rechtlich und ausgestattet mit unseren Rundfunkgebühren. Die Westdeutsche Zeitung bietet auf ihrer Internetpräsenz WZ TV an, dreiminütige Reportagen und Portraits im Vokabelheftformat. Oft sind den Filmen kurze Werbeblöcke vorgeschaltet. Auch hier ist die journalistische und technische Qualität für Kommunalberichterstattung auf einem erstaunlich hohen Niveau. Ebenfalls von Profis betrieben ist die Reihe „Schwebebahngespräche“ von Radio Wuppertal. Die Chefin vom Dienst der Lokalfunker Yvonne Peterwerth fährt mit Promis aus dem Tal über die Wupper und lässt sie erzählen. Das Angebot ist charmant, aber leider auf der Homepage des Senders viel zu gut versteckt. Berühmtheiten wie der Multifunktionskünstler Sascha Gutzeit oder der Von der Heydt-Museumsdirektor Gerhard Finckh saßen bei der Talkmasterin bereits auf der schwebenden Couch. Im vergangenen Monat begann die Produktion der zweiten Staffel. Die Werbeeinnahmen hierfür kommen bislang ausschließlich von den Wuppertaler Stadtwerken, die ja auch die gesamte Kulisse zum Dreh mit ihrem einmaligen Verkehrsmittel liefern. Inzwischen sprießen aber noch mehr TV-Angebote im Wuppertal. Das Internetfernsehen TAL-TV ist ein Projekt der Initiative Friedrichsstraße. Der Mediendesigner Tom V Kortmann zeigt auf der Seite bergischlan.de einen Ausschnitt von der Kundgebung gegen die Theaterschließung im Januar. Reportagen von und für Studierende gibt es auf der Seite engelszunge.info zu sehen. Eine Vernetzung all dieser wichtigen TV-Angebote in der Region existiert noch nicht, scheint aber dringend geboten. Und ein Angebot fehlt noch gänzlich. Auf den großen Privatsendern flimmern Stern-TV, Spiegel-TV, Focus-TV, Süddeutsche-Zeitung-TV. Wann aber machen das Landesstudio Wuppertal des WDR oder die Westdeutsche Zeitung mit uns zusammen engels-TV? Lutz debus „JUGENDLICHE WOLLEN GESCHICHTEN ERZÄHLEN“ ANDREAS VON HÖREN ÜBER DEN SPAGAT ZWISCHEN MEDIENPÄDAGOGIK UND VIDEOKUNST
engels: Herr von Hören, wie war das, als in Wuppertal die Bilder laufen lernten? Andreas von Hören: Die Anfänge des Medienprojektes Wuppertal gehen auf die Videoaktion „Clip it“ vor ungefähr 20 Jahren zurück. Wir starteten einen Aufruf und wollten mit Jugendlichen einminütige Filme zu einem Thema produzieren und präsentieren. Wir haben zwei Wochen rund um die Uhr an mehreren Stellen geschnitten. Dann waren 130 Filme fertig. Das Programm wurde damals in drei Kinos im Stadtgebiet gezeigt. Die Vorstellungen waren ausverkauft. Später sind wir bei der Aktion auf dreiminütige Filme umgestiegen. Was ist der Zweck Ihrer Arbeit? Jugendliche wollen Geschichten erzählen. Sei es ein Horrorfilm oder eine Liebesgeschichte, sei es fiktional oder dokumentarisch. Und wenn sich Jugendliche auf einer großen Leinwand eines Multiplex-Kinos sehen, steigt automatisch deren Selbstbewusstsein. Die Vorführung ist ganz entscheidend für den Filmemacher und die Darsteller. Sie bekommen ein Feedback. Lacht das Publikum, wenn es lachen soll? Weint es, wenn es weinen soll? Warum hat das Medienprojekt so viel Erfolg? Wir bekommen als Medienpädagogen den Spagat zwischen der tendenziellen Gegensätzlichkeit von Kunst und Pädagogik gut hin. Pädagogen wollen normalerweise erziehen, sind eher unfrei. Künstler wollen etwas entwickeln, sind eher frei. Bei den großen Themen des jungen Films, Gewalt auf der einen Seite und Liebe und Sex auf der anderen Seite, kommen Pädagogen schnell an ihre Grenzen. Wir lassen Jugendliche ihre Filme nach ihren eigenen Ansichten und Bedürfnissen entwickeln. Unsere Grenze sind das Strafgesetzbuch und der Jugendschutz, aber nicht irgendeine Erwachsenenmoral, die wir ihnen vermitteln wollen. Gibt es Zukunftsvisionen? Natürlich verändern sich in digitalen Zeiten die Produktionsgeräte, die Ästhetiken und die Präsentationsmöglichkeiten im Internet. Wir drehen inzwischen in fernen Ländern: im Irak, in Marokko, in Polen, in Russland, im Nahen Osten. Die Welt wird kleiner, und es gibt viele Menschen in Wuppertal, die aus anderen Ländern stammen und von dort Themen mitbringen. Zur PersonAndreas von Hören ist Geschäftsführer des Medienprojekts Wuppertal e.V. Foto: Jörg Lange „SYNERGIEN NUTZEN“ MARTIN VOGLER ZU DEM TV-ANGEBOT DER WESTDEUTSCHEN ZEITUNG engels: Herr Vogler, ist die Zeitung aus Papier reif für das Antiquariat? Martin Vogler: Nein, auf keinen Fall. Gedruckte Zeitungen wird es auch in fünfzig Jahren noch geben. Die Zahl der anderen Ausgabeformen parallel dazu wird in unserem Medienhaus aber zunehmen. Machen die kleinformatigen kurzen Filme als Teil der Internetausgabe der Westdeutschen Zeitung Sinn? Für uns ist dieses Angebot nur eine Facette unseres großen Internetangebotes, das wir mit starker regionaler Gewichtung ausstatten. Natürlich ist das Internet noch immer ein Experimentierfeld. In Wuppertal machen wir WZ-TV seit etwa zwei Jahren. Ich bin sehr glücklich über die Qualität dieses Angebotes. Unser Kernangebot im Internet ist es allerdings nicht. Wir konzentrieren uns auf die aktuellen Meldungen, auf Hintergrundinformationen und weiten auch interaktive Elemente aus. Wegen WZ-TVs könnte man ja auch unken: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ Das sehe ich nicht so. In den letzten Jahren beobachtete ich in unserem Hause eine wunderbare Entwicklung. Wir haben WZ-TV zunächst in unserer Online-Redaktion angesiedelt. Die Kollegin, die das macht, kümmert sich zusammen mit professionellen Kamerateams um diese Filme, sitzt aber mit den Print-Kollegen am Newsdesk. Daraus ergab sich, dass eine Reihe von schreibenden Kollegen auch Interesse an dieser Arbeit entwickelte. Der Journalist macht nicht mehr nur Print, Funk, TV oder Online, sondern wird zur eierlegenden Wollmilchsau? Das trifft für unser Verlagshaus nicht zu. Wir haben nach wie vor Redakteure für Print und für Online. Natürlich ist es ein Ziel, dass die Aufgaben ineinandergreifen. Wir wissen im Moment auch noch gar nicht, welche Ausgabeformen in den nächsten Jahren hinzukommen. Der WAZ-Konzern kooperiert bezüglich seinen TV-Angeboten mit dem WDR. Auf der einen Seite ist das sinnvoll, weil man Synergien nutzen kann. Als selbstständiger Verlag sehen wir allerdings auch, dass bei solchen Kooperationen keine Chancengleichheit besteht. Öffentlich-rechtliche Sender finanzieren sich zu einem guten Teil von den Rundfunkgebühren. Bislang kooperiert auch nur die WAZ mit dem WDR. Ist das nicht ungerecht gegenüber den anderen Zeitungsverlagen in NRW? Da trifft jedes Unternehmen eine eigene Entscheidung. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur PersonMartin Vogler (55) ist Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung Foto: WZ BÜRGERINITIATIVE ALS FERNSEHANSTALT SEIT APRIL IST TALTV ONLINE Drei Männer sitzen am Schreibtisch und besprechen die neuen Reportagen. Einer davon ist Udo Peters. Der bekannte Filmemacher aus Wuppertal ist Redaktionsleiter von TALTV, Wuppertals jüngstem Internetfernsehen. In der Redaktionssitzung geht es um die nächsten zu produzierenden Beiträge. Wuppertal ist pleite, das spüren vor allem die Bürger und Unternehmen. Existenzangst macht sich breit, leere Geschäfte häufen sich. Für Investoren bietet dieses Szenario keinen Reiz mehr sich anzusiedeln. So der Tenor des Gesprächs. „Wuppertal muss wieder attraktiv werden, und wir müssen zusammenhalten“, erklärt Peters. Zu diesem Zweck will er Bürgerstimmen hör- und sichtbar machen. Besonders der Döppersbergumbau wird behandelt. Regelmäßig werden Bürger und Geschäftsleute zum größten Sandkasten der Stadt nach ihren Meinungen und Stimmungen befragt. Schadet oder nutzt der Umbau der Stadt? Zusätzlich hat TALTV vier Livecams installiert, damit man den Fortschritt der Bauarbeiten verfolgen kann. Aber auch andere Themen wie die Ansiedlung des Möbelgiganten Ikea oder Neuigkeiten über die Nordbahntrasse finden Anklang in der Redaktion. Weitere Portraits über Wuppertaler Künstler in der Rubrik „Künstler-Talk“ sind in Planung. Sascha Gutzeit war bereits Gast im Studio. Die Dreharbeiten mit dem Musiker gestalteten sich schwierig, erzählt Peters. Der große Musiker Gutzeit ist eher klein geraten. Der Cocktailtisch, an dem der Künstlertalk stattfindet, reichte dem bekannten Wuppertaler fast bis zum Kinn. So musste wie bei Humphrey Bogarts und Ingrid Bergmans berühmtestem Filmkuss in „Casa-blanca“ mit Holzbalken nachgebessert werden. Im April ging das Internetfernsehen online. Dafür gibt es schon erstaunlich viele Beiträge. TALTV wurde von der Initiative Friedrich-Straße e.V. (IFS) gegründet. Finanziert wird der Sender durch Werbeeinnahmen und vor allem von der größtenteils ehrenamtlichen Arbeit des Teams. Auch sehr ernste Themen behandelt TALTV. Die eindrucksvolle Ausstellung „Sonderzüge in den Tod“, die im Bahnhof Vohwinkel im vergangenen Monat über die Judendeportationen Anfang der Vierziger Jahre informierte, wird mit einem Beitrag gewürdigt. DANIELA ALTHAUS IM BERGISCHEN LANDE FOTOS, TEXTE UND FILME PRÄSENTIEREN DIE REGION IM INTERNET Durch eine Toreinfahrt und einen Innenhof muss man gehen, dann erst erreicht man die im Erdgeschoß angesiedelte Medien-Design-Agentur „Mausklick“ im Westen von Heckinghausen. Dass Tom V Kortmann Räume gestalten kann, glaubt man ihm bereits, kurz nachdem man seine Agentur betreten hat. Seine Leidenschaft für das Fotografieren ist in zahlreichen Bildern an den Wänden dokumentiert. Sie erzählen Geschichten, wie die von der Spinne Spider Murphy, welche Kortmann in einem Baumarkt entdeckt und mitgenommen hat. Im heimischen Terrarium beobachtete und fotografierte er das Tier und fand heraus, dass es sich um eine exotische Jagdspinne handelte. Im Fuhlrott-Museum wollte man sie mit Nadel im Bauch an der Schauwand ausstellen. Das ließ er nicht zu. Und so besorgte er Murphy eine neue Bleibe im Aquazoo in Düsseldorf. Skurrile Geschichten zu sammeln, so scheint es, ist die Leidenschaft des Mediendesigners. Zwei Räume weiter steht neben einer alten englischen Feuerwehr-Notrufsäule eine knallrote Kirchenbank, auf der Menschen Platz nehmen können, um eben solche Geschichten zu erzählen. Kortmann weiß noch nicht, wer neben ihm sitzen wird und welche Geschichten ihm erzählt werden. Nach welchen Geschichten sucht er überhaupt? Dies sei völlig gleichgültig, sagt Kortmann. Vielleicht eine über das verlorene Endivien-Salat-Rezept der Großmama? Wieder erzählt Kortmann eine seiner eigenen Geschichten. Alle liebten diesen Salat, doch eines Tages lebte die Oma nicht mehr, und niemand hatte das Rezept aufgeschrieben. Tom V Kortmann und seinen Mitstreitern geht es darum, eine regionale Identität abzubilden. Regionales Wissen und Kompetenz sollen sich vernetzen. „BergischLAN schafft Raum für Kommunikation und Gemeinschaft“, so Kortmann. „Wenn wir Besuch bekommen und gefragt werden, was man hier denn so erleben kann, fällt es vielen schwer, die touristischen und kulturellen Attraktionen zu benennen.“ BergischLAN will bei diesem Problem helfen und herkömmliche touristische und kulturelle Attraktionen mit unkonventionellen Initiativen vernetzen. Von Murphy lernen heißt siegen lernen. CHRIS GRÜNWALD www.BergischLAN.de Freitag, 23. April 2010krieg und frieden65 JAHRE FRIEDEN IM TAL Die Ergebnisse unseres Schreibwettbewerbs haben einen deutlichen aktuellen Bezug
Am 8. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Menschen, die zu jener Zeit geboren wurden, gehen nun in Rente. Und der Frieden? Ist er auch reif für das Altenteil? Schaut man in die Zeitung, will dies so scheinen. Immer mehr deutsche Soldaten kehren, verpackt in Plastiksäcken, zurück aus Afghanistan. Die Kanzlerin spricht bei deren Trauerfeier von Helden, die für uns gestorben sind. Der Verteidigungsminister gibt zu, dass der bewaffnete Konflikt in Afghanistan umgangssprachlich als Krieg bezeichnet werden kann. Der Bundestag im Reichstag debattiert über die Verhältnismäßigkeit von Bombardements. Deutschland, dieser kleine Fleck auf dem Globus, war im Jahr 2009 drittgrößter Exporteur von Rüstungsgütern, nach den USA und Russland. Unser relativer Wohlstand erklärt sich also auch dadurch, dass unser Land Panzer, U-Boote, aber auch Pistolen und Gewehre in alle Krisenherde und Kriegsgebiete dieser Erde liefert. Andererseits: Eine mächtige Bewegung gegen den Krieg, wie es sie in den Sechziger und Achtziger Jahren gab, existiert nicht. Nur rechtsradikale Parteien und die LINKE sind grundsätzlich gegen die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan. Erstere würden andere Kriege natürlich befürworten. Und bei manchem Parteifunktionär der LINKEN wiederum muss die Frage erlaubt sein, warum ein „Raus aus Afghanistan!“ erst jetzt und nicht schon vor 30 Jahren gefordert wurde. Natürlich gibt es im Rahmen einer sinnvollen Friedenspolitik keine schnellen, kurzen Antworten. Und erst recht kann kein regionales Stadtmagazin aus Wuppertal diese liefern. Aber wir können zumindest der Sprachlosigkeit, die viele Menschen auch in unserer Stadt befällt, wenn wieder neue Hiobsbotschaften aus Afghanistan eintreffen, etwas entgegensetzen. In der letzten Ausgabe baten wir die Leserinnen und Leser, ihre Texte zum Thema „65 Jahre Frieden im Tal“ einzusenden. Hier einige Antworten. Lutz Debus DIE BEDEUTUNG VON PEACE-KETTCHEN Missmutig ging ich an der Wupper entlang. In Beton eingemauert sah sie gar nicht mehr so aus wie ein Fluss. Ich hatte eine Fünf in der Klausur geschrieben. Es war ein schlechter Tag. An meinem Arm klimperte ein Kettchen. Ein paar Peace-Anhänger in verschiedenen Farben baumelten herunter. Es war ein Extra aus der Bravo gewesen. Meine Freundinnen besaßen auch so ein Armband. Oma hatte vorgestern bei meinem Besuch gemeint: „Diese Dinger tragt ihr jetzt alle, oder?“ Dabei hatte sie auf den Anhänger gezeigt. „Lauft herum mit dem Zeichen für Frieden, dabei wisst ihr gar nicht, was es bedeutet. Du kannst den Frieden nicht genießen, weil du nicht weißt, wie es ohne ihn ist.“ Ich war sauer rausgelaufen, dachte, sie würde nur spinnen. Gestern ist sie gestorben. Mit 86 Jahren habe sie ein hohes Alter erreicht, sagte meine Mutter. Oma hatte den ganzen Krieg erlebt. Ich schmiss mein Armband in den nächsten Mülleimer. Vielleicht hatte sie recht. Ich wusste nicht, was Frieden ist. Sie schon. Und sie hatte ihn 65 Jahre lang genossen FRIDA VON ZAHN, 12 JAHRE KRIEG. GEDANKEN. Krieg: längerer mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt, größere Auseinandersetzung zwischen Völkern mit militärischen Mitteln, sagt der Schülerduden. Materielle und immaterielle Opfer, Angst, Entbehrung, Schmerz, Tod sagen Menschen, die derartige Gefechte miterlebt haben. In den Buchstaben von „Krieg“ steckt „Gier“. Anders gehen Generationen mit dem Wort um, die fernab jeder Schlacht aufgewachsen sind. „Ich kann jetzt nicht telefonieren, hier ist Krieg.“ Was der Mann meint: Es gibt Stress im Büro. Übergewichtige führen Krieg gegen überflüssige Pfunde. Desinfektionsmittel sind die besten Waffen gegen hartnäckige Badezimmerbakterien. Eine unglückliche Jugendliche befindet sich im Krieg gegen ihr Äußeres. Angesichts dessen erhält auch das Wort Frieden unzählige Facetten. Waffenstillstand für die einen. Entspanntes Arbeiten, Idealgewicht, Sauberkeit, Schönheit für andere. Heißt Frieden, dass ein Individuum mit sich und seinem Umfeld im Reinen ist? Die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort definierte: „In der heutigen Friedlosigkeit der Völker offenbart sich im Grunde der friedlose Zustand der einzelnen Herzen. Das bedeutet: Nur von innen her kann die Friedlosigkeit der Welt überwunden werden. TONIA SORRENTINO ERINNERUNGEN MEINER GROSSMUTTER Meine Großmutter hörte ein Zischen und Pfeifen, taghell wurde es nachts in ihrem Zimmer. Draußen fielen die Bäume zur Erde, furchtbare Bombeneinschläge folgten. Mein Urgroßvater war zu der Zeit in Danzig an der Front stationiert. Meine Urgroßmutter kam in das Zimmer meiner Oma gerannt und schrie: „Schnell, schnell, beeile dich. Komm sofort in den Luftschutzkeller." Meine Großmutter zog an, was sie gerade greifen konnte, und rannte los. Im Keller waren alle Hausbewohner versammelt, meine Urgroßtante im Nachthemd, der Bruder meiner Großmutter ohne Schuhe. Nach kurzer Zeit merkte meine Familie, dass sie nicht in ihrem Keller bleiben konnten – beißender Qualm nahm ihnen die Luft. Alle rannten, so schnell die Beine sie trugen, hinauf zur Haustür. Sie wollten nur noch in die Freiheit nach oben. Egal was sie dort erwartete, es schien immer noch besser, als im siedend heißen Keller zu ersticken. An der ersehnten Haustür angekommen, musste meine Familie feststellen, dass diese rot glühte und Flammen aus dem Schlüsselloch schlugen. Das eigene Herren-Bekleidungsgeschäft, welches sich in dem Fachwerkhaus befand, brannte bereits lichterloh. Mit letzter Kraft konnte die klemmende Tür aufgebrochen werden, und meine Familie rannte um ihr Leben in den ganz nahe gelegenen Luftschutzraum des Barmer Rathauses. Hier saßen sie nun viele Stunden, nicht ahnend, in welcher Gefahr sie auch jetzt wieder schwebten. Sie konnten – erneut unterirdisch eingekerkert – nicht wissen, dass nun das Barmer Rathaus in Flammen stand und nur durch die große Anstrengung von Feuerwehrmännern anderer Städte gehalten werden konnte. Fast wären sie statt in ihrem eigenen Haus nun dort qualvoll verbrannt. Am nächsten Morgen konnten sie den Luftschutzraum des Barmer Rathauses verlassen. Ganz Barmen brannte lichterloh. JASMIN SCHEMANN, 33 JAHRE KINDHEIT IM NACHKRIEGSDEUTSCHLAND Als ich im September 1952 als fast sechsjähriger Junge nach Wuppertal zog, waren die Straßen noch von Trümmergrundstücken gesäumt. Für uns Kinder waren das die besten Abenteuerspielplätze; in den Kellern konnten wir Verstecken spielen und Cowboy und Indianer. Dennoch wusste ich von den Erzählungen meiner Eltern, auf welch schreckliche Art und Weise es zu jenen Zerstörungen gekommen war, und dass eigentlich jede Familie Opfer infolge dieses furchtbaren Krieges zu beklagen hatte. Ich kann mich sehr gut an Spielkameraden erinnern, deren Väter im Krieg gefallen waren; der Bruder meiner Mutter wurde, erst 24 Jahre alt, durch Panzerbeschuss getötet. Natürlich wurde über Mord, Flucht und Vertreibung, gesprochen – wenn auch wenig –, zu Hause, in der Schule und auf der Straße. Diese Themen wurden von den Erwachsenen, trotz oder gerade wegen der eigenen Erlebnisse nicht mehr sehr oft angesprochen. Das hatte ich damals so bemerkt. Aber: Es herrschte ja Frieden insofern, als dass der Krieg zu Ende war. Und ich habe eine wirklich glückliche Kindheit und Jugend erleben dürfen. Als im August 1961 in Berlin die Mauer errichtet wurde, spürte ich, wie sich die Angst vor einem neuen Krieg wieder breit machte. Diese Angst übertrug sich jedoch, nach meiner Erinnerung, kaum auf mich. Zu sehr glaubte ich an den Frieden. Ganz große Angst bekam ich dann aber im Oktober 1962, als die Kuba-Krise die Welt in einen Atomkrieg zu stürzen drohte. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Auf dem Gymnasium, das ich damals besuchte, wurde über diese Auseinandersetzung diskutiert. Die Tragweite eines neuen Krieges wurde mir sehr bewusst. Gott sei Dank wurde diese Krise friedlich beigelegt. Allerdings ist mir bewusst, dass es seit Ende des Zweiten Weltkrieges leider immer Krieg auf der Welt gegeben hat, zu unserem Glück jedoch nicht in Deutschland. Zwingend erforderlich ist deshalb die ständige Auseinandersetzung mit dem Thema „Frieden schaffen“. Denn Krieg auf dem einen Teil der Erde kann, abgesehen von den fürchterlichen Folgen der davon Betroffenen, schnell auf den anderen Teil der Erde übergreifen. WOLFGANG REINEKE, 63 JAHRE FRIEDEN IN WUPPERTAL Frieden ist die Abwesenheit von Krieg. Hier wird nicht geschossen. Hier fallen keine Bomben. Schon lange nicht mehr. In meiner Stadt. Hier habe ich Frieden gefunden. Hier haben Menschen Frieden gesucht. Hier in meiner friedlichen Stadt. Sie haben im Kosovo ihren Mann verloren. Sie haben in Palästina ihr Kind sterben sehen. Sie wurden in China gefoltert, im Sudan verstümmelt. Plötzlich ist der Krieg in meiner friedlichen Stadt. GABY MEDING, 45 JAHRE KRIEGSKIND IN BERLIN Wer als Kriegskind 1941 das Leben in der Metropole Berlin beginnt, muss sich mit vielen negativen Einflüssen seiner Kindheit ein Leben lang auseinandersetzen. So begann das Leben mit nicht endenden Aufenthalten in Kinder- und Jugendheimen. Zwischendurch sorgte ich mit Ladendiebstählen dafür, dass die Familie etwas zu essen bekam. Beide Elternteile waren erkrankt. Nach dem Krieg kam ich durch Familienauflösung zur heimatlichen Großfamilie nach Wuppertal. Neue Eltern fanden sich in einem Handwerkerhaushalt in Ronsdorf. So begann mit dem Schulanfang die Zeit der friedlichen Entwicklung eines Schülers an der Volksschule. Aber der Hunger war noch nicht vorbei, Hamstern war angesagt. Auch Carepakete aus den USA trugen zur Linderung der Not bei. Da ich mit zarten 12 Jahren von der Waffen-SS-Zeit meines Stiefvaters erfuhr und heftig rebellierte, war die spätere aktive Arbeit in der Friedensbewegung bereits früh programmiert. Als Ergebnis meines Lebens nach 20 Jahren bei den Spezialdemokraten, dem Neuaufbau von WASG und die Linke, als Betriebsratsmitarbeiter und bei der Villa Bunterkunt in Ronsdorf kann ich zusammenfassend sagen: Krieg glücklich überlebt, aber wissend, wer daran verdient! HANS KEMPER, 68 JAHRE engels-LeserInnen zu: KRIEG UND FRIEDEN Man könnte es so sagen: „Der einzige Rentner, der lebenslang arbeiten sollte, ist der Frieden!” Er ist nach Ansicht unserer AutorInnen in die Jahre gekommen, wir wünschen ihm dennoch ein langes Leben. Dafür allerdings müssen wir alle selbst etwas tun. Eine kleine Facette findet in dieser Ausgabe statt, unter Mithilfe von engels-LeserInnen. In der letzten engels-Ausgabe riefen wir einen „Schreibwettbewerb” aus, einige Beiträge wollten wir prämieren und abdrucken. Aus den eingegangenen Texten veröffentlichen wir in der jetzigen Ausgabe sechs, darunter die drei prämierten. Da lesen wir über Bombenhagel und über verstörende Peace-Anhänger, über Waffenexporte und über Kriegssprache, vom Überleben im Barmer Rathaus-Bunker und von der Frage nach den Ursachen von Kriegen und den damit verbundenen wirtschaftlichen und poltischen Interessen der jeweiligen Machteliten. Und vielleicht ist es am Ende doch auch der fehlende Seelenfrieden, dem wir stets hinterherjagen - und ihn dabei verlieren. Wir bedanken uns bei unseren AutorInnen und LeserInnen. Und wir gratulieren: 1. Preis (300 €) für Frida von Zahn 2. Preis (200 €) für Gaby Meding 3. Preis (100 €) für Wolfgang Reineke Unter den weiteren TeilnehmerInnen wurden Freikarten verlost. Mit den GewinnerInnen wollen wir uns treffen und uns auch persönlich bedanken. Vielleicht helfen die vorliegenden Themenseiten, einige Menschen nachdenklich zu machen. Auch ein friedenserhaltendes Engagement wäre nicht schlecht. Joachim Berndt, Herausgeber „OFT EIN KLOSS IM HALS“ DANIELA ALTHAUS ÜBER DIE ALTEN BUNKER VON WUPPERTAL
engels: Frau Althaus, was machen Sie im Untergrund von Wuppertal? Daniela Althaus: Ich erforsche Luftschutzanlagen. In Wuppertal gab es 11 Hochbunker, über 11 Tiefbunker und über 300 Stollen, die dem Luftschutz dienten. Zunächst muss ich mir von dem Besitzer des Bunkers eine Genehmigung und auch einen Schlüssel besorgen. Ausgestattet mit entsprechender Ausrüstung, Kamera und vielen Akkus gehe ich dann in die Luftschutzräume. Dort mache ich Fotos, um diese Eindrücke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Was sehen Sie dort? Einige Bunker sind noch gut erhalten. Man kann die Sitzbänke sehen, Hinweisschilder, Toilettenräume. Wenn ich in einem Bunker bin, habe ich oft ein Kloß im Hals. Ich stelle mir dann vor, wie es den Menschen während eines Bombenangriffs dort ergangen ist. Warum interessieren Sie sich so für das Thema? Meine Großeltern haben mir viel vom Krieg erzählt. Meine Oma hat als kleines Mädchen ihre Eltern verloren. Das prägte sie. Mich haben ihre Geschichten immer sehr berührt. Welchen Sinn macht es, das Innere von Bunkern zu erforschen und die Ergebnisse zu veröffentlichen? Luftschutzanlagen sind auch heute noch im Wuppertaler Stadtbild präsent. Viele, gerade Jüngere, fragen sich, was es mit diesen Gebäuden auf sich hat. Das Interesse bei der Bevölkerung ist groß. Da ist jedes Alter vertreten. Wäre es sinnvoll, Bunker öffentlich zugänglich zu machen? Durchaus. In Emden, Köln und Wilhelmshaven gibt es bereits gute Bunkermuseen. Ich plane ebenfalls ein solches in Wuppertal. Die Stadt ist auch daran interessiert. Natürlich dürften bei so einem Museum für die Stadt keine Kosten entstehen. Ich könnte mir zunächst eine Ausstellung im Rahmen von Wuppertal 24h live oder in der Museumsnacht vorstellen. Befragen Sie auch Zeitzeugen? Natürlich. Viele wollen nicht wieder in die Bunker. Andere haben schon ein Interesse zu sehen, wie es jetzt da aussieht. Die Berichte der alten Menschen sind sehr eindrucksvoll. Was würden die Bunker sagen, wenn sie sprechen könnten? Vielleicht das, was auch das Motto meiner Arbeit ist: Das was damals geschah, darf nicht vergessen werden, sonst wird es noch einmal geschehen. Zur PersonDaniela Althaus (38) betreibt die Seite: www.wuppertal-untertage.de. Foto: privat „DAS LEID ÜBERSTEIGT UNSERE VORSTELLUNGSKRAFT“ UWE ECKARDT ÜBER DIE ERINNERUNG AN DEN ZWEITEN WELTKRIEG engels: Herr Eckardt, Sie haben 1985 eine Dokumentation über die Kriegsauswirkungen in Wuppertal vorgelegt. Warum? Uwe Eckhardt: Der Zweite Weltkrieg war ein zentrales Ereignis der Wuppertaler Stadtgeschichte. Deshalb haben wir uns damals, 40 Jahre nach Kriegsende, entschlossen, eine Chronik des Jahres 1945 zusammenzustellen. Wir wollten gerade jungen Menschen die Not, die seinerzeit geherrscht hat, vermitteln. Wie gestaltete sich die Recherche? Schriftliche Quellen gibt es erstaunlich viele im Stadtarchiv, aber leider sehr wenige Fotos. Wir haben keine Bilder, die zum Beispiel den Einmarsch der Amerikaner am 16. April 1945 und die kampflose Übergabe der Stadt zeigen. Sind Sie mit der Geschichtsaufarbeitung in der Stadt zufrieden? In den 1980er Jahren erschienen drei Bände über die Zeit im Nationalsozialismus, herausgegeben von Klaus Goebel. Wir haben vom Stadtarchiv eine große und gutbesuchte Ausstellung gemacht. Sicher gibt es noch viele Themen, die bearbeitet werden müssen. Welche? Es muss auch über die Ursachen des Zweiten Weltkrieges gesprochen werden, nicht nur über die Auswirkungen auf Wuppertal. Ich musste immer wieder die Erfahrung machen, dass an die Bombenangriffe von 1943 in regelmäßigen Abständen erinnert wurde, ohne dass man reflektiert hat, warum die Angriffe stattgefunden haben. Man hat sich in der Vergangenheit vielfach nur als Opfer gesehen. Wuppertal hat auch überdurchschnittlich viele Bomben abbekommen? Die beiden großen Angriffe im Mai und Juni 1943 haben die Bevölkerung völlig unvorbereitet getroffen. 6.000 bis 7.000 Menschen sind bei den Luftangriffen insgesamt ums Leben gekommen. Die Stadt war 1945 zu etwa 64 Prozent zerstört. Es wurden Phosphorbomben eingesetzt. Deren Wirkung wurde falsch eingeschätzt, weil man damit noch keine Erfahrung hatte. Es konnten vielfach nur Leichenteile bestattet werden. Welche Botschaft ist wichtig für die nachfolgenden Generationen? Es ist wichtig, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, denn das Leid, das durch Krieg entsteht, übersteigt unsere Vorstellungskraft. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur PersonDr. Uwe Eckardt (66) leitete von 1980 bis 2008 das Stadtarchiv Wuppertal. Foto: Francis Lauenau Donnerstag, 25. März 2010Der Neue FünfjahresplanWÄHLT RAU! DIE LANDTAGSWAHL ENTSCHEIDET ÜBER DIE ZUKUNFT DER STADT
Zwanzig goldene Jahre lang war Wuppertal die heimliche Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Der damals amtierende Ministerpräsident spielte lieber Skat in Barmen als Golf in Köln oder Tennis in Düsseldorf. Und auch, als jener Landesübervater von den eigenen Genossen nach Berlin gedrängt wurde, um Wolfgang Clement in der Staatskanzlei Platz zu machen, hielt er seine schützende Hand über seine Geburtsstadt. Erst, als Clement aus dem Amt schied, wehte ein rauerer Wind durchs Tal. Der Hanseat Peer Steinbrück befand, dass Wuppertal eine ganz normale Stadt ist und behandelte sie entsprechend. Spätestens nach der schwarz-gelben Regierungsübernahme vor fünf Jahren wähnt sich die Stadt gänzlich im politischen Aus. Oberbürgermeister Peter Jung und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sind zwar Parteifreunde aber mitnichten Freunde. Dem Regierungschef, dessen Lieblingsbegriff „Innovation“ ist, gilt das Bergische als riesiges Freiluftmuseum für Industriegeschichte. Sein Innenminister Ingo Wolf von der FDP regiert mit Hilfe des zuständigen Regierungspräsidenten inzwischen die Stadt, indem er die Kassenbücher im Rathaus kontrolliert. Bundespolitische Bedeutung erlangt Wuppertal zurzeit, weil hier die rigidesten Sparpläne der Republik verfasst werden. Theaterschließung, Bäderschließung, Kürzungen im Kultur- und Sozialetat, seinen Giftschrank hat der Kämmerer der Öffentlichkeit bereits Ende vergangenen Jahres präsentiert. Dass all diese Sanierungsversuche wahrscheinlich nur neue Löcher ins Stadtsäckel reißen, ist politische Binsenweisheit. Arbeitslose Bademeister und Schauspieler kosten mehr als arbeitende. Alle politisch Verantwortlichen sehen die finanziell ausweglose Situation der Stadt und hoffen auf ein Wunder am 9. Mai. Wenn nämlich die Steuersenkungspartei FDP abgewählt wird, könnte eine neue Landesregierung die Kommunen mit frischem Geld ausstatten oder zumindest gestatten, dass diese sich in Krisenzeiten noch weiter verschulden dürfen. Außerdem würde die Bundesregierung ihre Mehrheit im Bundesrat einbüßen. Weitere Steuergeschenke wären nicht mehr durchsetzbar. Tatsächlich hat es die Regierung in Berlin binnen eines halben Jahres fertig gebracht, dass sich in Umfragen die Mehrheit der Bundesbürger gegen Steuersenkungen ausspricht. Das ist Weltpremiere. Neben dem allesbeherrschenden Thema der öffentlichen Finanzen und der Stilisierung des Urnengangs zur Richtungswahl geht es aber auch um andere wichtige Sachthemen. In der Bildungspolitik sind gleich zwei Fragen strittig. Soll es weiterhin im Land Studiengebühren geben? Und soll das dreigliedrige Schulsystem in seiner jetzigen Form Bestand haben? Die Bergische Hochschule profitiert nicht von den Vorgaben der schwarz-gelben Landesregierung. Mit ihrem Schwerpunkt Lehrerausbildung kann sie bei der von Bund und Land geschürten Konkurrenz zwischen Eliteunis und volksnahen Hochschulen nur verlieren. In der Schulpolitik wiederum darf man gespannt sein, ob eine andere Regierung auch eine andere Politik macht. SPD und Grüne hatten viele Jahre Zeit, eine grundsätzliche Schulreform auf den Weg zu bringen. Außer der Einführung der Gesamtschule in den Siebziger Jahren ist zwischen 1966 bis 2005 nicht viel geschehen. Es bleibt aber zumindest die Option, dass sich eine zukünftige Landesregierung bei den kommenden Abiturprüfungen nicht so blamieren wird wie die amtierende Ministerin Barbara Sommer. DIE AFFÄREN ERINNERN AN DIE LETZTEN REGIERUNGSTAGE VON RICHARD NIXON ODER HELMUT KOHL Müsste der Wähler nur die geleistete Arbeit der letzten fünf Jahre beurteilen, sein Votum wäre eindeutig. Selten hat sich eine Landesregierung so viele Skandale geleistet. Da waren die Pannen beim Zentralabitur nur Flüchtigkeitsfehler. Unter der Fachaufsicht von Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter folterten Häftlinge einen Mithäftling zu Tode. Andere zogen es vor, offenen Vollzug auf eigene Faust zu organisieren und hielten für viele Tage die gesamte Polizei in Atem. Die Landtagspräsidentin Regina van Dinther erzielte für nebenberufliche Tätigkeiten einen fünfstelligen Stundenlohn, konnte aber trotzdem fällige Mitgliedsbeiträge ihrer Partei CDU jahrelang nicht überweisen. Der Regierungschef selbst hatte als Arbeiterführer bei der Rettung von BenQ, Nokia und Opel wenig Fortune. Videoüberwachungen der SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft, organisiert von Mitarbeitern seiner Staatskanzlei, und jüngst die Affäre um käufliche Kontakte zum Ministerpräsidenten erinnern an die letzten Regierungstage von Richard Nixon oder Helmut Kohl. Aber bei einer Wahl sollte nicht abgerechnet werden. Es geht letztlich doch darum, wie die kommenden fünf Jahre gestaltet werden. Zentrales Thema sind tatsächlich die Kommunalfinanzen. Werden Theater, Schwimmbäder, Jugendzentren und Beratungsstellen geschlossen, können sie nicht wieder eröffnet werden, wenn die Stadtkassen wieder voller sind. Durch die Sparzwänge wird ein Teil des öffentlichen Lebens zerstört und geht unwiederbringlich verloren. Verloren geht aber auch durch die Art, wie Landespolitiker agieren, die Qualität der politischen Kultur. Wenn klar wird, dass Politiker nicht das Wohl des Landes, sondern nur das ihrer Klientel im Sinn haben, sinkt die Akzeptanz in der Bevölkerung. Es wäre schön, wenn wir am 9. Mai Johannes Rau wählen könnten. Können wir aber nicht. Er kandidiert leider nicht mehr. Lutz Debus „DIE FDP STELLT IHRE REGIERUNGSFÄHIGKEIT IN FRAGE“ DIETMAR BELL ZU DER ENTSCHULDUNG DER KOMMUNEN UND MÖGLICHEN KOALITIONEN
engels: Herr Bell, wie profitiert Wuppertal vom zukünftigen Landtagsabgeordneten Dietmar Bell? Dietmar Bell: In den nächsten Jahren werden die Entschuldung der Städte und ein wirtschaftlicher Strukturwandel für Wuppertal von großer Bedeutung sein. In meiner langjährigen Erfahrung als Gewerkschafter vor Ort kann ich hier viel bewegen. Entschuldung ist gut. Wo soll das Geld herkommen? Allein das neue Wachstumsbeschleunigungsgesetz kostet NRW 800 Millionen Euro, die Stadt Wuppertal über 6 Millionen. Darunter fallen Steuerentlastungen für Hotelbesitzer und reiche Erben. Wir hingegen möchten mit der NRW-Bank einen Fond einrichten, der die hartverschuldeten Städte wie Wuppertal entschulden würde. Dieser Fond würde das Land 450 Millionen im Jahr kosten. Es geht schlicht um die Frage, wofür das Geld ausgegeben wird. Als Gewerkschafter und Sozialdemokrat fördern Sie die spätrömische Dekadenz? Guido Westerwelle reagiert so aggressiv, weil durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts bezüglich der Hartz-IV-Sätze seine absurden Steuersenkungspläne nicht mehr umsetzbar sind. Ich halte diesen Weg für extrem gefährlich. Wie die FPÖ sucht die FDP mit populistischen Mitteln am politischen Rand ihre Wähler. So stellt die FDP ihre Regierungsfähigkeit in Frage. Mit wem wollen Sie denn koalieren? Wir streben eine Mehrheit von Rot-Grün an. Wenn es dazu nicht reicht, befürworten Sie dann eine Große Koalition oder eine Öko-Volksfront? Die Akteure der Linken in NRW wollen ja im Moment gar keine Verantwortung übernehmen. Also Große Koalition? Nein, wir sind mit der Großen Koalition auf Bundesebene nicht wirklich gut gefahren. Wir konnten unsere Inhalte zwar gut durchsetzen, sind aber nicht gestärkt aus dieser Wahlperiode herausgekommen. Dann bliebe ja nur noch Schwarz-Grün? Diese Frage müssen Sie den Grünen stellen. Bildungs-, sozial- und energiepolitisch liegen Welten zwischen jenen beiden Parteien. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur Person Dietmar Bell (49) ist ver.di-Geschäftsführer in Wuppertal und SPD-Kandidat für den Landtag. „DER STAAT DARF NICHT AUSGEHUNGERT WERDEN“ SYLVIA LÖHRMANN ZU DEN PLÄNEN DER GRÜNEN IN NRW engels: Frau Löhrmann, ist das Bergische Land noch zu retten? Sylvia Löhrmann: Natürlich, wir haben Probleme in der Region, aber auch Lösungsmöglichkeiten. An erster Stelle steht die finanzielle Situation der Kommunen. Trotz jahrelanger Haushaltskonsolidierung wird deren Situation immer schlimmer. Wir schlagen deshalb drei Punkte vor. Um ihre Eigenanteile bei Förderprogrammen von Land, Bund und Europa zu sichern, sollen Städte und Gemeinden hierfür weitere Kredite aufnehmen dürfen. Es ist doch absurd, dass arme Kommunen bei Programmen wie „Die soziale Stadt“ nicht mitmachen können, obwohl gerade diese für gleichwertige Lebensverhältnisse im Land sorgen sollen. Zum Zweiten benötigen wir einen Rettungsschirm für notleidende Städte und Gemeinden. Unsere Kommunen sind systemrelevant. Als dritte Maßnahme benötigen wir eine Gemeindefinanzreform. Bei den Verhandlungen zwischen Bund, Land und Gemeinden entsteht aber der Eindruck, dass drei Nackte darüber streiten, wer wem in die Tasche greifen darf. Richtig, unsere Kommunen können wie auch Land und Bund keine neuen Steuersenkungen verkraften. Wir müssen die Wahl am 9. Mai auch nutzen, um ein Stoppsignal nach Berlin zu senden. Ohne eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat wird es keine weiteren Steuersenkungen geben. Wenn ich Grün wähle, wähle ich nicht Ökologie sondern Steuererhöhungen? Nein, aber der Staat darf nicht ausgehungert werden. Wir haben mit unserem „Green New Deal“ Vorschläge gemacht, die Finanzkrise zu bewältigen, Arbeitsplätze zu schaffen und dabei noch das Klima zu schützen. Wie wird es nach dem 9. Mai weitergehen? Die Grünen sagen ja immer, dass sie wegen Clement schon schmerzerprobt sind. Aber tut eine Koalition mit Rüttgers nicht noch mehr weh? Wir möchten gern mit der SPD regieren und unseren Zukunftsplan für NRW umsetzen. Wir wollen die Linkspartei aus dem Landtag heraushalten. Die brauchen wir nicht für längeres gemeinsames Lernen, für die Abschaffung von Studiengebühren, für die Einführung eines Sozialtickets. Das kriegen SPD und Grüne auch alleine hin. Und wenn es für Rot-Grün nicht reicht, muss eben mit allen Beteiligten verhandelt werden. Zur Person Sylvia Löhrmann (53) ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag von NRW und lebt in Solingen. VIEL BESSER ALS IHR RUF DIE HAUPTSCHULE GILT ALS AUSLAUFMODELL – ZU UNRECHT?
ELTERN WÜNSCHEN SICH FÜR IHRE KINDER EINEN MÖGLICHST HOHEN ABSCHLUSS „Die Zielsetzung von Hauptschule ist es, die Schüler in eine Ausbildung zu bringen“, erklärt Schulleiterin Dorothea Thoböll. Über 30 Lehrkräfte und SozialpädagogInnen engagieren sich für die 280 SchülerInnen. Mehrwöchige Praktika und Langzeitpraktika, Bewerbertrainings in Zusammenarbeit mit Firmen und das Schreiben von Lebensläufen und Bewerbungen stehen auf dem Stundenplan. Die Schule ist beteiligt am „Wuppertaler Hauptschulmodell“, dessen Ziel es ist, durch den Aufbau eines Netzwerkes zwischen Wirtschaftsbetrieben und den Hauptschulen bessere Möglichkeiten zur beruflichen Orientierung und Kontakte zur Arbeitswelt zu schaffen. „Der einfachste Zugang in einen Beruf ist für die Schüler das Praktikum“, weiß Thoböll aus Erfahrung. Doch ein Ausbildungsplatz bleibt Hauptschülern oft verwehrt. Die Ansprüche der Ausbildungsbetriebe sind hoch, zudem haftet an Hauptschülern ein negatives Image. Berührungsängste auf Seiten der Betriebe gibt es zu Unrecht, wie Thoböll findet: „Da sind tolle Schüler dabei. Wir verschenken Kapital.“ Ungeachtet ihrer engagierten und auf die oftmals schwierigen Lernvoraussetzungen der Schüler zugeschnittenen Angebote lässt die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz die Hauptschulen zu einem Auslaufmodell werden. „Eltern wünschen sich für ihre Kinder einen möglichst hohen Abschluss“, berichtet Thoböll. Daher sind die Anmeldezahlen rückläufig, während die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen steigt. Allein in Wuppertal ist bis 2014 die Schließung zweier Hauptschulen geplant. Bleibt zu hoffen, dass bei zukünftigen Veränderungen im Schulsystem nicht diejenigen auf der Strecke bleiben, die am meisten der Unterstützung und verbesserter Bildungschancen bedürfen. Denn Schülerinnen wie Dilek oder Sonia sollten auch weiterhin davon träumen können, in Zukunft nicht nur kleine Brötchen backen zu dürfen. MARTIN THELEMANN „DAS ENDE DER FAHNENSTANGE IST ERREICHT“ DER VEREIN „WUPPERTAL WEHRT SICH“ WEHRT SICHBegonnen hat alles vor etwa eineinviertel Jahren. Mit dieser einen Nachricht, der Verfügung der Bezirksregierung, die Stadt Wuppertal könne fortan eine ganze Reihe an Eigenmitteln unter anderem für soziale Projekte nicht mehr bereitstellen. Fördermittel in Höhe von rund zwei Millionen Euro sollten gestrichen werden. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, erinnert sich Barbara Hüppe. Mit Beginn des von Einheimischen „Streichkonzert“ genannten Sparplans für die verschuldete Stadt haben engagierte Wuppertaler das Aktionsbündnis „Wuppertal wehrt sich“ gegründet. „So nicht mehr.“ Das war die zentrale Botschaft der ersten Bürgerversammlung. Veranstaltungsort war der Ostersbaum – eines der stark von den Streichungen betroffenen Quartiere. „Unter anderem mit dabei waren der Oberbürgermeister, Parteien, Schulen, Stadtteilinitiativen, Wohlfahrtsverbände“, zählt Hüppe auf. Die Geschäftsführerin der Kreisgruppe Wuppertal des Paritätischen Wohlfahrtsverbands wurde damals aufgrund ihres Berufes zur Sprecherin des Aktionsbündnisses ernannt: „Wir agieren überparteilich.“ DIE ZUSAGE STAND. GEZAHLT IST BIS HEUTE NICHTS. EINE PETITION WURDE VERFASST, SIE LIEGT SEIT JULI IM LANDTAG An die erste größere Aktion erinnert sich Barbara Hüppe deutlich: „Erst sah alles so erfolgversprechend aus.“ Zusammen mit einigen weiteren Delegierten habe sie am 17. März 2009 mit Fraktionsvorsitzenden im Düsseldorfer Landtag gesprochen. Mittel für das Projekt „Soziale Stadt“ sollten fließen. Die Zusage stand. Gezahlt ist bis heute nichts. Eine Petition wurde verfasst, sie liegt seit Juli im Landtag. Im Dezember reichte das Aktionsbündnis zur Bekräftigung rund 10.000 Unterschriften nach. „Aber“, sagt die Sprecherin, „noch ist das Schriftstück nicht im Petitionsausschuss. Die Stellungnahme des Innenministeriums fehlt.“ Machen solche Erfahrungen mutlos? Hüppe: „Es war von Anfang an klar, dass wir einen langen Atem brauchen würden.“ Immerhin seien zahlreiche Ebenen involviert, Land wie Bund. Man sei auf einer Linie mit den Oberbürgermeistern aus dem Ruhrgebiet und dem Bergischen Land. Und das sei das Gute: dass sich die Menschen auch über die Stadtgrenzen hinaus permanent vernetzen. Auf diesem Pfad möchte Barbara Hüppe gemeinsam mit den rund 150 Einzelpersonen und etwa 80 Organisationen weiterschreiten. Das Ende der Fahnenstange ist für sie erreicht: „Wenn die Grundversorgung immer weiter beschnitten wird, verliert Wuppertal immer mehr an Attraktivität.“ Welche Couleur künftig im Land regieren soll, sei unwichtig. „Hauptsache, wir werden gehört. Und dafür gibt es jetzt schon Anzeichen.“ TONIA SORRENTINO Donnerstag, 21. Januar 2010Der Schwebebann
DER LAHME TAUSENDFÜSSLER DIE SCHWEBEBAHN HAT EINE ROSIGE STATT EINE ROSTIGE ZUKUNFT VERDIENT ENGELS-THEMA IM FEBRUAR: DER SCHWEBEBANN Rust never sleeps. Bis mindestens Ostern fahren die Wagen des berühmten Verkehrsmittels wegen nötig gewordenen Bauarbeiten am Gerüst nicht mehr. Hat jemand geschlafen? Oder verschlafen wir gerade die Zukunft der Bahn? Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. So dachte am 15. Dezember vergangenen Jahres wahrscheinlich mancher Fahrgast der Schwebebahn und schaute missmutig zu den Twintowers der Stadtwerke an der Bromberger Straße hoch. Bis Ostern noch ist der Betrieb des berühmtesten Nahverkehrsmittels eingestellt. Umfangreiche Sanierungsarbeiten an dem Gerüst der Fahrbahn würden diese Pause notwendig machen, teilte der Betreiber der Öffentlichkeit mit. Die so schnelle und überraschende Entscheidung sei notwendig geworden, weil beauftragte Gutachter zu dem Schluss gekommen waren, dass die Sicherheit der Fahrgäste nicht weiter zu gewährleisten sei. Die Notbremsung der WSW überraschte nicht nur die geplagten Fahrgäste, die auf Sonderbusse umsteigen mussten, sondern erregte bundesweit mediale Aufmerksamkeit. Wuppertal ohne Wahrzeichen, so oder ähnlich rauschte es durch den Blätterwald. Die heimische Lokalzeitung titelte sogar mit dem je nach Gusto verlockenden oder sexistischen Titel „Wuppertal oben ohne“. Es wurde versucht, Schuldige zu finden. Nachdem aber offenbar wurde, dass eine unglückliche Verkettung mehrerer Pleiten und Pannen zu der Schnellabschaltung geführt hatte, die Pause wirklich nur vorübergehender Natur ist und es den Verantwortlichen um die absolute Betriebssicherheit ging, legte sich die Aufregung. Auch hat der Mensch im Tal schon in der Vergangenheit lernen müssen, dass die Bahn nicht immer fährt. Schließlich liegt es in der Natur des Transportmittels, dass bei Störungen am Gleiskörper die Bahn keine Umleitung benutzen kann. Der eiserne Tausendfüßler, so wird die Konstruktion zuweilen umgangssprachlich genannt, ist schließlich keine Hydra. Auf der Internetseite der Stadtverwaltung zeigt eine Ampel am oberen rechten Bildrand, ob die Schwebebahn in Betrieb ist. Die Ampel ist seit Mitte Dezember rot. Die Zwangspause kann nun aber nicht nur genutzt werden, um ein paar Stahlstreben auszutauschen. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung der Schwebebahn und ihre Perspektiven nachzudenken. Kein anderes Verkehrsmittel kann so schnell, effektiv und ökologisch den Öffentlichen Nahverkehr auf der Magistrale im Tal bedienen. Der Elektroantrieb, den manche Umweltpolitiker und Autobauer nach dem Klimagipfel in Kopenhagen für die ferne Zukunft in Erwägung ziehen, in Wuppertal ist er seit 110 Jahren Standard. Die Technik ist zudem extrem raumsparend. Dies ist wegen der Tallage der Stadt mit ihren engen Straßen eine wichtige Eigenschaft. Durch den kreuzungsfreien Betrieb ist es im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln bislang zu verhältnismäßig wenigen Unfällen gekommen. So ist die Frage berechtigt, warum nicht in mehr Städten Schwebebahnen fahren. U-Bahnschächte sind viel teurer als Hochbahnen. Und nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs mag die Akzeptanz in der Bevölkerung für Alternativen zum Tunnelbau zu Babel hierzulande wachsen. Schwebebahnen müssen ja nicht zwingend mit Magnettechnik als Größenwahnprojekte konzipiert werden. Das Rad ist ja bereits erfunden. Manchmal müssen Jahrzehnte ins Land gehen, bevor eine Technologie wiederentdeckt wird. Inzwischen werden Zeppeline als Minensuchgeräte eingesetzt. OHNE SCHWEBEBAHN STÜNDE DIE STADT DA WIE BERLIN OHNE BRANDENBURGER TOR, LONDON OHNE BIG BEN ODER PARIS OHNE EIFFELTURM Die Schwebebahn ist wie der Zeppelin ein Produkt der vorletzten Jahrhundertwende. Jene Epoche mag irgendwann, wenn Archäologen sie katalogisieren, „Stahlzeit“ genannt werden. Die Schwebebahn imponiert wie der Eiffelturm durch ihre riesige und zugleich filigrane Konstruktion. Während der Eiffelturm eines der weltweit bekannten Wahrzeichen Europas geworden ist, fristet die Schwebebahn ein vergleichsweise stiefmütterliches Dasein. Für den Wuppertaler mag es zwar schon genug Rummel um seine Bahn geben. Sie gehört für ihn zur Stadt wie Häuser und Straßen. Fremde aber, die das erste Mal in ihrem Leben ins Tal kommen, sind erstaunt und beeindruckt. Es wäre gut für Wuppertal, wenn offensiver mit diesem Pfund geworben würde. Aber auch für die Bewohner der Stadt erfüllt das exotische Fortbewegungsmittel einen Zweck. Obwohl die Schwebebahn als eine Selbstverständlichkeit erscheint, ist sie doch identitätsstiftend. Ohne sie stünde die Stadt da wie Berlin ohne Brandenburger Tor, London ohne Big Ben oder eben Paris ohne Eiffelturm. So passte die Nachricht von der zeitweiligen Einstellung des Fahrbetriebs psychologisch auch gut zur verbreiteten Endzeitstimmung, hervorgerufen durch Bäder- und Theaterschließungspläne. Wenn an Ostern, zum christlichen Auferstehungsfest, die ersten Bahnen wieder fahren, wird zumindest diese Durststrecke überwunden sein. Jetzt schon stellt sich die Frage, wie der Öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden kann. Eine östliche Verlängerung der Trasse nach Heckinghausen wurde vor Jahrzehnten wegen zu geringer prognostizierter Fahrgastzahlen verworfen. Aber vielleicht muss ein solches Projekt in Zeiten von Energieknappheit und Klimawandel neu bewertet werden. Insgesamt ist der Stadt mit ihren chronisch verstopften Straßen ein attraktiver Öffentlicher Nahverkehr zu wünschen. Lutz debus
engels: Herr Stephan, ist die Schwebebahn reif fürs Museum? Holger Stephan: Nein, auf keinen Fall. Die Schwebebahn ist das Rückgrat unseres Nahverkehrs. Aber dieses Rückgrat plagt der Rost? An fünf Prozent des Gerüstes plagt uns der Rost. 95 Prozent haben wir bereits ausgetauscht. An fünf Abschnitten müssen wir noch arbeiten. Dort ist die Konstruktion über hundert Jahre alt. Warum überraschten Sie Ihre Fahrgäste mit der Ad hoc-Entscheidung der Stilllegung? Wir haben die Altkonstruktion immer im Auge behalten. Wir wussten, es gibt statische Mängel. Unsere Gutachter haben gesagt, dass wir, wenn wir auf der sicheren Seite sein wollen, nun 1.000 Bauteile innerhalb kurzer Zeit austauschen müssen. Bei Betrieb ging das nicht. Aber man muss um die Schwebebahn keine Angst haben? Die Reparatur lohnt sich noch? Natürlich. Den größten Teil des Gerüstes haben wir schon ausgetauscht, haben dabei schon sehr viel Geld investiert. Es geht quasi nur noch um den Endspurt. Warum haben Sie nicht gleich alles ausgetauscht? Es hat eine Reihe von außerplanmäßigen Verzögerungen gegeben: Denken Sie an das Schwebebahnunglück. Unternehmen, die für uns gebaut haben, sind pleite gegangen. Es hat eine Ausschreibung gegeben für das Sonderbauwerk Stütze 100, da gab es nur ein Angebot und das zu einem völlig überhöhten Preis. Wir mussten die Baumaßnahme daraufhin neu ausschreiben. Das alles hat zu Verzögerungen und damit zu der aktuellen Situation geführt. Eine Straßenbahnschiene zu reparieren ist wahrscheinlich einfacher? Sicherlich. Konstruktionsbedingt wird auch nicht geschraubt oder geschweißt, sondern genietet. Das kann nicht jeder, hat aber in Haltbarkeit und Fertigung Vorteile. Könnte die Schwebebahn nicht auch Modell sein für Nahverkehrssysteme in anderen Städten? Gucken Sie sich mal den Transrapid an. Es ist leichter, Schienen in den Boden zu legen, als sie in den Himmel zu hängen. Ich sehe nicht, dass ein ähnliches Verkehrssystem woanders in größerem Umfang gebaut wird. Das hängt auch mit den für die Stadt typischen topografischen Gegebenheiten zusammen. Die Strecke über der Wupper ist gleichzeitig Hauptverkehrsachse. Zur Person Holger Stephan (45) ist Leiter der Konzernkommunikation der Wuppertaler Stadtwerke. „PARIS, LONDON UND BERLIN SIND GUTE BEISPIELE“ HELMUT F. RUPPERT ÜBER DEN ÖFFENTLICHEN PERSONENNAHVERKEHR IM BERGISCHEN LAND engels: Herr Ruppert, die Schwebebahn fährt nicht. Ein Ärgernis? Helmut F. Ruppert: Ja, man hätte erwarten können, dass bei vorherigen Restaurierungsmaßnahmen zunächst die Teile ausgetauscht werden, bei denen die größten Probleme zu erwarten sind. Ist die Schwebebahn überhaupt ein ökonomisch sinnvolles Verkehrsmittel? Zu der Zeit, in der sie errichtet wurde, war die Schwebebahn ökonomisch sinnvoll. Damals waren die Materialkosten im Verhältnis zu den Arbeitskosten sehr viel höher. Das Gerüst der Schwebebahn wurde entsprechend konzipiert. Die in den letzten Jahren neu eingesetzten Träger sind massiver und mit weniger Personal in Stand zu halten als bei der historischen Bauweise. Aber im Vergleich zu dem U-Bahnbau in Köln und Düsseldorf ist der technische und finanzielle Aufwand bei einer Schwebebahn viel geringer. Warum kann sich dieses Verkehrsmittel nicht etablieren? Eine Hochbahn im innerstädtischen Raum wäre bei der Bevölkerung heute nicht mehr durchzusetzen. Die Strecke von Vohwinkel bis zur Wupper könnte heute keine Behörde mehr genehmigen. Wird im Bergischen Land der Öffentliche Personennahverkehr hinreichend gefördert? Die Betreiber würden gern ihre Angebote ausbauen. Durch die knappen Kassen der öffentlichen Zuwendungen sind ihnen aber die Hände gebunden. Es ist relativ schwierig hier im Bergischen Land, zusammenhängende Netze zu gestalten. Die Verbindungen zwischen Wuppertal, Remscheid und Solingen sind zwar relativ gut. Aber durch die Topografie der Region sind die Trassierung und eine Versorgung gerade des ländlichen Raumes aufwändig. Welche Wünsche hat der VCD? Wichtig wäre eine Verdichtung des Taktes bei Bahnen und Bussen. Der Öffentliche Nahverkehr wird immer dann von der Bevölkerung angenommen, wenn man ohne Fahrplan schnell von einem beliebigen Ort zum anderen kommt. Die U-Bahnen in Paris, London und Berlin sind da ein gutes Beispiel. Auch wäre die Umstellung von Dieselbussen auf Elektrobusse mit Oberleitung wünschenswert. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur Person Helmut F. Ruppert (67) vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) Regionalverband Bergisches Land e.V. ist Diplom-Ingenieur.
EXPRESS-IMPRESSIONEN DER SCHWEBEERSATZVERKEHR IST KEIN ERSATZ Zu Beginn der Umfrage hagelt es Kritik. „Unverschämt“, sagt der Mann, der an diesem Nachmittag an der Bushaltestelle am Elberfelder Hauptbahnhof steht. Wohin er unterwegs ist? Irrelevant. Von Belang scheint einzig die Tatsache, dass er seit Wochen nicht, wie gewohnt, in die Schwebebahn einsteigen kann. „Und das, obwohl die Stadtwerke das Übel viel früher hätten erkennen und den Betrieb einstellen können. „DIE DENKEN NICHT AN DIE KLEINEN LEUTE!“ Dann wäre der Ausfall nicht mitten in der geschäftigsten Zeit des Jahres gewesen. Wo es auch noch so kalt ist, wenn man an der offenen Haltestelle wartet!“ Über der Wupper seien die Wartebereiche immerhin überdacht, im Gegensatz zu den Straßen. „Aber das kümmert die nicht!“, beteiligt sich ein älterer Herr am Gespräch. „Die denken nicht an die kleinen Leute!“ Dabei hätten die am meisten zu leiden. Im Schwebebahn-Express sei man schlicht viel unflexibler und aufgrund der Verkehrlage – Ampeln, Staus, Straßenführung – wesentlich länger unterwegs als in Wuppertals Wahrzeichen. Am nächsten Morgen an der Haltestelle Vohwinkel ist die Laune der Wartenden nicht wesentlich besser. „Es ist einfach lästig“, sagt eine Frau. „Ich fahre ungern Bus und empfinde die Strecke bis zur Loher Brücke mit dem Schwebebahn-Express als große Belastung.“ Woran liegt es? „An dem Geruch. Unter anderem. Nicht nur, dass Busse einen üblen Eigengeruch haben. Neulich stand ich neben einer Frau, die anscheinend wochenlang nicht geduscht hat. Oder vor kurzem die Knoblauchfahne!“ Als der Bus abfährt – noch ist er nicht bis auf den letzten Platz besetzt – hält die Passagierin ihre große Umhängetasche fest an sich gepresst. Ist denn wirklich alles so schlimm? Immerhin – der öffentliche Nahverkehr scheint zu funktionieren, die Linien des Schwebebahn-Express sind auf die Auslastung der Schwebebahn angepasst, fahren alle fünf Minuten. „Doch“, gibt ein junger Vater zu. „Wir kommen ja von A nach B, auch wenn es umständlicher ist. Viele Menschen stört einfach, dass ihnen etwas Gewohntes weggenommen wird. Wenn auch nur für eine bestimmte Zeit.“ Was sagt das Ehepaar neben ihm dazu? „Natürlich ist es immer eine Frage der Gewichtung. Je nach Laune sehen wir nur, was uns stört. Was gut läuft – das nehmen wir als selbstverständlich hin.“ Schade eigentlich. TONIA SORRENTINO DES KAISERS NEUE SCHWEBEBAHN ERINNERUNGEN EINER ZEITZEUGIN Meine Urgroßmutter Maria war eine moderne junge Frau des angehenden 20. Jahrhunderts. Das bewies sie allein schon dadurch, dass sie von Düsseldorf in einen Vorort von Köln zog. Von Düsseldorf nach Köln, der Liebe wegen, das verstieß damals gegen die herrschenden Konventionen. Dort, in der damals verschlafenen Provinz, lebte sie mit meinem Urgroßvater, dem Schuhmachermeister Franz Asholt. Doch nicht genug der Widerspenstigkeit. Die junge Frau interessierte sich für Technik. Nur wenige 100 Meter von Ihrem Wohnort konstruierte Eugen Langen im benachbarten Deutz auf seinem Werksgelände ein hängendes Einschienenbahnsystem. Bereits 1824 hatte Henry Palmer eine Bahn entwickelt, bei der hängende Karren von Pferdegespannen gezogen wurden. Eugen Langen perfektionierte das System und entwickelte ein Antriebssystem für eine hängende und vor allem auspendelnde Einschienenbahn. Meine Uroma zeigte reges Interesse für die Probefahrten dieser Bahnen in Deutz. MEINE URGROSSMUTTER TAT SICH HERVOR ALS EINE GLÜHENDE VERFECHTERIN DES FORTSCHRITTS Kaum wurde gewahr, dass die Städte im Tal der Wupper dieses Transportsystem Schwebebahn für den Personennahverkehr realisieren wollen, erhob sich Gezeter. Die massive Bebauung des Wupperverlaufes rief Kritiker auf den Plan, und viele hielten das Unterfangen schlicht für wahnwitzig. Auch in der Schuhmacherwerkstatt meiner Urgroßeltern war die Bahn, die unter den Schienen hängen sollte, ein großes Thema, und meine Urgroßmutter tat sich hervor als eine glühende Verfechterin des Fortschritts. Diese Bahn sollte von Deutschland aus in ganz Europa Einzug halten bis hin in die Kolonien, dessen war sich meine Uroma sicher. Als es dann hieß, der Kaiser komme am 24. Oktober 1900 nach Vohwinkel, Barmen und Elberfeld, um mit dieser Schwebebahn eine Fahrt zu unternehmen, gab es kein Halten mehr. Uroma Maria reiste nach Elberfeld, um diesem historischen Moment beizuwohnen. Noch in den 1970er Jahren erzählte die inzwischen hochbetagte Frau ihren Enkeln und Urenkeln von jenem bedeutenden Tag. „Wir alle jubelten und winkten dem Kaiser am Döppersberg zu, als er über uns hinwegschwebte.“ Nach dem 24.10.1900 hat jeder die Schwebebahn schon immer gewollt, schloss sie stets ihre Erzählung. CHRIS GRÜNWALD Donnerstag, 17. Dezember 2009Wuppertal geht badenDIE DREIGROSCHEN-WASSEROPER DAS BÄDERSTERBEN WIRD ALS ALTERNATIVLOS DARGESTELLT ENGELS-THEMA IM Januar: WUPPERTAL GEHT BADEN Mit der in Aussicht gestellten Bäderschließung wird die Stadt trocken gelegt. Schwimmen war gestern, Sparen ist heute. Doch was bedeutet solch eine Haushaltssicherung für die Menschen hier?
Ob Oper oder Wasseroper, die Dramaturgie der großen Erzählungen von großen Projekten im Tal ähnelt sich: Alle Verantwortlichen und Repräsentanten der Stadt sind stolz auf ein großes verfallenes Haus. Es wird unter Zuhilfenahme der letzten Spargroschen und der letzten noch gewährten Kredite aufwändig saniert. Und während es feierlich eingeweiht wird, offenbart sich, dass die kleinen Häuser drum herum in einem ähnlich desolaten Zustand sind, für deren Reparatur allerdings kein Geld mehr vorhanden ist und sie deshalb wegen akuter Einsturzgefahr geschlossen werden. Früher nannte man solch ein Handeln „Großmannssucht“. Tatsächlich sind viele Politiker – nicht nur in Wuppertal – geneigt, sich mit aufwändigen Bauprojekten ein Denkmal zu setzten. Und viele Politiker versäumen es gerne, die weniger öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen wie regelmäßige Renovierungs- und Wartungsarbeiten, in Auftrag zu geben. So überraschte die Streichliste, die Oberbürgermeister Peter Jung Ende November der Öffentlichkeit präsentierte, nicht wirklich. Kein Jahr, nachdem das Opernhaus feierlich wiedereröffnet wurde, wird bekannt, dass das Schauspiel keine Zukunft mehr hat. Und einen Monat, bevor die zugegebenermaßen zentrale und repräsentative Schwimmoper wiedereröffnet wird, erfährt der Rat der Stadt von dem Aus für die kleineren Badeanstalten der Stadt. Von den selbstgeschaffenen Sachzwängen getrieben stellt sich die Verwaltungsvorlage zum Haushaltssicherungskonzept als alternativlos dar. Sparen wird zur Maxime des Handelns. HARTZ-IV EMPFANGENDE FAMILIEN SIND ZWISCHEN PALMENSTRAND UND PIRATENSCHIFF SELTEN ANZUTREFFEN Alternativlos sind die Vorschläge der Verwaltungsspitze natürlich nicht, sondern sie offenbaren eine knallharte politische Linie. Die Zuschüsse zur Oper sind weit höher als zum Schauspiel. Und gemessen an den Geldern, die zum Wiederaufbau des Opernhauses verwendet wurden, erscheinen die Zuschüsse für die öffentlichen Bäder als Peanuts. Im Schnitt ergibt sich in Wuppertal ein Zuschussbedarf pro Besucher von gut 8 Euro für die Hallenbäder, knapp 12 Euro für die Freibäder. Solch eine Bezuschussung würde für jede Oper im Lande das sofortige Aus bedeuten. Dabei geht es nicht darum, die verschiedenen Empfänger städtischer Gelder gegeneinander auszuspielen. Aber es muss klar benannt werden, welcher Teil der Bevölkerung bei den in Aussicht gestellten Sparplänen die Hauptlast zu tragen hat. Von der Schließung der Bäder in Vohwinkel und Ronsdorf sind vor allem Menschen betroffen, die sich nicht schnell ins eigene Auto setzen können, also Kinder, Ältere und Ärmere. Reichere können in die Schwimmoper fahren oder gar in ein Spaßbad wie die „Waterworld Bergische Sonne“. Allerdings kostet dort das Badevergnügen pro Person mindestens 10 Euro. Kinderreiche Hartz-IV empfangende Familien sind zwischen Palmenstrand und Piratenschiff selten anzutreffen. Die Privatisierung ursprünglich öffentlicher Aufgaben, die vor der Finanzkrise bei den Kommunen hoch im Kurs stand, rächt sich. Abgesehen davon, dass die privat betriebenen Spaßbäder dazu führen, dass viele Kinder nicht mehr richtig schwimmen lernen, zeigt sich, dass viele Betreiber trotz gepfefferter Preise ökonomisch mit dem Rücken zur Wand stehen. Im November musste die Bergische Sonne für einige Tage schließen, weil die GmbH ihre Strom-, Gas und Wasserrechnung bei den Wuppertaler Stadtwerken nicht rechtzeitig bezahlen konnte. „Ein Kommunikationsproblem“, so nannte die Geschäftsführung des Freizeitbades die kurze Unterbrechung des laufenden Betriebes. Insider hingegen geben dem Spaßbad höchstens noch ein Jahr. Demzufolge wären die Betonbienenwaben eher Ruine als die städtischen Bäder im Westen. Die Stadt droht, zu verlanden. Und zu verfetten, zu verkalken und zu erstarren. Schwimmen ist gesund. Dies erkannten in der jungen Bundesrepublik die Politiker und ließen flächendeckend Badeanstalten errichten. Ein viereckiges Becken in jedem Stadtteil, so wussten damals schon die Verantwortlichen, ist letztlich günstiger als eine kranke Bevölkerung. Aber seit sich der Staat immer mehr zurückzieht, gibt es auch keine neuen öffentlich geförderten Bäder. Und die Alten leiden an Altersschwäche. Der für den Sport zuständige Beigeordnete Matthias Nocke bezeichnet den Zustand der Technik in vielen Freibädern als „abgängig“. Die Filter- und Pumpenanlagen sind veraltet. „Das muss man sich vorstellen wie in den alten Seekriegsfilmen, in denen der ölverschmierte Maschinist unter Deck mit dem Ölkännchen rumläuft und mit alten Nylons die Transmissionriemen ersetzt“, erklärt Nocke die Situation äußerst plastisch. Was also ist zu tun? Gerade veraltete Technik lädt dazu ein, völlig Neues zu probieren. Statt immer nur zu streichen und zu schließen, müssten die Verantwortlichen der Stadt neue Konzepte entwickeln. Im hochverschuldeten Gelsenkirchen kauften sich kürzlich die Stadtwerke Anteile von Deutschlands größter Turnhalle namens Schalke-Arena. Warum also sollten nicht die WSV die Bäder erwerben und sie ökologisch aufrüsten? Pläneschmieder hierfür gäbe es genug: Wuppertal-Institut, Energieagentur, Bergische Uni und Barmer Ersatzkasse – bitte übernehmen Sie! Lutz debus „BADEUNFÄLLE NEHMEN ZU“ KURT REISWIG ÜBER DIE BÄDERSCHLIESSUNG AUS SICHT DER DLRG
engels: Herr Reiswig, was für Auswirkungen hat die geplante Bäderschließung für die DLRG? Kurt Reiswig: In Vohwinkel und Ronsdorf werden die Hallenbäder von jeweils einer DLRG-Gruppe benutzt. Wir bilden dort bis zum Rettungsschwimmer aus. Wenn wir in den anderen Bädern nicht mehr Wasserzeit bekommen, hat dies eine deutliche Verringerung unseres Angebotes zur Folge. Eine andere große DLRG-Gruppe nutzt das Polizeischwimmbad. Dort droht in einigen Jahren ebenfalls die Schließung. Wenn zwei städtische Bäder und ein Bad des Landes dicht machen, kann die DLRG in Wuppertal bis zu 1.000 Mitglieder verlieren. Sie bilden nur Lebensretter aus? Nein, eine weitere wichtige Aufgabe ist die Schwimmausbildung von Kindern. Warum ist das wichtig? Wuppertal liegt nicht am Meer. Die Bevertalsperre ist ein hervorragendes Freizeitgewässer. Und durch die Mobilität vieler Eltern kommen Kinder schon aus Wuppertal hinaus und auch mit großen Gewässern in Berührung. Und wenn man dann nicht schwimmen kann, bekommen Sie als Lebensretter Arbeit. Nicht nur wir. Wasserunfälle enden oft mit schweren Folgen, wenn wir nicht rechtzeitig zur Stelle sind, nicht selten auch tödlich. Hat die Anzahl der Badeunfälle in Deutschland zugenommen? Ja, besonders in der Altersgruppe der Unter-10Jährigen und der Menschen über 60. Welche Ursache hat dieser Anstieg bei Kindern? In den letzten Jahren wurden bundesweit zahlreiche Hallenbäder geschlossen. Viele dieser Hallenbäder sind in private Trägerschaft überführt worden und zu Spaßbädern umgebaut worden. Hier ist Schwimmausbildung nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht mehr möglich. Und durch die Schließung von Bädern weichen die Menschen im Sommer auch auf unbeaufsichtigte Gewässer aus. Auch an der Bevertalsperre nehmen die Badeunfälle zu. Bislang ist es erst zu einem tödlichen Unfall gekommen. Gibt es denn noch Hoffnung für die Bäder in Wuppertal? Wenn die verschuldeten Städte in den alten Bundesländern nicht mehr die Solidaritätsabgabe Richtung Osten zahlen müssten oder von den Altschulden befreit würden, wäre für den Erhalt der Schwimmbäder genug Geld da. Zur Person Kurt Reiswig (61) ist Bezirksleiter der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) des Bezirks Wuppertal. „ÜBERGEWICHT KOSTET 20 MILLIARDEN EURO“ GABRIELE MAHNERT ÜBER DIE POSITION DER GRÜNEN ZU DEN PLÄNEN DER VERWALTUNG engels: Frau Mahnert, gehen die Grünen gerne baden? Gabriele Mahnert: Sie gehen in der Regel gern schwimmen. Das macht Spaß und ist gesund. In Wuppertal wird es schwieriger werden, dafür die entsprechende Anstalt zu finden. Nicht nur für die Grünen, sondern für die gesamte Bevölkerung. Besonders Kinder und Jugendliche sind von den Schließungsplänen betroffen. In Vohwinkel gibt es 12 Schulen, in Ronsdorf sechs. Wenn es im Westen kein Schwimmbad mehr gibt, dann müssen die Kinder mit Bussen in andere Stadtteile gebracht werden. Als das Bad in Ronsdorf wegen Sanierungsarbeiten vorübergehend geschlossen wurde und die Kinder ins Schwimmleistungszentrum gebracht werden mussten, blieben für den Schwimmunterricht nur noch fünf bis zehn Minuten. Wie wollen die Grünen das verhindern? Die Grünen in NRW haben vor Jahren bereits eine Sportstättenförderung zur Diskussion gestellt. Das Problem gibt es ja auch in anderen Kommunen und bezieht sich auch auf Turnhallen und Sportplätze. Mit welchen Folgen rechnen Sie, wenn der Schwimmunterricht ausfällt? Im Herbst vergangenen Jahres musste die Landesregierung zugeben, dass in NRW jede zweite Sportstunde ausfällt. Bis zu 80 Prozent aller Schülerinnen und Schüler leiden unter Haltungsschäden und bis zu 30 Prozent sind übergewichtig. Es geht aber nicht nur um junge Menschen, sondern auch um ältere. Schwimmen erhält die Gesundheit und ist zudem eine relativ preiswerte Sportart. Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist der Erhalt eines Schwimmbades günstiger als die Behandlung der durch Bewegungsmangel verursachten Krankheiten. Allein Übergewicht in Deutschland kostet 10 bis 20 Milliarden Euro jährlich. Was ist falsch gemacht worden, dass jetzt dieses Bädersterben droht? Wuppertal hat noch überdurchschnittlich viel Schwimmfläche. Aber es fehlt eine Bäderplanung für das gesamte Stadtgebiet. Vor Jahren hätte man noch die Gelder gehabt, die Schwimmstätten im Osten und im Westen zu erhalten, um eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur Person Gabriele Mahnert (48) ist Stadtverordnete der Grünen und Mitglied im Sportausschuss des Rates. ABSCHIED AUF RATEN DIE MENSCHEN IN VOHWINKEL WOLLEN IHR HALLENBAD BEHALTEN
ABSCHIED AUF RATEN DIE MENSCHEN IN VOHWINKEL WOLLEN IHR HALLENBAD BEHALTEN Morgen kann er nicht ins Schwimmbad. „Am Sonntag, den 6.12.09, bleibt das Bad wegen Personalmangels geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis“, lautet ein handgeschriebener Zettel an der Eingangstür, direkt neben dem lustigen Fisch mit der Sonnenbrille, den seine Enkelin so mag. „Hier habe ich ihr schwimmen beigebracht“, erzählt der Vohwinkeler. Seitdem nimmt der ältere Herr das kleine Mädchen manchmal mit, wenn er seine Bahnen zieht. Er selbst habe Schwimmen damals auch im Stadtteil gelernt, als Kind, mit fünf Jahren müsse das gewesen sein, das weiß er noch, im Sommer, im Freibad, Nichtschwimmerbecken. „Die ersten unsicheren Züge, noch unkoordiniert hechelnd. Stolz wie Oskar war ich damals.“ Nach der Freibadsaison ging es im Hallenbad weiter. „Schwimmen, das war von Anfang an mein Ding.“ Es bereite ihm Freude, damit bleibe er fit. Um Wettkampfambitionen ging es nie, „jetzt im Alter sowieso nicht“. WENN DAS BAD SCHLIESST, GEHT EIN STÜCK FAMILIE VERLOREN Das verhaltene Lächeln verschwindet von seinem Gesicht. Wie soll es weitergehen? Die Frage lässt viele Vohwinkeler nicht mehr los. Ihre Hoffnung ruht auf einer Unterschriftenliste. Ein dicker Block, Din A4, liegt auf dem Drehkreuz direkt am Kasseneingang, ein weiterer ist schon voll. „Wir müssen unser Möglichstes tun. Die Schließung trifft alle Schwimmer hart. Jeder hat seine Geschichte. Wussten Sie, dass allein sechs bis elf Schulklassen an jedem Wochentag hier schwimmen?“ Eine Alleinerziehende bringt sich ein. „Ich komme mit meiner Tochter immer zu Fuß hier hin.“ Auch ihre Tante sei regelmäßiger Gast, schon immer. „Was ist die Alternative? Fahrten in ein anderes Hallenbad können wir uns zeitlich und finanziell nicht erlauben“, klagt die Mutter. In ihrer Stimme schwingt Panik mit. „Wenn das Bad schließt, geht ein Stück Familie verloren.“ Der Mann indes hängt seinen eigenen Gedanken nach, betrachtet das Schild, das ihm am Nikolaustag den Eintritt in sein geliebtes Bad vereitelt. „Wie ein Abschied auf Raten“, murmelt er. Am Dienstag kann er wieder frühmorgens seine Bahnen ziehen. Aber es ist nicht mehr dasselbe. TONIA SORRENTINO WELTMEISTERLICH LEISTUNGSSCHWIMMER SIND IM TAL ZU HAUSE Nach dem Seepferdchen sollte noch längst nicht Schluss sein. Beim SV Bayer Wuppertal als führende Sportadresse in der Stadt gibt es 15 Abteilungen von Basketball bis Volleyball – doch ausgerechnet die Schwimmer sind mit zwei Bundesliga-Teams der Damen und Herren unbestritten die erfolgreichste Sparte. „Dies ist eindeutig unser Aushängeschild im Bereich Leistungssport“, sagt Oliver Nitschke, auf der Geschäftsstelle im Bayer-Sportpark am Sonnborner Ufer zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Ob eine Olympiateilnehmerin wie Sarah Poewe oder ein vielleicht künftiger Olympia-Kandidat wie die 17 Jahre alte Nachwuchshoffnung Christian von Lehm – von den Grundschulkindern an ist bei den Kursen ein klares Ziel erkennbar: „Frühzeitig Talente fördern und an die Spitze zu bringen“, ergänzt Nitschke. Während die Leistungskader im modernen Schwimm-Leistungszentrum Küllenhahn ihre Bahnen ziehen, sollen die Anfänger- und Breitensportgruppen bald in die Schwimmoper zurückkehren. Das architektonisch auffällige und denkmalgeschützte Bad wurde bis Jahresende 2009 mit Millionenaufwand renoviert und ist als Austragungsort für die Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften im November 2010 fest eingeplant. SENIOREN-KRAUL-WELTMEISTER JOCHEN BRUHA HÄLT SEIT MEHREREN JAHREN EIN DUTZEND REKORDE Auch der ASV Wuppertal hat im Bereich Schwimmen einen klingenden Namen, die Abteilung kann in Geschäftsführer Jochen Bruha sogar einen Senioren-Kraul-Weltmeister vorweisen. Außerdem hält der 40Jährige immer noch seit mehreren Jahren ein Dutzend Vereinsrekorde. „Vom Kleinkinderangebot über die Jugend-Wettkämpfe bis hoch zu den Masters für ehemalige Leitungsschwimmer sind wir breit aufgestellt. Durch unsere Kursvielfalt erfüllen wir nicht zuletzt auch einen breitensportlichen Auftrag“, betont Harald Graf, sportlicher Leiter vom ASV-Gesamtverein. Diese Absicht verfolgen auch viele andere Vereine unterhalb der Schwebebahn. So teilen sich der TSV Wuppertal 1887, der ATV Wuppertal 1860 aus Elberfeld und der TV Uellendahl jeden Mittwoch von 18 bis 21 Uhr für ihre Mitglieder das Schwimmbad Roettgen. FRANK-MICHAEL RALL Donnerstag, 10. Dezember 2009Interview mit Christian von Treskow, Intendant der Wuppertaler Bühnen
engels: Herr von Treskow, wie überraschend kam das Haushaltssicherungskonzept mit den radikalen Einsparungen beim Schauspielhaus für Sie?
Christian von Treskow: Genau so überraschend wie für alle anderen auch. Es wurde sofort eine außerordentliche Betriebsversammlung einberufen und die gesamte Belegschaft unterrichtet. Ausführlich haben wir die Lage erörtert, um so zu versuchen, etwas zu beruhigen und die Angst zu nehmen. Wie war die Reaktion der Mitarbeiter? Zunächst reagierten alle fassungslos. Die Empörung kam später. Allerdings wurde ziemlich schnell beraten, wie mit dieser Nachricht umzugehen ist. Es bringt nichts, mit dem Finger auf einzelne Leute zu zeigen. Die Ursache für die massiven Kürzungen ist nicht nur in der Stadt zu suchen. In Wuppertal, wie anderswo, wurde seit Jahren ausgebadet, was der Bund verursacht. Die Kommunen wurden in den letzten Jahrzehnten ausgeblutet. Was würde der im Haushaltssicherungskonzept beschriebene Konsolidierungsansatz bedeuten? Es ist eine bedauerliche Situation, dass uns von der Stadt anscheinend nicht geholfen werden kann. Doch es steht uns schlecht zu Gesicht, nun das große Katzengejammer anzufangen. Von den Sparmaßnahmen sind nicht wir allein betroffen, das Kulturbüro, Bibliotheken und viele andere wichtige Einrichtungen genauso. Und: Noch ist die Vorlage ein Konzept. Zunächst. Noch ist alles im Konjunktiv. Und wenn der Rat im kommenden Sommer dem Konzept zustimmt? Das Programm, das wir dann anbieten können, hat mit „Repertoire“ nichts mehr zu tun. Zunächst muss aber eine Unschärfe geklärt werden: Das Haus ist nicht gleichbedeutend mit dem Betrieb. Das Schauspielhaus ist seit Januar 2009 geschlossen, das ist nichts Neues. Dort haben wir eine Kleine Spielstätte eingerichtet, provisorisch im Foyer, die 2012 geschlossen werden sollte. Denn dann sollte ja umfangreich saniert werden. Nun werden die Baumaßnahmen nicht stattfinden. Also brauchen wir ein neues Konzept. Das müssen wir zusammen mit der Stadt entwickeln. Denn alles ist besser als Leerstand. Die Nicht-Durchführung der Sanierung ist der eine Punkt. Der andere ist die Absenkung des Betriebskostenzuschusses um zwei Millionen Euro. Das ist für uns viel gravierender und bedeutet das Ende des Repertoiretheaters. Und das betrifft nicht allein die Sparte Sprechtheater, sondern die Oper ebenso. Konkret betrifft es 14 Schauspieler, 13 Kollegen von der Oper und 25 Chormitglieder. Das bedeutet? Die Zielvorgabe, 2 Millionen Euro einzusparen, ist nicht zu leisten. Das Resultat wäre nicht die Schließung einer Sparte. Denn damit ist es bei weitem nicht getan. Was den Wuppertaler Bühnen ins Haus steht, ist eine existentielle Bedrohung. Was für mich persönlich nicht heißt, in Depressionen zu verfallen: Die kommende Spielzeit ist wie geplant durchführbar, auch die darauffolgende. 2012 müssen dann aber Maßnahmen ergriffen werden, die dieses Theater und seinen Spielbetrieb massiv verändern werden. Wie könnte dann der Spielplan aussehen? Der wird stark eingeschränkt sein. Es gäbe kein Kleines Haus, entsprechend verringert wäre die Anzahl der Produktionen, und das Schauspiel müsste komplett im Opernhaus spielen – man müsste sich eine Bühne teilen, hätte also weitaus weniger Aufführungen. Im Haushaltssicherungskonzept heißt es, die Bühnen mögen zukünftige Kooperationsmöglichkeiten prüfen. Die Frage der Kooperation ist ein schwieriges Thema. Wir sind mit unseren Partnern an einem Punkt, das Irgendmögliche zu schaffen. Wir stoßen aber bereits jetzt an unsere Grenzen. Wir sind in einer Zwickmühle, denn die Haushaltslagen in Solingen und Remscheid sind ähnlich schlimm wie in Wuppertal. Durch die Kürzung um zwei Millionen Euro würde dieser Zusammenarbeit die Substanz entzogen. Das ist eine überaus komplexe Materie, die es gründlich zu prüfen gilt. Zumal die Erinnerungen an das Schillertheater NRW – 1996 fusionierten die Wuppertaler Bühnen und das Musiktheater im Revier in Form einer gGmbH – nicht gerade glücklich sind. Sicher gibt es viele Ideen. Für mich ist es eine fast philosophische Frage, welche Möglichkeiten es gibt, Theater für diese Stadt zu machen. Dem Ensemble, das ich gerade ans Haus geholt habe, zu kündigen, ist für mich jedenfalls undenkbar. Gibt es aus dem Theater Proteste und/oder Aktionen? Die Ensembles machen nach jeder Aufführung auf das aufmerksam, was sich anbahnt. Es gibt Unterschriftenaktionen, und für Januar 2010 ist ein Aktionstag im und am Schauspielhaus geplant. Wir wollen aber keinen Sonderstatus, wir sind nicht allein betroffen. Mit dem Haushaltskonsolidierungskonzept wird der gesamte Bereich Bildung und Kultur massiv beschnitten. Was Not tut, ist ein Kulturkampf gegen die Verödung urbaner Landschaften. Was ein Stadttheater leistet, ist kulturelle Grundversorgung. Die Lösung dieses Problems liegt nicht allein in Wuppertal, sondern auch bei der Landes- und Bezirksregierung in Düsseldorf, vor allem aber in Berlin. Herr von Treskow, wir danken Ihnen für das Gespräch. INTERVIEW: VALESKA VON DOLEGA Montag, 23. November 2009ELEFANTENHOCHZEITGROBE KOOPERATION WUPPERTAL NACH DER WAHL UND VOR DEM SPAREN ENGELS-THEMA IM DEzember: ELEFANTENHOCHZEIT CDU und SPD kooperieren auch in der aktuellen Legislaturperiode miteinander. Aber wozu? Gibt es überhaupt noch kommunale Handlungsspielräume, oder kann man sich nicht den gesamten Rat und alle Bürgermeister sparen? Der Etat wird ohnehin in Düsseldorf genehmigt. engels lässt die Opposition zu Wort kommen und wagt Lösungsvorschläge.
Der Pulverdampf hat sich verzogen. Ein neuer Rat ist gewählt worden und hat inzwischen sogar schon zweimal getagt. Zwar haben sich die Damen und Herren Kommunalpolitiker zunächst nur mit Formalien beschäftigt. Mandatsträger wurden vereidigt. Posten wurden verteilt. Aber in diesem Monat wird es spannend. Wie in vielen anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen werden auch die Stadtverordneten in Wuppertal ein Streichkonzert aufführen müssen. Die Bezirksregierung in Düsseldorf zwang die Verantwortlichen der Stadt bereits Anfang Juni, eine Haushaltssperre zu verhängen und verlangt seit Monaten ein Haushaltssicherungskonzept. Der damalige Oberbürgermeister Peter Jung verweigerte dies und verwies auf Terminschwierigkeiten. Erst nach der Kommunalwahl könne ein neuer Oberbürgermeister Ende des Jahres einen detaillierten Sparplan vorlegen. Nun muss dieser, der bekanntlich auch Peter Jung heißt, Farbe bekennen. Und mit ihm der Rat, der auf eine Vorlage aus der Verwaltung reagieren soll. Aber welche Farbe soll der Rat bekennen? In Stadträten werden keine Koalitionen geschlossen, aber es gibt durchaus Kooperationsvereinbarungen. CDU und SPD regieren nach wie vor die Stadt. Die Grünen und DIE LINKE sprechen bissig von der „Großen Kooperation“ in Anspielung auf die inzwischen verblühte Berliner Merkel-Steinmeier-Regierung. Und ähnlich wie bei einer Großen Koalition befürchten politische Beobachter für die Wuppertaler Kommunalpolitik Stillstand durch Konsens. So groß aber ist die Große Kooperation übrigens gar nicht mehr. Sowohl CDU wie SPD haben bei der Kommunalwahl Federn lassen müssen. Zusammen stellen die Volksparteien gerade 44 der 70 Ratsfrauen und -herren. Doch die andere rein rechnerische Möglichkeit, sieht man von der Beteiligung rechtsextremer Parteien ab, wäre Schwarz-Grün gewesen. Inhaltlich sind die beiden Parteien nicht zueinandergekommen. Die Grünen konnten sich weder für den Gefängnisneubau in Ronsdorf noch für den Ausbau des Straßennetzes und der Beteiligung an dem Kohlekraftwerk im fernen Wilhelmshaven erwärmen. Persönliche Animositäten bestimmen nicht nur in Thüringen und im Saarland die politische Bühne Aber auch menschlich hat man sich ordentlich verzankt. Die CDU verzieh den Grünen nicht, ihren Bürgermeisterkandidaten auch von den LINKEN wählen lassen zu wollen. Die Grünen wiederum grollten, dass die „Große Kooperation“ den dritten den Grünen gebührenden Bürgermeisterposten aus Kostengründen strichen. Persönliche Animositäten bestimmen nicht nur in Thüringen und im Saarland die politische Bühne. Wenn man sich aber nicht gerade gegenseitig ärgert, ärgert man sich im Stadtrat gemeinsam über Bezirksregierung, Land und Bund. Eine Reform der Gemeindefinanzen muss her, hört man unisono von den Lokalpolitikern aller Parteien. Tatsächlich sind die kommunalen Pflichtausgaben in den letzten Jahren gewachsen, während die Steuereinnahmen einbrachen. Die noch immer herrschende Wirtschaftskrise dramatisiert diese Entwicklung. Die Wuppertaler CDU drischt inzwischen sogar auf ihren Koalitionspartner im NRW-Landtag ein. Wegen des in Düsseldorf verhängten Beförderungsstopps bei der Wuppertaler Feuerwehr droht die Abwanderung des hochqualifizierten Personals ins solvente Düsseldorf. Ein realer Flächenbrand, so glaubt man nach Lektüre der CDU-Prognose, sei in Wuppertal kaum mehr abwendbar. Ein sozialer und kultureller Kahlschlag droht indes von der Verwaltungsvorlage des Haushaltssicherungskonzeptes. Am 14. Dezember wird sie bei der nächsten Ratssitzung aufgetischt werden. Eine breite ergebnisoffene Diskussion im Rat wird, so fürchten die Oppositionsparteien, nicht stattfinden. Die Mehrheit wird die Vorschläge der Bürokraten abnicken. Eine breite ergebnisoffene Diskussion mit den betroffenen Institutionen ist sowieso nicht vorgesehen. Dabei wäre ein Runder Tisch, wie er in Wendezeiten in mancher DDR-Stadt aufgestellt wurde, in dieser krisenhaften Situation das Mittel der Wahl nach der Wahl. Mehr Kreativität als städtische Beamte kann man von den kulturellen und sozialen Einrichtungen von Wuppertal erwarten. Während Kämmerer bei einer fiskalischen Dürre mit dem Rasenmäher und bei warmem Finanzregen mit der Gießkanne hantieren, könnten die Betroffenen intelligentere Lösungen entwickeln. Tatsächlich konnte sich in den letzten Jahren nicht nur die luxuriöse Metropole Düsseldorf mit dem Verkauf des kommunalen Tafelsilbers und anderen Mogelpackungen vom Schuldenjoch befreien, sondern auch kleine Städte wie Langenfeld und Gemeinden wie das münsterländische Raesfeld. Dabei ging es bei diesen Gemeinwesen zu wie bei dem telegenen Schuldnerberater Peter Zwegat. Wirklich unnütze Ausgaben wurden gekappt und wichtige Investitionen getätigt. Unnütze Ausgaben sind oft Statusobjekte, die von Lokalpolitikern aus dem Boden gestampft werden, damit die Wiederwahl möglich wird. Aber gerade Kultur und Bildung sind das Kapital, mit dem eine Stadt wirklich wuchern kann. Ansonsten wandern nicht nur die Feuerwehrleute ab, sondern alle Bürger. Und dann wäre es auch egal, ob es brennt. Lutz debus WORTE DER OPPOSITION STATEMENTS DER OPPOSITIONSPARTEIEN ZUR PERSPEKTIVE SOZIALER UND KULTURELLER PROJEKTE UND ZUR POLITISCHEN VIELFALT IM RAT
engels: Herr Vorsteher, welche Perspektiven haben kulturelle und soziale Initiativen der Stadt in den nächsten Jahren angesichts der aktuellen Haushaltslage? Peter Vorsteher: Ein gutes Kulturangebot ist für die Attraktivität von Wuppertal für die WuppertalerInnen unverzichtbar, aber auch als sogenannter weicher Standortfaktor für die Ansiedlung von Unternehmen in Wuppertal mitentscheidend. Wir brauchen die Hochkultur, aber auch die Angebote der Freien Kultur in den Stadtteilen. Wir haben vor der Wahl versprochen, dass es mit uns keine Etatkürzungen in den Bereichen Bildung, Soziales und Freie Kultur gibt. Daran halten wir fest und werden keinem städtischen Haushalt zustimmen, der hier Einschnitte vornimmt. Führt die Zusammenarbeit von CDU und SPD zu einer Verarmung des demokratischen Pluralismus in der Stadt? Ja, das sehe ich so. In den letzten fünf Jahren haben CDU und SPD eine Menge unternommen, um den demokratischen Pluralismus zu schwächen. Sie verschoben z.B. das Ressort Umweltschutz vom GRÜNEN zum Beigeordneten der SPD. Die Anträge der Opposition wurden selten in den Gremien diskutiert, sondern am liebsten von der großen Kooperation als „erledigt“ erklärt. Der Düsseldorfer Regierungspräsident Jürgen Büssow hatte von der Stadt bis Ende Juni drastische Sparmaßnahmen verlangt, bisher hat die Verwaltung jedoch kein Sparkonzept vorgelegt. Wir befürchten, dass SPD und CDU die anderen Fraktionen vor vollendete Tatsachen stellen werden. Die Folge ist unter anderem ein sinkendes Interesse der WuppertalerInnen an der Kommunalpolitik. Bei der Wahl gingen nur erschreckend wenige Menschen zur Stimmabgabe. Das müssen CDU und SPD als Denkzettel begreifen. Zur Person Peter Vorsteher ist Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/DIE GRÜNEN. WÄHLERGEMEINSCHAFT FÜR WUPPERTAL: „ERHÖHUNGEN FRAGLICH“ engels: Herr Dr. Kroll, welche Perspektiven haben kulturelle und soziale Initiativen der Stadt in den nächsten Jahren angesichts der aktuellen Haushaltslage? Dr. Reimar Kroll: Zu den Perspektiven kultureller und sozialer Initiativen können wir derzeit keine Aussage machen, da nach wie vor der Sparhaushalt auch nicht ansatzweise vorgelegt ist. Ob irgendwelche Maßnahmen mit einer Erhöhung der städtischen Zuwendung rechnen können, halten wir allerdings für mehr als fraglich. Führt die Zusammenarbeit von CDU und SPD zu einer Verarmung des demokratischen Pluralismus in der Stadt? Dies lässt sich nicht vorhersagen. Es ist nach unserer Auffassung nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass es zu einer Einschränkung der Demokratie in unserer Stadt kommt, denn die Oppositionsparteien haben ja in Rat und Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich zu artikulieren. Allerdings ist natürlich – wie bisher schon – nur in Ausnahmefällen damit zu rechnen, dass Initiativen, Anträge etc. der Oppositionsparteien von der Ratsmehrheit angenommen werden. Aber auch das ist Demokratie. Zur Person Dr. Reimar Kroll ist Fraktionsvorsitzender der Wählergemeinschaft für Wuppertal. DIE LINKE: „DÜSTERE ZEITEN“ engels: Herr Sander, welche Perspektiven haben kulturelle und soziale Initiativen der Stadt in den nächsten Jahren angesichts der aktuellen Haushaltslage? Bernhard Sander: Die kulturellen und sozialen Initiativen stehen in Wuppertal vor einer düsteren Zukunft. Der Regierungspräsident entscheidet durch die von ihm verhängte Haushaltssperre über alle freiwilligen sozialen Leistungen und damit über die Lebensqualität in unserer Stadt. Das Beispiel der Eigenmittel zur Beteiligung an den Landesprogrammen für besonders bedrohte Stadtteile zeigt die Absurdität der Lage: Noch nicht einmal an diesem Feigenblatt gegen die soziale Not darf sich die Stadt beteiligen, sondern Vorrang hat die Bedienung der Zins-Ansprüche von Banken und Anlegern, denen in den vergangenen Jahren die Steuern gesenkt wurden. Sowohl CDU als auch SPD haben durch Schuldenmachen kaschiert, dass ihre Parteifreunde in den jeweiligen Landes- und Bundesregierungen die Kommunalfinanzen regelrecht ausgeblutet haben. Führt die Zusammenarbeit von CDU und SPD zu einer Verarmung des demokratischen Pluralismus in der Stadt? Die zu Beginn der neuen Ratsperiode zwischen SPD und CDU verabredete „große Kooperation“ verarmt den politischen Pluralismus in Wuppertal. Machen sie sich weiterhin eilfertig zu Erfüllungsgehilfen von Vorgaben des Regierungspräsidenten, der von der schwarz-gelben Mehrheit eingesetzt und durch kein demokratisches Gremium kontrolliert wird, dann herrscht faktisch ein neoliberales Einheitskartell in Wuppertal. Zur Person Bernhard Sander gehört der Ratsfraktion DIE LINKE an. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS DIE HOFFNUNGEN SIND VAGE – GEWISS IST NICHTS DER VEREIN NACHBARSCHAFTSHEIM SCHAUT SORGENVOLL IN DIE ZUKUNFT
Sozialdezernent Stefan Kühn ist weniger Politiker als ein engagierter Sozialarbeiter Zu wünschen übrig dagegen lasse die Kommunikation. „Wir haben Angst vor dem nächsten Doppelhaushalt und der Haushaltskonsolidierung“, sagt Thelen. „Wir müssen ohnmächtig mit ansehen, was passiert, und wir können nicht mitentscheiden.“ Das Schlimmste: „Niemand informiert uns, niemand traut sich zu sagen, was als Nächstes kommt.“ Daran ändere – bisher – auch die neue politische Führung nichts. Planbarkeit, Sicherheit, Zukunftsinvestitionen: Fehlanzeige. Schon 2008 etwa hat das Nachbarschaftsheim nur die Hälfte der erwarteten Bewilligungsbescheide bekommen. In diesem Jahr noch keinen einzigen. Thelen: „Wir müssten vorsorglich 30 Personen entlassen, weil wir davon ausgehen müssen, dass nächstes Jahr kein Geld mehr da ist.“ Zwar sei die Stadt mit Blick auf Zahlungen stets zuverlässig und pünktlich. „Aber immer nur guter Hoffnung sein statt etwas Schwarz auf Weiß zu haben, macht manchmal unruhige Nächte.“ Fürchten müsste das Nachbarschaftsheim im Ernstfall um seine offene Kinder- und Jugendarbeit sowie das Seniorenforum, wie der Geschäftsführer sagt. „Die sind besonders bedroht. Aber auch da geht es uns noch besser als anderen.“ Wie lange noch? Dazu kann derzeit niemand etwas Verbindliches sagen. TONIA SORRENTINO WEITERE KÜRZUNGEN NUR EINE FRAGE DER ZEIT WUPPERTALER KULTURLANDSCHAFT DROHT DER VERLUST DER VIELFALT Den Trägern der freien Kultur drohen im kommenden Jahr, verursacht durch die Überschuldung der Stadt, massive Einschnitte. Besonders die Einrichtungen, die wegen ihres Nischenangebotes nicht oder noch nicht kostendeckend arbeiten, stehen vor einer existenziellen Herausforderung. Die Zukunft für die „Färberei“ als gemeinnützige Institution sieht nicht gerade rosig aus. Das Kommunikationszentrum für behinderte und nichtbehinderte Menschen stünde bei einem empfindlichen Rückgang der Subventionen im kommenden Jahr sehr wahrscheinlich vor dem Aus. Dabei schmückt sich die Stadtspitze gerne mit dem Treffpunkt in Oberbarmen, der sich durch seine kulturellen Ausstellungen, Seminare und Workshops in dem historischen Gebäude einen Namen gemacht hat. Die Zukunft der „Färberei“ sieht nicht gerade rosig aus Deutlich entspannter sieht es bei der „börse“ aus, die im Oktober bereits ihr 35jähriges Bestehen feierte und am Nikolaustag zum Konzert von Altrocker Roger Chapman bittet. In den vergangenen Jahren hat sich die kulturelle Ideenschmiede nicht nur als etablierte Party-Location – gerade für die „Ü 40-Generation“ – einen positiven Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus erworben. Denn mit Blick auf die zahlreichen Tanz- und Theaterprojekte im gut gefüllten Veranstaltungsprogramm betont Geschäftsführerin Petra Lückerath: „Wir sind und bleiben ein Ort für politisches Geschehen.“ Im Unterschied zu den umtriebigen 70er und 80er Jahren wären jedoch die regelmäßigen Polizei-Razzien von einst mittlerweile fast undenkbar. Als eine der ersten Adressen für gute Unterhaltung gilt auch das „Rex-Theater“ in Elberfeld, dessen Anfänge immerhin auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Nach dem Ende als Lichtspieltheater ging es 1998 als „Forum Maximum“ weiter, noch vor Weihnachten geben sich Parodist Jörg Knör und Musik-Tausendsassa Götz Alsmann die Ehre. Von der chronisch klammen Stadt erhofft sich Rex-Chefin Martina Steiner zumindest moralischen Beistand: „Wenn uns die Politik unsere Arbeit machen lässt, ohne uns Steine in den Weg zu legen, wäre uns schon sehr geholfen.“ FRANK-MICHAEL RALL Montag, 26. Oktober 2009WISSEN SCHAFFEN
EIS UND HEISS
FORSCHUNG ZWISCHEN URKNALL UND KLIMAWANDEL ENGELS-THEMA IM NOVEMBER: WISSEN SCHAFFEN
Innovation wird von allen politisch Handelnden als Schlüssel für eine sorgenfreie Zukunft gehandelt. Aber wird genug gefördert? Und in welche Richtung? Welche Forschung ermöglicht ein sorgenfreies Leben? Ökotec oder Biotec? Welche „Rendite" erzielen die Geisteswissenschaften? Die Forschungsstandorte Harvard und Yale, Oxford und Cambridge, auch Göttingen, Heidelberg und Freiburg sind bekannt. Aber Wuppertal? Ist hier mehr erfunden worden als ein lackierter Pinguin? Der erste Eindruck täuscht. Die Bergische Universität beschäftigt knapp 300 Professoren. Und die Forschung dort ist breit aufgestellt. Schon bei den Naturwissenschaftlern beeindrucken die Dimensionen. Am Nordpol suchen bergische Chemiker im Eis salpetrige Säuren, um zu verstehen, wie sich unsere Atmosphäre reinigt. Am Südpol hingegen begeben sich bergische Physiker auf Neutrinojagd. Wer bei diesen Teilchen an einen Comichelden für Kinder denkt, liegt falsch. Winzige, fast masselose, ungeladene und somit kaum sichtbare Teilchen werden mit Hilfe eines einen Kubikkilometer großen Eiswürfels in der Antarktis nachgewiesen. Wozu? Ist doch irgendwie interessant zu erfahren, woher wir alle kommen. Die klitzekleinen Neutrinos könnten, salopp formuliert, bei der Beantwortung dieser Frage helfen. Vielleicht sind sie von irgendeinem etwas weiter entfernten Urknall zu uns geflogen gekommen. Viel größer dimensioniert als die Neutrinos sind die Atomteile, die im Teilchenbeschleuniger CERN in Genf in eine Kreisbahn geschickt wurden. Im Oktober vergangenen Jahres sollten zwei Protonen aufeinander geschossen werden. Einige Skeptiker prophezeiten den Weltuntergang. Manche Enthusiasten hofften, eine unendliche Energiequelle entwickeln zu können. Beide Szenarien sind bislang nicht eingetreten, obwohl Wuppertaler Wissenschaftler an dem Experiment beteiligt sind. Aber auch in anderen Wissenschaftszweigen wird an der Bergischen Universität geforscht. Manche Projekte erscheinen dabei weniger spektakulär, aber zumindest in den Ergebnissen leichter zu verstehen. Natürlich verbessert sich die schulische Leistung von Migrantenkindern, wenn sie Förderunterricht erhalten. Wenn sie diesen von Lehrern erhalten, die aus dem gleichen Land stammen, verstehen sie noch mehr. Dieser Zusammenhang scheint eine Binsenweisheit zu sein. Wissenschaftlich bewiesen hilft sie, in der Fachdiskussion mit Politikern neue schulische Konzepte zu erstellen. Wuppertal als großer Standort der Lehrerausbildung betreibt hier Grundlagenforschung. Obwohl keine Universitätsklinik vorhanden werden auch medizinische Fragen beantwortet. „Neuronales Aktivierungsmuster bei Symptomprovokation während der Entwicklung der posttraumatischen Belastungsstörung“ heißt der sperrige Titel eines Forschungsvorhabens. Anders formuliert: Was geschieht im Gehirn eines Soldaten, der in Afghanistan einen Bombenanschlag überlebt? In Jordanien wiederum gräbt der „Indiana Jones der Theologie“ Dieter Vieweger gleich mehrere antike Städte aus. Der Clou: Die etwa 20 Städte befinden sich übereinander. Vielleicht kann uns der Ehrendoktor der Wuppertaler Uni bald erklären, ob die Menschen im Nahen Osten friedlicher miteinander auskamen, bevor es Islam und Christentum gab. Etwa 100 Jahre wird es dauern, den Schutthügel an der Grenze zu Israel und Syrien zu durchsuchen. Das Wuppertal Institut mahnt seit knapp 20 Jahren einen ressourcensparenden Umgang mit unserem Planeten an Internationales Renommee besitzt das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Mit ihm arbeitet die Bergische Universität zusammen. Stolz lächeln auf einem Pressefoto Unirektor Lambert T. Koch, Professor Manfred Fischedick und NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben in die Kamera. Ob die gezeigte Harmonie zwischen der Ministerin und dem Institutsleiter durch dissonante Töne gestört wird, ist nicht zu erkennen. Das Wuppertal-Institut mahnt seit knapp 20 Jahren einen ressourcensparenden Umgang mit unserem Planeten an. Ob die Forderung nach einem schnellen Ausstieg sowohl aus der Atom-wie aus der fossilen Energie mit den Plänen der schwarz-gelben Landes- und Bundesregierung zu vereinbaren ist? Christa Thoben ist glühende Befürworterin der Uran- und der Kohleverstromung. Der Leiter des Berliner Büros des Wuppertal Instituts Hermann E. Ott wechselte im September schnell in den Reichstag. Er wolle, so sagte er seinen grünen Wählern, mehr an den Entscheidungsprozessen beteiligt sein. Der Umkehrschluss bedeutet: Auf die Forschungsergebnisse des Instituts für Klima, Umwelt, Energie hört sowieso niemand. Die wichtigen Wälzer aus dem Haus am Döppersberg füllen vielleicht schon die Altpapiercontainer der Büros der Bundestagsabgeordneten und Ministerien. Tatsächlich stellt sich in der zukünftigen Förderungspolitik von Bund und Land die Frage nach der Akzentverschiebung. Wird demnächst mehr Biotechnik statt Ökotechnik gefördert? Werden die Möglichkeiten neuer Atommeiler in Deutschland erforscht oder die effizientere Nutzung von Energie? Zu befürchten ist, dass die neue Bundesregierung und die alte Landesregierung die Dinosaurier füttern werden. Aber ein Argument spricht wiederum gegen diese Schreckensvision. Mit menschenfreundlicher Technik lässt sich inzwischen mehr Geld verdienen als mit großen Kraftwerken. Bundesweit bestimmen abgeschaltete Atomkraftwerke und rechtlich und finanziell nicht mehr durchsetzbare Kohlekraftwerke die Schlagzeilen. Lutz debus „GELD UND FREIHEIT“ ANDREAS PINKWART ÜBER DIE WISSENSCHAFTSFÖRDERUNG IM LAND
Prof. Dr. Andreas Pinkwart: Nein, im Gegenteil. Enge Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungsinstituten und den Unternehmen ist unverzichtbar – und zwar für alle Seiten. Dass in den vergangenen drei Jahren in Nordrhein-Westfalen 19 neue Spitzenforschungsinstitute, High-Tech-Labore und Denkfabriken eingerichtet wurden, zum Teil mit Millionenförderung aus der Industrie, ist keine Gefahr, sondern ein Qualitätsschub. Weil bei all diesen Kooperationen mit Hochschulen völlig klar ist: Die Forschung ist frei, und die Forschungsergebnisse frei zugänglich. Wie unterscheidet sich Ihre Wissenschaftspolitik von der Ihrer Vorgängerin? Unser Job ist es, für Forschung und Entwicklung optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Für mich kommt es auf zwei Dinge an: Geld und Freiheit. Mit dem Hochschulfreiheitsgesetz haben die Hochschulen erstmals die Möglichkeit, frei über Personal-, Organisations- und Finanzfragen zu entscheiden. Zugleich haben unsere Hochschulen heute pro Jahr eine halbe Milliarde Euro mehr zur Verfügung als 2005. Bei der Innovationsförderung konzentrieren wir uns auf vier Zukunftsfelder. Trotz angespannter Haushaltslage haben wir die Förderung für diese Technologien um 25 Prozent gesteigert, auf rund 600 Millionen Euro in diesem Jahr. Die Gießkanne haben wir in den Schuppen gestellt, wir versuchen, das Geld so effektiv einzusetzen wie nur möglich. Darf alles erforscht werden oder gibt es auch ethische und weltanschauliche Grenzen? Natürlich gibt es Grenzen für Forschung, die auch in Gesetzen klar festgelegt sind. Ich bin allerdings dagegen, Forschung aus ideologischen Gründen zu beschränken. Manchmal ist das auch dumm: Denn selbst wenn ich gegen Kernenergie bin, darf ich doch nicht die Entsorgungsforschung einstellen, wie Rot-Grün das hier versucht hat. Ich finde es auch widersinnig, wenn wir mit deutschen Steuergeldern in der EU die Stammzellforschung fördern, unsere deutschen Wissenschaftler aber an diesen EU-Projekten nicht teilnehmen dürfen. Zur Person Prof. Dr. Andreas Pinkwart (49) ist Wissenschaftsminister, stellvertretender Ministerpräsident, Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP. „WUPPERTAL HAT VIEL VON UNS“ LAMBERT T. KOCH ÜBER DEN STELLENWERT SEINER UNIVERSITÄT engels: Herr Koch, wie abhängig ist die Bergische Universität von der Wirtschaft? Prof. Dr. Lambert T. Koch: Es gibt Felder, da arbeiten wir eng mit der Wirtschaft zusammen, in anderen Bereichen gar nicht. Nicht zuletzt die Politik fordert von uns allerdings, mehr Drittmittel einzuwerben – und die kommen eben auch von der Wirtschaft. Sind Sie somit ein Büttel der Wirtschaft? Auf keinen Fall. Auch wenn wir Gelder von der Wirtschaft erhalten, bleibt die Forschung selbstbestimmt und ergebnisoffen. Das weiß jeder, der mit uns kooperiert. Hat Wuppertal etwas von der Forschung der Bergischen Universität? Wuppertal hat viel von uns. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob Stadt und Region das ausreichend wissen. Knapp 50 Lehrstühle arbeiten allein im Bereich Umwelt und Klima mit Unternehmen zusammen. Wir forschen zum Thema Gesundheit. Außerdem fördern wir Unternehmensgründungen. Für Hochschulen gilt: Nur wer lokal verwurzelt ist, kann auch international bedeutsam sein. Die Bergische ist aber keine Eliteuniversität, sondern eher – im besten Wortsinn – eine Volkshochschule? Eine Volkshochschule sind wir nicht! Wir betreiben Forschung auf hohem Niveau. Dass wir nicht das politische Prädikat „Exzellenzuniversität“ führen, bedeutet keineswegs, dass wir keine forschungsstarke Uni sind. Der Exzellenzwettbewerb möchte gewissermaßen künstlich Eliteunis nach angelsächsischem Vorbild generieren – oder man möchte fast sagen: züchten. Wie bewerten Sie diese Zuchtversuche? Ich kann die Motivation verstehen. Man schaut etwas neidisch auf die Eliteunis dieser Welt. Es gibt ja eine regelrechte Ranking-Manie. Aber man kann solche Universitäten nicht designen, sondern sie müssen sich über Jahrzehnte entwickeln. Durch die moderne Förderungspolitik entsteht tendenziell eine Zwei-Klassen-Hochschullandschaft. Es besteht die Gefahr, dass die vielen, die nicht das Label „exzellent“ erhalten, aber dennoch gute Arbeit machen, zu kurz kommen. Die Deutschen versuchen manchmal, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Interviews: Lutz debus Zur Person Prof. Dr. Lambert T. Koch (44) ist Rektor der Bergischen Universität. VERSUCHEN, DIE KRISE ZU VERSTEHEN DAS EUROPÄISCHE INSTITUT FÜR INTERNATIONALE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN FORSCHT AM FREUDENBERG
Für das aktuelle Bankendebakel sind verfehlte Anreize, inkompetente Aufseher und zu große Bankensysteme verantwortlich. Als Leiter des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW) an der Universität in Wuppertal beschäftigt sich der studierte Volkswirt Welfens seit Jahren mit den dringlichsten Fragen von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik aus gesamteuropäischem Blickwinkel. Für die aktuelle Finanzkrise und das fast unerklärliche Bankendebakel macht der gebürtige Dürener drei wesentliche Gründe mitverantwortlich – verfehlte Anreize, inkompetente Aufseher und zu große Bankensysteme: „Es gab warnende Stimmen, aber zu wenige Verantwortliche, die diesem Rat folgten. Was von Industrie und Wissenschaft stets verlangt wird, nämlich ehrliche Leistung, haben Politiker und Banker leider in den Wind geschrieben.“ Deshalb fordert Welfens transparente Finanzinnovationen, die laufend überwacht werden und verstärkt auf langfristige Rendite statt auf Kurzzeiteffekte setzen. Sein allgemeiner Blick voraus fällt düster aus: „Im Gegensatz zu den 20er Jahren wird die Weltrezession dieses Mal wohl ganze Länder in den Konkurs schicken, leider vor allem die armen Nationen.“ Frank-Michael-Rall „STEIGENDER BEDARF AN NACHHALTIGKEITSTUDIEN“ MANFRED FISCHEDICK ZUR ZUKUNFT DES WUPPERTAL INSTITUTS engels: Herr Fischedick, welche aktuellen regionalen Projekte realisieren Sie gerade? Manfred Fischedick: Als Institut der anwendungsorientierten Nachhaltigkeitsforschung sind für uns Projekte mit regionalem Kontext von besonderer Bedeutung. Obwohl wir viele Projekte im internationalen Kontext bearbeiten, wissen wir, wo wir unsere Wurzeln haben und sehen es als unsere besondere Verantwortung an, innovative Projekte in der Region umzusetzen. Thematisch beschäftigen wir uns derzeit mit Fragen neuer ökologischer Geschäftsfelder, der Ressourceneffizienz und von Lernpartnerschaften zwischen Schulen und Industrieunternehmen. Von entscheidender Bedeutung sind für uns aber auch die Kooperation mit anderen wesentlichen Akteuren der Region, sei es die Bergische Universität, mit der wir intensiv zusammenarbeiten oder aber auch die Energieagentur und viele Unternehmen sowie die Stadt selbst. Welche Erwartungen und Befürchtungen verbinden Sie mit dem Regierungswechsel in Berlin? Auch wenn die neue Regierung sicher versuchen wird, neue Akzente zu setzen, werden die Themen des Wuppertal Instituts hoch oben auf der Agenda bleiben. Klimaschutz, Energie- und Ressourceneffizienz sowie Fragen der ökologischen Gerechtigkeit sind parteiunabhängig von herausragender Bedeutung. Für den Klimaschutz sind der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Erhöhung der Energieproduktivität von entscheidender Bedeutung. Daran ändert auch eine potenzielle Verlängerung der Laufzeit der Kernkraftwerke nichts. „Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist von entscheidender Bedeutung. Daran ändert auch eine Verlängerung der Laufzeit der Kernkraftwerke nichts.“ Welche Prognosen stellen Sie zu dem realisierbaren Bedarf an Nachhaltigkeitsstudien auf nationaler als auch internationaler Ebene? Der Bedarf wird perspektivisch deutlich zunehmen. Das Zeitalter des reinen Agendasettings ist im Wesentlichen vorbei, die meisten Akteure mittlerweile für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert. Zukünftig stehen daher Umsetzungskonzepte für die relevanten Akteure im Mittelpunkt. Dazu gehören Nationalstaaten ebenso wie Regionen, Kommunen und auch zunehmend Unternehmen. Werden Sie die Anzahl Ihrer Mitarbeiter in Zukunft halten, erhöhen können oder senken müssen? Das Institut ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen und hat erhebliche Forschungsdrittmittel nach Wuppertal geholt. Wir werden versuchen, an diesem Kurs festzuhalten und die erreichte Größe mindestens zu halten. Interview: nadja shafik Zur Person Prof. Dr. Manfred Fischedick ist Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Freitag, 25. September 2009Graue PowerGEMEINSAM – NICHT EINSAM MEHRGENERATIONENPROJEKTE BOOMEN IM TAL
ENGELS-THEMA IM Oktober: GRAUE POWER Wuppertal wird älter. Je oller, desto doller? Oder vergreist die Stadt? engels beleuchtet Risiken, Nebenwirkungen und vor allem auch die Chancen des demographischen Wandels. Forever young ist auf Dauer nämlich auch langweilig. Das Thema ist zugegebenermaßen nicht neu – eher alt. Die Grauen Panther hatten ihren Sitz in Wuppertal. Die Bürgerbewegung und Partei thematisierte bundesweit bereits in den Achtziger Jahren die Frage der Generationengerechtigkeit. Trude Unruh, die berühmte und umtriebige Vorsitzende, war sogar eine Legislaturperiode lang Abgeordnete im Bundestag. Die Grünen hatten ihr dies ermöglicht. Die streitbare Dame, früher bereits in der SPD und der FDP Mitglied, gründete aber lieber die eigene Partei „Die Grauen“, als selbst grün zu werden. Inzwischen sind die Grünen selbst in Würden ergraut, und die Grauen wegen einer unrühmlichen Spendenaffäre bedeutungslos geworden. Die 84jährige Unruh tritt nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Aber das Anliegen ihrer Partei ist aktueller denn je. Denn die Altersstruktur der Gesellschaft ändert sich schneller und dramatischer als noch vor Jahren angenommen. Wuppertal wird in Zukunft leerer, älter und etwas bunter sein. Am 31. Dezember 2008 hatte die Stadt laut Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen 352.368 Einwohner. Das Landesamt rechnet damit, dass Wuppertal erheblich schrumpfen wird. Demnach wird geschätzt, dass im Jahr 2025 noch etwa 324.500 Einwohner in der Stadt leben. Das wäre ein Bevölkerungsschwund innerhalb einer Zeitspanne von 17 Jahren von 7,9 Prozent. Auch die angeblich geburtenstarken Familien mit Migrationshintergrund können, so ist auf der Homepage der Stadtverwaltung nachzulesen, diesen Trend nicht stoppen. Während Frauen mit deutschem Pass durchschnittlich 1,23 Kinder haben, beträgt diese Zahl bei Frauen anderer Staatsangehörigkeiten zwar 1,93. Aber erst eine Geburtenrate von etwa 2,1 kann, bedingt durch Todesfälle bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dafür sorgen, dass die Bevölkerungszahl stabil bleibt. Insgesamt liegt die Geburtenrate in Wuppertal bei 1,38. Aber nicht nur durch diesen geringen Wert, sondern auch wegen der gestiegenen Lebenserwartung wird der Anteil der älteren Menschen in der Stadt stark steigen. Bereits jetzt ist jeder vierte Wuppertaler über 60 Jahre alt. All diese Zahlen bereiten den Sozialversicherern Kopfschmerzen. Das soziale Sicherungssystem steht bei steigenden Kosten und sinkenden Einnahmen vor großen Problemen. Während manche Politiker die nicht lebensnotwendigen Leistungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen streichen wollen, entwickeln Betroffene andere Modelle. So ist gerade im Bereich der Altenpflege mehr bürgerschaftliches Engagement und Kreativität gefragt. Modelle von alternativen Wohnformen, die das Zusammenleben mehrerer Generationen einschließen, gewinnen an Attraktivität. Der Bereich der ambulanten Pflege konnte in den letzten Jahren substanziell ausgebaut werden. Medizinische Prophylaxe und gestiegenes Gesundheitsbewusstsein verschieben den Zeitpunkt der Pflegebedürftigkeit älterer Menschen nach hinten. Die großen Heime im Grünen taugen oft nur noch als Kulisse für Finanzskandale, wie die Geschichte der Klinik Aprath belegt. Der demografische Wandel erzeugt den dermatologischen Wandel Aber die demografische Entwicklung erfordert nicht nur wirtschaftliches Umdenken. Auch der ethische Aspekt verdient Beachtung. Es gab Epochen, in denen war die Lebenserfahrung alter Menschen wichtig. Wer alt war, hatte mehr zu sagen als der, der jung war. In unserer Fit-for-fun-Gesellschaft allerdings ist Jugendlichkeit eine unabdingbare Eigenschaft gesellschaftlicher Macht. Sowohl der Manager wie auch der Medienstar muss faltenfrei daherkommen. Der demografische Wandel erzeugt den dermatologischen Wandel. Aber kann dieser Trend anhalten? Müssen wir immer jung bleiben? Könnte es nach der Herrschaft der Alten über die Jungen und der Herrschaft der Jungen über die Alten nicht auch ein konstruktives und solidarisches Miteinander geben? Auf dem Markt der Warenwelt scheint ein Umdenken bereits stattzufinden. Der rüstige Rentner ist als liquider Konsument längst erkannt worden und wird als Kunde umworben. Kreuzfahrtschiffe laufen stapelweise vom Stapel. Wandern funktioniert als nordische Disziplin mit knallbuntem Nylon um die Beine und gleich zwei Wanderstäben in der Hand auch für die Generation Ü 70. Mit Hirnjogging wiederum machen sich die Hersteller von Spielkonsolen an die Rentner ran. Und welche Kultureinrichtung, vom Opernsaal bis zur Tageszeitung, könnte ohne die neuen Alten noch bestehen? Wuppertal wird sich besser wohl als übel auf die Zukunft einrichten müssen. Dabei darf eine biologische Binse nicht vergessen werden. Auch die 30- bis 50Jährigen altern. Wie wird unsere Stadt aussehen, wenn die heute noch jugendlich Scheinenden die öffentlichen Plätze mit ihren Rollatoren bevölkern? Können die aktuellen politischen Entscheidungsträger, die heute an Hüftprothetik geizen und geriatrische Fälle in Heime stecken, auf die Milde der Nachgeborenen hoffen? Eins zumindest wird besser sein – die Beschallung in den Pflegeheimen. Statt Radetzkymarsch gibt es dann Beatles auf die Ohren. Lutz debus „ICH MUSS DIE SPD NICHT MEHR VERSTEHEN“ RUDOLF DRESSLER ÜBER SEIN LEBEN NACH DER PARTEIPOLITIK
engels: Herr Dreßler, können ältere Menschen mit der Politik dieses Landes zufrieden sein? Rudolf Dreßler: Die Identifikation sozial schwacher Menschen und somit auch vieler alter Menschen mit dem Staat hat abgenommen, verstärkt seit 1998. Gerhard Schröder hat bei den von seiner Regierung geschaffenen sozialpolitischen Gesetzen weder seine Partei noch die Bevölkerung mitgenommen. Eine Rente mit 67, die Auflösung der hälftigen Beitragszahlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, all diese Reformen haben den Sozialstaat verändert. Die SPD hat, die aktuellen Umfrageergebnisse berücksichtigend, bundesweit 11 Millionen Wähler verloren. Dieses Faktum schreit nach einer Analyse. Da aber die jetzige Parteiführung diese Politik mit auf den Weg gebracht hat, scheut sie diese Analyse, weil sie Fehler eingestehen müsste. „Ich kümmere mich um Spülmaschine, Waschmaschine, Hund, Schulpflegschaft ...“ Gerhard Schröder hat Sie 1998 nicht zum Sozialminister gemacht. Kränkte Sie das? Mich kränkte, dies aus der Zeitung zu erfahren. Schröder hatte nicht das Format, mir das persönlich zu sagen. Das habe ich ihm gesagt, und dafür hat er sich bei mir entschuldigt. Sie sind nun formell im Ruhestand. Ist nun Ruhe angesagt? Zunächst war es mir wichtig, mich nicht mehr parteipolitisch zu betätigen. Ich habe alle Angebote, wieder einzusteigen, aus guten Gründen abgelehnt. Ich habe heute das Privileg, meine Partei nicht mehr verstehen zu müssen – unabhängig von der Frage, ob ich sie verstehe. Wenn ich manche der Arbeitsergebnisse sozialdemokratischer Regierungsarbeit der letzten zehn Jahre erklären müsste, würde mir schummerig werden. Was machen Sie den ganzen Tag? Meine Frau und ich haben zwei Kinder, dreizehn und sechzehn Jahre alt. Ich habe eine Menge zu tun. Ich kümmere mich um Spülmaschine, Waschmaschine, Hund, Schulpflegschaft, Edeka und Aldi. Darüber hinaus halte ich Vorträge zum Thema "Naher Osten". Sind Sie glücklich? Ich vermisse nichts und bin zufrieden. Es ist Gold wert, mich um meine Kinder kümmern zu können. Zur Person Rudolf Dreßler (68) war für Wuppertal 20 Jahre im Bundestag, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Staatssekretär im Arbeitsministerium und Botschafter in Israel. „WERTSCHÖPFUNG IST NICHT ALLES“ CHEFÄRZTIN ANNETTE WELZ-BARTH ÜBER DIE MEDIZISCHE VERSORGUNG ALTER MENSCHEN engels: Frau Welz-Barth, in der Vergangenheit wurden Altenheime auf der grünen Wiese gebaut. Gibt es neue Strategien in der Versorgung und im Lebensumfeld Älterer? Prof. Dr. Annette Welz-Barth: In den letzten Jahren wurden die älteren Menschen zunehmend in den Städten gelassen, und sie wurden wieder in die Städte geholt, um ihnen mehr soziale Kontakte zu ermöglichen. Mehrgenerationenwohnprojekte werden geschaffen. Hier tut sich eine Menge, weil die neuen Älteren auch aktiver sein wollen. Warum war dies bei der Generation davor nicht so? Ich vermute, dass die Kriegsgeneration mehr hingenommen hat. Aber auch die demographische Entwicklung trägt zu einem Umdenken bei. Es gibt immer mehr Ältere, und so nimmt auch deren Lobby zu. Manche Politiker wollen die von den Krankenkassen finanzierte medizinische Versorgung älterer Menschen auf das Notwendige beschränken. Wir müssen ältere Menschen so gut es geht medizinisch versorgen, um Kompetenzen und Ressourcen zu erhalten. Nach einem Sturz oder auch wegen Verschleißerscheinungen der Hüfte wären viele alte Menschen ohne medizinische Versorgung nicht mehr mobil. „Die Diskussion über Patientenverfügungen ist in jüngster Zeit sehr dynamisch geführt worden“ Gibt es eine Grenze, an der medizinische Versorgung nicht mehr sinnvoll ist? Manchmal muss abgewogen werden, ist eine Intensivbehandlung mit Langzeitbeatmung für einen 85jährigen Patienten unter bestimmten Voraussetzungen zu vertreten? Die Diskussion über Patientenverfügungen ist in jüngster Zeit sehr dynamisch geführt worden. Kann es immer nur um die ökonomische Verwertbarkeit von Menschen gehen? Alter kann allein schon wegen des erworbenen Erfahrungsschatzes wertvoll sein. Aber Wertschöpfung ist doch auch nicht alles. Dies muss man sich insbesondere immer vor Augen halten, wenn man über Konzepte nachdenkt, wie man mit hochbetagten oder demenzkranken oder stark behinderten Älteren umgehen wird, auch gerade unter dem Aspekt, dass es uns alle einmal betrifft. Zur Person Prof. Dr. Annette Welz-Barth (48) ist Chefärztin der Geriatrischen Rehabilitationsklinik der Kliniken St. Antonius und lehrt an der Universität Witten-Herdecke Interviews: Lutz debus GEMEINSAM – NICHT EINSAM MEHRGENERATIONENPROJEKTE BOOMEN IM TAL
Wenn ihnen danach ist, dann tanzen sie. Oder sie machen Theater. Oder Tai-Chi. Auch Gartenarbeit, soziales Engagement und Kreativwerden stehen hoch im Kurs. Gespräche sowieso. Die Bewohner des Mehrgenerationenhauses an der Rudolfstraße in Unterbarmen sind zwar nicht miteinander verwandt, leben aber trotzdem in einer großen Gemeinschaft – und ziehen daraus viel positive Energie. „Man ist schlicht nicht allein“, sagt Johanna Jopek. Die 72jährige Bewohnerin des Mehrgenerationenhauses ist Mitbegründerin des gemeinnützigen Vereins „Lebendiges Wohnen an der Wupper“, den fünf Frauen vor drei Jahren gegründet haben, um eben ein solches Projekt auf die Beine zu stellen – gegen Anonymität und Vereinsamung. „Älterwerden und sich gegenseitig in Notlagen Unterstützen, gemeinsam etwas auf die Beine Stellen, das sind unsere Grundgedanken“, sagt Jopek. Der Verein hat inzwischen rund 50 Mitglieder und viele Partner, darunter die Vereinigte Evangelische Mission und die Sparkasse. Der jüngste Bewohner des vor 13 Monaten erstmals bezogenen Mehrgenerationenhauses – es ist das erste realisierte Projekt seiner Art in Wuppertal – ist 40, der älteste 80 Jahre alt. Zwei der 18 Wohnungen sind noch frei. Aber nicht für jeden, wie Jopek erklärt: „Wir wollen uns nicht voneinander abhängig machen und bieten keine Versorgung an. Jeder, der hier einzieht, muss in der Lage sein, einen Haushalt selbstständig zu führen. Probleme kommen später automatisch.“ Immer sei ein Ansprechpartner da, man könne sich aber auch jederzeit zurückziehen. Und in der Gemeinschaft mache das Leben an sich einfach mehr Spaß. Außerdem könne man voneinander lernen. Johanna Jopek hat vor einigen Tagen im Internet eine Tenorflöte erstanden. TEXT / Foto: TONIA SORRENTINO Weitere Wuppertaler Projekte: Der Caritasverband Solingen/Wuppertal plant gemeinsam mit der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Wuppertal eine barrierefreie Mehrgenerationen-Wohnanlage an der Uellendahler Straße; der frisch gegründete gemeinnützige Verein „Wuppertaler Wahlverwandtschaften“ sucht Grundstücke für ein Wohnprojekt, in dem 60 bis 80 Menschen jeden Alters Platz finden sollen. LIEBE OMA HILDE! WENN ES NOCH PAPIER GÄBE Gerade habe ich eure Einladung zur Goldenen Hochzeit in dem tollen Hotel erhalten, in dem wir ja auch schon damals meine Kommunion gefeiert haben. Echt krass, dass Opa und du 50 Jahre verheiratet seid! Schade nur, dass Mama und Papa eurem Beispiel nicht mal ansatzweise folgen. Wenigstens reden sie seit dem Auszug von Dad wieder einigermaßen vernünftig miteinander. Seine neue Freundin ist ganz okay, dabei ist Moni ja fast so alt wie ich. Nur dass er sich jetzt die Haare färbt, find´ ich absolut peinlich. Mama spricht momentan noch von einer gemeinsamen „Auszeit“, vielleicht beruhigen sich ja die Gemüter bald wieder. Ich freue mich jedenfalls auf euer großes Fest und werde auch Daniel mitbringen, den ich im letzten Semester kennengelernt habe. Er kommt aus Köln und studiert Jura. Bald wollen wir zum ersten Mal zwei Wochen gemeinsam in Urlaub fahren. Ich habe ein gutes Gefühl, nachdem die Sache mit Torsten – der blonde Hobby-Musiker, du erinnerst dich vielleicht? – ja leider zum Schluss ziemlich kompliziert wurde. Was macht eigentlich euer geplanter Umzug in das Seniorenheim in der Friedrichstraße? Hoffentlich überlegt ihr euch es nochmal, denn ich kann mich an den Gedanken, dass ihr das schöne Haus verkaufen wollt, irgendwie nicht gewöhnen. Ich mach´ dir einen Vorschlag: Wartet doch noch zwei Jahre, bis ich mein Studium fertig habe, und dann kümmert sich die frischgebackene Architektin Caroline Schmidt um einen Super-Umbau! Klingt doch nicht schlecht … Ach übrigens: DANKE für eure großzügige Spende zu meinem Autokauf, der Wagen ist echt klasse. Ich nehme dich und Opa auch gerne mal mit, wenn ihr zum Theater wollt, melde dich einfach bei mir. So, ich muss gleich los, die nächste Vorlesung wartet. Liebe Grüße auch an Opa und bis zum Wiedersehen deine Enkelin Caro NOTIERT VON FRANK-MICHAEL RALL Wer korrespondiert noch mit Oma und Opa? engels freut sich über Zuschriften junger LeserInnen, die mit ihren Großeltern noch regelmäßig in Kontakt stehen. Schicken Sie doch ihren ganz persönlichen Brief an die heutige Generation „60 plus“: Berndt-Media Dr.-C.-Otto-Str. 196, 44879 Bochum info@berndt-media.de Eine Auswahl der Briefe veröffentlicht engels auf der Homepage. Freitag, 21. August 2009no future?WÄHLEN, WÄHLEN, WÄHLEN!AM 27. SEPTEMBER IST BUNDESTAGSWAH
ENGELS-THEMA IM SEPTEMBER: NO FUTURE? Die Parole kommt aus den Achtzigern. Damals wurde Helmut Kohl Kanzler einer CDU-FDP-Regierung. Nach der Bundestagswahl kann es wieder zu einer schwarz-gelben Koalition kommen. Nur ist dann der Chef etwas weiblicher und leichter und der Vizechef sehr viel leichter und luftiger. Wie sehen in Anbetracht dieser Aussichten nach dem 27. September die Perspektiven junger Menschen aus? Es gibt so viele Kreuzchen zu machen in diesen Monaten. Im Mai war es zunächst ein Kreuz für die Europawahl. Es folgten im August die Kommunalwahlen. Nun, Ende des Monats, erwartet uns die Königin aller Wahlen, die Bundestagswahl. Aber welche Wahl haben hier die Wählerinnen und Wähler? Angesichts der neuen Unübersichtlichkeit des Sechs-Parteien-Systems werden, vorausgesetzt, CDU/CSU und FDP erhalten zusammen nicht die absolute Mehrheit, die Weichen erst Wochen später gestellt. Koalitionsverhandlungen werden dramatischer sein als Tanzstundenbälle. Die CDU möchte nicht gern mit der SPD, auch nicht so gern, aber doch lieber mit den Grünen. Die FDP möchte an die Regierung. Mit wem, sagt sie nicht. Die Parteigeschichte lässt vermuten, dass sie notfalls eine Koalition mit Teufels Großmutter eingehen würde, bevor sie weitere vier Jahre auf den harten Oppositionsbänken Platz nehmen müsste. Aber vielleicht bleibt sie ja weiter parlamentarisches Mauerblümchen. Wie soll die Partei, die sich immer als Förderer der Wirtschaft versteht, mit den Grünen harmonieren, die einige sogenannte Zukunftstechnologien wie Gentechnik und Atomkraft vehement ablehnen? Eine Ampel hätte es schwer. Mit wem könnte also die SPD gehen? Blieben noch die Linken. Aber nur manch versprengter Grüne und manch SPD-Landespolitiker aus Neufünfland kann sich mit den Schmuddelkindern des demokratischen Systems eine Zusammenarbeit vorstellen. Der Geist der enthaupteten Andrea Ypsilanti spukt im mittlerweile fast verlassenen und stark sanierungsbedürftigen Haus der deutschen Sozialdemokratie. Kein Sozi traut sich mehr mit roten Socken auf die Straße. Da der Deutsche Michel in Krisenzeiten sowieso lieber auf Nummer Sicher geht, keine Experimente wagt, könnte es tatsächlich zu einer CDU-FDP-Koaltion reichen. Rote Socken machen im Westen noch immer Angst. Peter Hintze, der Erfinder der roten Socke Der Erfinder der „Rote-Socken-Kampagne“ ist übrigens Peter Hintze. Der beurlaubte Pfarrer aus Königswinter kandidiert in Wuppertal. Als CDU-Generalsekretär ließ er sich bereits vor 15 Jahren an einer Wäscheleine mit der entsprechenden Fußbekleidung in der Hand fotografieren. Seine Position als General machte es nötig, den Wadenbeißer zu mimen. Inzwischen ist der Staatssekretär beim Wirtschaftsministerium gesetzter geworden. Lieber klopft er anerkennend deutschen Astronauten auf die Schulter, als dass er den ideologischen Einpeitscher gibt. Gern hätten wir ihn gefragt, wie er als Wuppertaler Abgeordneter die Zukunftsperspektive der Kinder und Jugendlichen in der Region verbessern möchte. Leider hatte Hintze nach intensivem, wahrscheinlich stundenlangem Studium der letzten beiden engels-Ausgaben dann doch zu wenig Zeit für ein zehnminütiges Interview. „Habe Ihre Leseproben mit Freude durchgelesen. Bin leider so im Programm, dass ich Ihnen keine Zusage geben kann“, antwortete er freundlich. So bleiben unsere Fragen offen. Wird der Riss durch die Gesellschaft weiter und tiefer, wenn CDU und FDP regieren? Bleibt es beim dreigliedrigen Schulsystem, das vornehmlich männliche Migrantenkinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten ausgrenzt? Werden die Studiengebühren erhöht? Bleiben die Hartz IV-Sätze auf dem jetzigen Stand, damit Kinder weiter ohne adäquate Lehrmittel und mit knurrenden Mägen zur Schule gehen müssen? Wird es noch weniger Ausbildungsplätze geben? Wird der Niedriglohnsektor wachsen und in Folge dessen viele arbeitende Menschen auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen sein? Werden Banken und Großkonzerne weiter großzügig in den Genuss staatlicher Hilfen kommen? Werden Steuern weiter gesenkt, damit die Staatsverschuldung zunimmt? Wird es mit der FDP als Regierungspartei zu einer effektiven Bankenaufsicht kommen? Vielleicht hätte Peter Hintze ganz unerwartet geantwortet. Natürlich möchten wir eine solidarische Gesellschaft, hätte er vielleicht gesagt. Von einer drastischen Erhöhung von Hartz IV zu einer echten Grundsicherung hätte er möglicherweise geschwärmt. Von einer Vermögensabgabe für Besserverdienende. Den Arbeitslosen in Wuppertal hätte er Mut zugesprochen. Eine Förderung der erneuerbaren Energien, der modernen Nahverkehrsmittel, der Energieeffizienz durch Stadtteilsanierung, der medizinischen Grundversorgung auch für Ältere und eine Förderung der Kinderbetreuung und des Schulsystems könnten, so hätte Peter Hintze vielleicht detailliert vorgerechnet, dazu führen, dass in Wuppertal Vollbeschäftigung herrscht. Die Bergische Universität könnte binnen weniger Jahre, so hätte der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium vielleicht prophezeit, durch die Abschaffung von Studiengebühren zu der größten Hochschule der Nation werden. Junge Menschen könnten dann dort die Zukunft dieses Landes durch intensive Forschung gestalten. Der Export innovativer Technologien sei durch den hohen Anteil mehrsprachig aufgewachsener Studierender gesichert. All dies hätte Peter Hintze sagen können. Hat er nicht. Nun, liebe Leser, haben Sie die Wahl. Lutz debus „BILDUNG IST UNSERE GRÖSSTE RESSOURCE“ JÜRGEN KUCHARCZYK ÜBER DIE FAMILIEN- UND BILDUNGSPOLITIK DER SPD
engels: Herr Kucharczyk, was benötigen Kinder und Jugendliche im Bergischen Land in den kommenden vier Jahren? Jürgen Kucharczyk: Die Kinder- und Jugendeinrichtungen in allen drei Städten müssen erhalten bleiben. Zudem müssen wir die gesetzlichen Vorgaben zum Ausbau der Krippenplätze umsetzen, um Eltern Berufstätigkeit zu ermöglichen. Wer soll das bezahlen? Der Bund lässt die Kommunen nicht allein und stellt ihnen vier Milliarden Euro im Rahmen eines Sonderfonds zur Verfügung. Unterscheidet sich Ihre Position von der der CDU? Wir haben im Fachausschuss seit 2005 mit dem Koalitionspartner gerungen. Letztlich mussten wir die Union davon überzeugen, dass sich die Gesellschaft in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Die SPD hat es doch schwer, gegen eine so populäre Politikerin wie Ursula von der Leyen eine wahrnehmbare Position zu beziehen. Ihre Popularität möchte ich jetzt nicht kommentieren. Die Inhalte ihrer Politik haben wir bereits unter der rot-grünen Regierung auf den Weg gebracht. Elterngeld und Kita-Plätze wären in nur einer Legislaturperiode nicht umzusetzen gewesen. Ein größeres Streitthema ist die Bildungspolitik? Wir wollen die Semestergebühren abschaffen. Wir wollen das Schulsystem reformieren. Zwar sind hier zunächst die Länder gefragt. Da aber die Bildung die größte Ressource ist, die wir in diesem Land haben, muss sich hier auch die Bundesregierung positionieren. Der männliche Hauptschüler mit Migrationshintergrund hat nicht gerade die besten Karrierechancen. Es gibt viele junge Leute, die sich in Qualifizierungsschleifen befinden. Diese Qualifizierungsmaßnamen – wie z.B. das Ausbildungsbonusprogramm, der Anspruch auf einen Hauptschulabschluss oder auch das Schulstarterpaket, welches wir gegen den erheblichen Widerstand der Union durchgesetzt haben – haben nur Sinn, wenn sie zu einer festen Anstellung führen. Die eigentlichen Gründe für diese Probleme liegen aber in unserem Schulsystem. Wenn wir Zehnjährige bereits in verschiedene Schulformen sortieren, müssen wir uns nicht wundern, wenn es so viele Einbahnstraßen gibt. Zur Person Jürgen Kucharczyk (52) ist Bundestagsabgeordneter und kandidiert für die SPD in Remscheid, Solingen und Wuppertal. „DAS LAND MUSS SICH RADIKAL ÄNDERN“ HERMANN OTT ÜBER KLIMAWANDEL UND GRÜNE JOBS engels: Herr Ott, können Investitionen in Ökologie so viele Arbeitsplätze schaffen, wie sich das Herr Steinmeier mit seinem Deutschlandplan ausgerechnet hat? Hermann Ott: In der Rhetorik haben sowohl SPD wie auch CDU viel bei den Grünen abgeschrieben. Theoretisch hat Steinmeier recht. Nur wird sein Plan nicht funktionieren, weil die SPD in der Vergangenheit verhaftet ist. Bei der CDU und der FDP ist das ohnehin klar. Aber auch die SPD und die Linken sind durch ihre Bindung an Gewerkschaften und Betriebsräte in den Energieunternehmen strukturkonservativ. Können denn die Grünen Arbeitsplätze schaffen? Kurz- und mittelfristig gesehen müssen wir die Wirtschaft grün umsteuern, um Jobs zu schaffen. Langfristig muss sich das Land viel radikaler verändern. Auch ein grünes Wachstum hat Grenzen. Aber es ist schwierig mit solchen Zukunftsprognosen. Wie die Welt im Jahr 2030 aussehen wird, kann sich kein Mensch vorstellen. Prognosen taugen nichts? Wir verfügen über gewisse Grunddaten. Das Klima wird sich dramatisch verändern. Die Ressourcen dieser Welt gehen zur Neige. Es ist nicht klar, was dann kommt. Wir haben wissenschaftlich nicht erforscht, wie ein marktwirtschaftliches System ohne nominales Wachstum aussehen kann. Die Weltwirtschaft macht doch gerade den Praxistest? Es ist erschreckend, wie sehr die Politiker in alte Muster verfallen. 2007 wurde erkannt, dass der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung ist. Nun kommt eine Finanzkrise, die sich zu einer großen Wirtschaftskrise auswächst. Und schon wollen auch die Wohlgesinnten mit einem grünen Keynianismus das Wachstum wieder ankurbeln. Doch auch der verbraucht Ressourcen. Was ist in den nächsten vier Jahren in Wuppertal zu tun? Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen sichere Arbeit haben. Dafür brauchen wir grüne Jobs in Zukunftsindustrien. Ein Paradebeispiel ist die Schäffler KG. 1.500 Beschäftigte in Wuppertal haben eine Jobgarantie bis 2016. Was stellen die her? Getriebe für Windkraftwerke. Hier liegt die Zukunft! Interviews: Lutz debus Zur Person Hermann Ott (48) ist Leiter des Berliner Büros des Wuppertal Instituts und kandidiert am 27. September für die Grünen in Wuppertal. DIE PATIN BERUFSERFAHRENE HELFEN JUGENDLICHEN EHRENAMTLICH, EINEN AUSBILDUNGSPLATZ ZU FINDEN
Wuppertal sozial? Zur Wahl wollen alle alles besser machen. engels besuchte zwei soziale Initiativen, um auf die gegenwärtige Not in der Region aufmerksam zu machen. „2.000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz sind zu viel. Menschen mit Lebens- und Berufserfahrung sollten diese Jugendlichen auf diesem Weg begleiten.“ Aus diesem Gedankengang von Oberbürgermeister Peter Jung entstand im November 2007 die Lehrstellenpaten-Aktion. Die ersten Paten kamen aus Führungspositionen der Stadtverwaltung, so Angelika Leipnitz von der Ehrenamts-Initiative (M)eine Stunde für Wuppertal. Immer mehr Interessenten meldeten sich, um jungen Menschen ehrenamtlich bei ihrem Schritt ins Berufsleben beizustehen. Birgit Bertz (45), selbstständig mit der Firma „Marktentwickler“, ist eine von ihnen. Zwei Mädchen hat sie schon eine Ausbildung vermittelt. Die 21 Jahre alte Naomi ist seit einem Jahr glückliche werdende Hotelfachfrau, und Meriam, ebenfalls 21, lernt seit August Kauffrau für Bürokommunikation. „Sie war unheimlich motiviert, hatte ein gutes Abitur“, erinnert sich Bertz. Trotzdem sei sie mit 35 Absagen auf Bewerbungen zu ihr gekommen. „Wir haben unter anderem tolle Fotos gemacht und ihre Unterlagen neu gestaltet.“ Fünf Bewerbungen folgten fünf Vorstellungsgespräche – und ein Ausbildungsplatz bei einer Wuppertaler Hausverwaltungsfirma. Nach den Zeiten des Frusts zeigte sich für Meriam, wie wichtig eine ansprechende Bewerbung und ein souveränes Auftreten bei Anstellungsgesprächen ist. Mit beiden Mädchen steht Bertz weiterhin in Kontakt, um ihren Werdegang zu verfolgen. „Es ist ein tolles Projekt. Ich freue mich schon auf das nächste Patenkind!“ TEXT / Foto: TONIA SORRENTINO (M)eine Stunde für Wuppertal Die Lehrstellenpaten-Aktion ist eingebettet in die Ehrenamts-Initiative (M)eine Stunde für Wuppertal (www.meinestundefuerwuppertal.de). Bisher wurden von rund 100 Patenkindern 30 in ein Unternehmen vermittelt, ein weiteres knappes Drittel ist auf dem Weg. 50 Prozent der Jugendlichen kommen aus Familien mit Migrationshintergrund und sind teils seit Jahren ohne Ausbildungsstelle. Die zirka 40 Paten arbeiten beispielsweise bei Barmenia, Dupont, Gepa und der Sparkasse, zudem sind Selbstständige dabe DAS TISCHLEIN DECKT SICH SEIT ZWANZIG JAHREN HILFT DIE WUPPERTALER TAFEL BEDÜRFTIGEN Dreimal am Tag, sieben Tage die Woche, das ganze Jahr hindurch – bei der Wuppertaler Tafel gibt’s immer etwas zu essen. „In Wuppertal muss niemand hungern“, sagt Wolfgang Nielsen, Vorsitzender der AHK-Wuppertaler Tafel e.V. Dass jeder Bedürftige, egal ob Kind oder Erwachsener, Hartz IV-Empfänger oder bedürftiger Rentner, hier täglich umsonst essen kann, verdankt der Verein vor allem den vielen Wuppertaler Unternehmen, die ihren Lebensmittel-Überschuss kostenlos abgeben. „Wir alle haben eine soziale Verpflichtung“, sagt Gerd Kaufmann von der Metzgerei Kaufmann in Wuppertal, „wer sich die großartige Arbeit der Tafel anschaut, der weiß, was er zu tun hat.“ Die Metzgerei ist nur eines von vielen Geschäften, das die Tafel unterstützt – auch viele große Supermärkte beteiligen sich mit täglichen Lebensmittel-Spenden. Die Wuppertaler Tafel ist die einzige der über 850 Tafeln in Deutschland, die jeden Tag im Jahr Essen anbietet Für die große Hilfsbereitschaft ist Nielsen sehr dankbar, denn er weiß, selbstverständlich ist das nicht: „Die Wuppertaler Tafel ist die einzige der über 850 Tafeln in Deutschland, die jeden Tag im Jahr Essen anbietet.“ Früher wollte niemand – auch kein Politiker – zugeben, dass es Armut in Deutschland gibt. Das sei heute anders, so Nielsen. Auch die Einstellung der Bedürftigen hat sich geändert, und immer mehr arme Menschen nutzen das soziale Angebot. Dass Menschen arm sind, ist oft nicht deren Schuld, und häufig sind vor allem Kinder Leidtragende. Deshalb möchte Nielsen gerne die Wuppertaler Kindertafel weiter ausbauen. „Ein eigener Raum wäre gut, damit die Kinder nach dem Essen ungestört Hausaufgaben machen oder ein bisschen spielen können.“ Politisch erwartet Nielsen nichts: „Die haben doch selbst kein Geld!“ Was Verantwortliche aber tun könnten, ist, Institutionen und ihr soziales Engagement weiter publik machen – denn Missstände totschweigen ist das, was am meisten schadet. „Aber da“, sagt Nielsen, „hat sich zumindest in Wuppertal auch dank der Medien einiges getan.“ JENNIFER ABELS Freitag, 24. Juli 2009KommunalwahlBELLENDE BÜRGERMEISTER KOMMUNALWAHL IN ZEITEN DER KRISE ![]() Lieber ein junger Bell oder ein bellender Jung? Jene Formulierung ist, kennt man die beiden Oberbürgermeisterkandidaten der ehemals großen Volksparteien, natürlich völlig schräg und hat mit der Realität nichts zu tun. Aber manchmal kann die Magie eines Wortwitzes erst gebrochen werden, wenn er gedruckt wird – was hiermit geschehen ist. Danach aber müssen sofort die Richtigstellungen folgen. Natürlich: Jung bellt nicht! In den fünf Jahren seiner Amtszeit stellte sich der gelernte Bankkaufmann als Vermittler, als Zuhörer und Bürgerversteher dar. Kein Patriarch alten Schlages, eher ein freundlicher Manager der Wuppertal-AG möchte er sein. Auch repräsentiert er nicht den reaktionären Haudegen. Zwar in der CDU beheimatet, aber irgendwie doch für alle ist P.J. da. Auf die Frage, ob er auf den berühmten Sohn seiner Stadt, den Co-Erfinder des Marxismus‘, stolz sei, antwortet er trotzig mit „Ja“. Friedrich Engels sei falsch interpretiert worden, inhaltlich eher ein Vorläufer von Norbert Blüm als von Josef Stalin. Also: Jung bellt nicht. Zuweilen aber knurrt er, und zwar in Richtung Landesregierung. Das hat er sich von Düsseldorfs verblichenem OB David abgekupfert. Kleiner Unterschied: Während die Düsseldörfler durch Verscherbeln des kommunalen Tafelsilbers als seriösere und solvente Herren dastehen, muss Wuppertal beim Rüttgers-Club zuweilen als Bittsteller auftreten. Bellende Hunde beißen nicht. Trotzdem unsere Empfehlung: Peter Jung ist unbedingt wählenswert. Dietmar Bell ist zwar jünger als Jung. Aber ist Bell jung? Er ist Gewerkschaftsfunktionär von ver.di. Er kennt die Nöte der kleinen Leute, vertritt die Interessen der Menschen, die für drei Euro pro Stunde ihre Nachtschichten schieben müssen. Aber beherrscht er mehr als das alte tarifrechtliche Instrumentarium von Trillerpfeife bis Arbeitsgerichtsprozess? Die Massengewerkschaft gilt heutzutage nicht gerade als Quell innovativer Ideen. Was wir auf jeden Fall festhalten möchten. Bell ist auch jünger als sein möglicher Vorvorgänger Hans Kremendahl. Im Falle seiner Wahl wird Bell nicht mit Korruptionsvorwürfen zu kämpfen haben. Wo es keine öffentlichen Aufträge mehr gibt, gibt es auch nichts mehr zu korrumpieren. Unser Fazit also: Dietmar Bell ist unbedingt wählenswert. Und dann gibt es noch Lorenz Bahr. Gäbe es die Möglichkeit einer Stichwahl nach der Wahl des Bürgermeisters oder hätten sich die Sozis zusammen mit den Grünen auf ihn geeinigt, Bahr hätte reale Chancen. So aber ist der quirlige Sozialmanager bloßer Zählkandidat wie im Frühling Peter Sodann von den Linken bei der Bundespräsidentenwahl. Es reicht gerade, Dietmar Bell genügend Stimmen wegzunehmen, um ein symbolisches Zeichen zu setzen. Oder gelingt gar ein Wunder an der Wupper, und wir wählen mehrheitlich Öko? Egal wie: Lorenz Bahr ist unbedingt wählenswert. Der Souverän kann mit seiner Stimme nur begrenzt das Leben in der Stadt beeinflussen Natürlich sind dies, mit Ausnahme der rechten Republikaner und der rechtsradikalen NPD, alles Kandidaten und Parteien. Dies gilt nicht nur, weil es eine demokratische Binsenweisheit ist. Sondern auch weil der Souverän mit seiner Stimmabgabe nur sehr begrenzt das Leben in der Stadt beeinflussen kann. Viel Geld ist nicht mehr zu verteilen. Der Regierungspräsident in Düsseldorf wacht unerbittlich über unser Stadtsäckl. Pflichtausgaben, die durch EU-, Bundes- und Landesgesetze auf die Stadt zukommen, müssen zuallererst abgearbeitet werden. Auch müssen die bereits genehmigten und im Bau befindlichen Projekte mit Geld bedient werden. Denen droht zunächst also auch keine Gefahr. Aber alles, was als freiwillige Aufgabe der Kommune definiert wird, steht in Zeiten der Wirtschaftskrise zur Disposition. Und unter freiwillige Leistungen fällt zu einem großen Teil die Kulturförderung. Die Parteien halten sich vor der Wahl wohlweislich bedeckt, sagen nicht, welcher Zuschuss im Falle ihres Wahlsieges gestrichen wird. Aber ob eine andere Ratsmehrheit tatsächlich andere Prioritäten setzen wird? Oft werden Entscheidungen herbeigekungelt. Im Sinne von: Stimmst du für meinen Sportverein, stimme ich für dein Theater. Eine andere Möglichkeit wäre, nach dem Gießkannenprinzip, oder treffender formuliert, nach dem Rasenmäherprinzip zu verfahren. Alle bekommen X Prozent weniger. Eine inhaltliche Diskussion, welche Kultur in der Stadt welche Zuschüsse benötigt, wird im Rat und im Fachausschuss wahrscheinlich auch in der nächsten Legislaturperiode nicht stattfinden. Eine große Entscheidung wird allerdings anstehen. Soll das Schauspielhaus wieder öffnen? In der Lokalzeitung wird bereits gemunkelt, dass für die Grundsanierung des Hauses in der Post-Bausch-Ära kein Geld mehr da ist. Die neuen Intendanten Christian von Treskow und Johannes Weigand hoffen darauf, dass nach dem Tod der Tänzerin der Bedarf an ihrem Tanz steigt. Michael Jacksons Tonträger verkaufen sich ja auch besser, seit er tot ist. Aber mit solch makabren Gedankengängen sollte man Politiker vor der Wahl besser nicht kommen. Text / Interviews: Lutz debus DEAR MR. PRESIDENT ... ANLÄSSLICH DER KOMMUNALWAHL MÖCHTE ENGELS KULTURVERANSTALTERN DER STADT DIE MÖGLICHKEIT GEBEN, ZU WORT ZU KOMMEN ![]() „KULTUR FÜR ALLE“ Wuppertal ist eine Stadt mit einem vielfältigen Kulturangebot. Neben Tanztheater, Schauspiel, Oper, Orchester und Von der Heydt-Museum gibt es zahlreiche Veranstaltungsorte, Galerien und künstlerische Initiativen. Soziale Kulturarbeit in den Stadtteilen für den Dialog zwischen unterschiedlichen Generationen, Nationalitäten und sozialen Schichten ist ebenfalls wichtiger Bestandteil. Diese bunte freie Szene prägt das kulturelle Leben maßgeblich. Das breite Kulturangebot in Wuppertal sollte auch in Krisenzeiten als Pfund angesehen werden, mit dem die Stadt wuchern kann. Kulturschaffende und Kreative machen das Leben hier attraktiv und lebenswert. Kultur- und Kreativwirtschaft sind inzwischen durchaus ernst zu nehmende Wirtschaftsfaktoren, sie fördern die Wettbewerbsfähigkeit von Städten und Regionen. Ich erwarte von allen Parteien und Bürgermeisterkandidaten, dass sie sich für den Erhalt unsere Kulturlandschaft einsetzen! Petra Lückerath, Geschäftsführung und Programmplanung von Die Börse „POLITIKER KOMMEN UND GEHEN GESEHEN“ Nach nunmehr 30 Jahren in der Wuppertaler Kultur habe ich viele Politiker und Oberbürgermeister kommen und gehen sehen. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie ein Bewusstsein dafür hatten, wie wichtig die Kultur für die Stadtentwicklung, Lebensqualität und Außenwirkung ist. Die Prioritätensetzung dabei ist immer wieder Anlass zu Diskussionen gewesen, aber Kultur sollte sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Ich bin jedoch kein Freund hoher Subventionen – die das Rex ja weiß Gott auch sowieso nicht bekommt – und lege mehr Wert darauf, eine Verwaltung und Politik zu haben, die mir Wege ebnet, meine Arbeit nicht mit unnötigen Auflagen behindert und mit mir Visionen entwickelt. Das halte ich für wertvoller als einen Subventionstropf, der – und da mache ich keinen Unterschied zwischen Kultur und Wirtschaft – nicht aus sich selbst heraus funktionierende Arbeit in einem Maße unterstützt, dass es eigentlich egal ist, ob noch produziert wird oder nicht. Krisen sind auch Chancen, und ich würde mir von allen OB-Kandidaten wünschen, dass sie angesichts des Strukturwandels auch neue Wege gehen. Denn ohne innovatives Denken wird in Wuppertal sonst nicht mehr viel übrig bleiben, und ich glaube, das ist den Kandidaten bewusst. Martina Steimer, Rex-Theater „MAN KANN SICH DIE WAHL SCHENKEN“ Vor wenigen Wochen wurde eine Haushaltssperre verhängt. Nun fordert die Bezirksregierung, so zu lesen in der WZ vom 25.6., dass der Kämmerer bis zum 30.6. sein Sparpaket vorlegen muss. Geschieht das nicht, so ist es denkbar, dass wie bereits in Oberhausen u.a. nun auch hier möglicherweise freiwillige Leistungen und sogar sogenannte Pflichtaufgaben kassiert werden. Die Bezirksregierung regiert so faktisch die Stadt. Also ist es eigentlich egal, welche Partei man bei den Kommunalwahlen wählt. Der Rat der Stadt Wuppertal wird nichts mehr zu bestimmen haben. Es stellt sich hier die Demokratiefrage, soll heißen, dass eine eigenständige kommunale Selbstverwaltung nicht mehr möglich ist. Lohnt es sich dann überhaupt noch, Ratssitzungen abzuhalten, wenn es denn nichts mehr zu bestimmen gibt? Auch könnte man zynisch sagen, dass man sich die Wahl schenken könnte. Wuppertal würde doch faktisch eh von Düsseldorf regiert. Dort entscheiden Leute nach Aktenlage, ohne die Verhältnisse vor Ort zu kennen. Es ist zu befürchten, dass unwiederbringlich Einrichtungen und Initiativen zerstört werden. Wenn nun gesagt wird, dass freiwillige Leistungen gestrichen werden, dann könnte das übrigens nicht nur die Färberei, sondern unter Umständen auch die Oper, das Tanztheater und viele andere Kultureinrichtungen betreffen. Peter Hansen, Die Färberei Komm.zentrum f. behinderte u. nichtbeh. Menschen „WUPPERTAL PACKT ES AN!“ Wuppertal ist im Umbruch. Bedauerlicherweise prägen die Schlagzeilen der lokalen Zeitungen vorwiegend die Themen Überschuldung, Zwangsverwaltung, Schrumpfung; aber Wuppertal, seine Bürger und seine Politiker fangen an, es selbst in die Hand zu nehmen. Große Projekte wie die Nordbahntrasse, der lange Tisch und der Kunst Cluster werden realisiert. Besonders freut mich, dass es auch der aktuellen Stadtführung gelungen ist, mit der Realisierung des Großprojektes Döppersberg zu beginnen. Sozial schwächere Stadtgebiete wie Wichlinghausen müssen vor allem durch nicht-investive Maßnahmen gefördert werden, denn ein gelungener Empfang am Hauptbahnhof lohnt nur bei einer insgesamt lebenswerten Stadt. „Wuppertal wehrt sich!“ ist hier zentral. Die mir bekannten Kandidaten finden Programme und Maßnahmen wichtiger als parteipolitische Pietäten; auch die ersten Wahlplakate überzeugen durch inhaltliche und gestalterische Qualität. Wuppertal und seine Politiker scheinen es anzupacken. Weiter so! Thilo Küpper, Veranstalter Kunst Cluster ELBA-Fabrik ![]() DIE BÜRGERSCHAFT IST GEFRAGT TROTZ DER SPARZWÄNGE KÖNNEN DIE STADTTEILE ATTRAKTIVER WERDEN Manche Wähler mögen noch Hoffnung in sich tragen, dass sich ihre Stadt ab Ende August mit den richtigen Politikern in die richtige Richtung bewegt. Gertrud Heinrichs, Abteilungsleiterin Stadtteilarbeit in Wuppertal, sieht das anders. „Die Politiker hier werden auch nach der Kommunalwahl fast keine Spielräume haben, etwas zu bewegen. Da könnten sie sich noch so viele Widerstände überlegen – das bringt nichts.“ Viele Rahmenbedingungen, etwa mit Blick auf den Döppersberg-Umbau, seien bereits jetzt „so festgezurrt, dass sich Szenarien nicht mehr ändern. Egal welche Partei die Mehrheit bekommt.“ Darauf müssten sich die freien Träger wie auch die Bürger einstellen. Allenfalls sei in punkto Haushaltssicherungskonzept Bewegung möglich, überlegt Heinrichs – aber auch dabei „sind die Verschiebemöglichkeiten von einem Topf in den anderen so gering, dass sich am Ende sowieso nichts ändert“. Chancen für Wuppertal und seine Projekte für Stadtteilentwicklung indes sieht Heinrichs da, wo Bürger Einsatz zeigen. Wenn die Stadt notwendige Eigenanteile für Maßnahmen zugunsten des Stadtbilds und des Zusammenlebens nicht aufbringen kann, seien Bürger gefordert, die Mittel zusammenzutragen. Unter anderem die Nordbahntrasse und das Freibad Mirke seien Beweise dafür, dass es sich lohnt, für eine Sache zu kämpfen, und dass auch Privatpersonen ausreichend Energien aufbringen könnten. „Initiativen sind gefragt“, sagt Heinrichs – und in dem Zusammenhang wünscht sie sich, dass die politischen Vertreter vor Ort ihre Bande zu den Wuppertaler Bewohnern ganz eng knüpfen und eben solchen Initiativen den Weg ebnen. TONIA SORRENTINO Stadtteilarbeit Das Stadtteilbüro Ostersbaum ist eines der vielen Projekte des Stadtumbaus West, die von der Streichung der Landesmittel betroffen sind. Noch bis Ende kommenden Jahres ist der Betrieb des Stadtteilbüros gesichert – was danach kommt, ist Gertrud Heinrichs zufolge bisher nicht abzusehen. Das Stadtteilbüro setzt sich dafür ein, den Ostersbaum für seine Bewohner attraktiver und lebenswerter zu machen, unter anderem mit offenen Treffs, Festen und Umgebungsverschönerungen. Träger des Stadtteilbüros ist das Nachbarschaftsheim. ES MUSS EIN UMDENKEN STATTFINDEN DER GRÜNDER DER BANDFABRIK FORDERT EINEN WECHSEL IN DER KULTURFÖRDERUNG Als Erhard Ufermann vor zehn Jahren den Kulturverein „bandfabrik“ ins Leben rief, stieß seine Idee zwar auf Zustimmung, gleichzeitig aber auch auf große Skepsis. Langerfeld sei einfach zu abgelegen. Doch genau das wollte Ufermann ja: eine Einrichtung, die Kunst und Kultur aus der Innenstadt heraus in die Teile der Städte holt, in denen die Menschen leben – fußläufige Kultur eben. Außerdem wollte Ufermann mit dem Verein marginalisierten Menschen eine Anlaufstelle bieten. Als „Knastpfarrer“ war der studierte Theologe 19 Jahre lang in der JVA Wuppertal tätig und hat Inhaftierten mit kulturellem und künstlerischem Schaffen geholfen, sich aus ihrer Isolation zu befreien. „Die Menschen bekommen mit kultureller Arbeit die Möglichkeit, sich auf kreative und innovative Weise auszudrücken und neu zu integrieren“ sagt Ufermann. Deshalb arbeiten seither Haftentlassene, aber auch Langzeitarbeitslose und Drogenabhängige auf ehrenamtlicher Basis in der bandfabrik. Trotz des großen Engagements ist die Arbeit aber alles andere als einfach. Auf niedrigstem finanziellen Niveau kämpft die bandfabrik seit Jahren ums Überleben. Langzeitarbeitslose und Drogenabhängige arbeiten ehrenamtlich in der bandfabrik Projektbezogene Förderungen bekommt der Verein zwar, aber oft reichen die Mittel gerade, um die Portokosten für Einladungen zu decken. „Die Stadt hat noch nicht begriffen, dass nicht nur Hochkultur die Lebensqualität steigert und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden ist, sondern auch die Freie Szene sehr viel Potential bietet, das es zu unterstützen gilt.“ Selbstverständlich weiß Ufermann, dass es weder kleine noch große Kultureinrichtungen leicht haben. „Aber es muss ein Umdenken stattfinden“, meint er, „solange bis zur Bewegungsunfähigkeit gespart wird, wird nichts passieren – leider werden daran aber auch die Wahlen nichts ändern.“ Ans Aufgeben denkt in der bandfabrik trotz allem niemand: Mit Unterstützung der Stadtsparkasse, einigen Einzelhändlern und der großen Hilfe der ehrenamtlich Beschäftigten feiert der Verein vom 6. bis 9. August seinen 10. Geburtstag – am Rand von Wuppertal und mit viel außergewöhnlicher Kultur. JENNIFER ABELS Freitag, 26. Juni 2009DIE NORDBAHNTRASSEÜBER DEN DÄCHERN DIE NORDBAHNTRASSE VERBINDET WUPPERTAL UND SPALTET DIE WUPPERTALER ENGELS-THEMA IM JUlI:
Der Riese von Wichlinghausen, Foto: Tonia Sorrentino In einem Jahr wird der spektakuläre Fuß- und Radweg eröffnet. engels schaut in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Strecke. Es kommen Befürworter und Skeptiker zu Wort. Ein Ortstermin führt beispielhaft zur bereits bestehenden Samba-Trasse, die zuvor einmal Straßenbahnlinie war. Und es wird zum Viadukt nach Wichlinghausen-Süd spaziert. Mary Poppins und Alice im Wunderland – in diesen wunderbar abgedrehten Märchen der englischsprachigen Literatur können Teetassen und Kaninchen sprechen, die Handlung findet an der Wohnzimmerdecke statt, die wahre Liebe hingegen zwischen Schornsteinen. Wahrscheinlich stand bei diesen Werken die Stadt Wuppertal Patin. Straßenbahnen fahren hier schon seit über hundert Jahren auf dem Kopf. Und im kommenden Jahr soll es möglich sein, zu Fuß, mit Inlinern und mit dem Fahrrad über den Dächern der Bergischen Metropole zu reisen. „DER ATTRAKTIVSTE RADWEG DER WELT“
So soll die Nordbahntrasse im kommenden Jahr aussehen, Foto: Fotomontage Wuppertalbewegung engels: Herr Gerhardt, wird Wuppertal mit Fertigstellung der Nordbahntrasse Ökotopia? Zur Person: INTERVIEWs: LUTZ DEBUS „EINE DISKUSSION MUSS ERLAUBT SEIN“ engels: Herr Liesendahl, was flattert in Wuppertaler Tunneln? Zur Person: LAUFEN MIT LÖWENGEBRÜLL
Sambatrasse - kein Tiger im Tank, Foto: Jennifer Abels Da ertönt der kreischende Ruf eines Affen, jäh schreit dort ein exotischer Vogel – plötzlich wird das Gebrüll eines Löwen laut! Was nach wilder Dschungelsafari klingt, ist tatsächlich ein Spaziergang mitten im Herzen des Bergischen Landes – auf der Samba-Trasse in Wuppertal, die über Teile der Gehege des Wuppertaler Zoos führt. Seit drei Jahren wird der rund elf Kilometer lange Rad- und Wandererlebnisweg neben dem jährlichen Sambatrassenlauf für viele sportliche Aktivitäten genutzt. Radfahrer, Jogger, Nordic-Walker und Spaziergänger tummeln sich hier bei schönem Wetter. Die Wuppertaler lieben die Trasse aber nicht nur, weil sie fast ohne Steigung und ihrem Waldboden die ideale Strecke für sportliche Aktivitäten bietet. Die Anwohner genießen besonders das viele Grün in unmittelbarer Nähe zur Stadt.
EIN RELIKT VERSTECKT SEINE GESCHICHTE Majestätisch, aber auch gleichsam unbeholfen reckt sich das Viadukt über die Straßen im Stadtteil Wichlinghausen-Süd einem mit grauen Wolken verhangenen Sonntagshimmel entgegen. Von Weitem erinnert es an ein großes Säugetier, das sich seinen Weg durch die aus seiner Perspektive mäusegroßen Gassen bahnt, bemüht, nichts zu zertrampeln und mit spitzen Zehen nur da aufzutreten, wo die niemals endende Städtebebauung ein wenig Luft gelassen hat. Nähert man sich dem denkmalgeschützten Bauwerk, schwindet der Anteil seiner faszinierenden Anmutung, als habe es aufgegeben, zufällige Passanten beeindrucken zu wollen: Verwaschen wirkt die Oberfläche der einst wohl leuchtend roten Ziegelsteine, die sich von der Straße in die Höhe türmen und dem Viadukt seine charakteristische Form geben. Von Graffiti überraschend stark verschont sammeln sich Schicht um Schicht Kalk und wetterbedingte Schwärze an den Steinen. Ein hässlicher Kontrast.
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