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Donnerstag, 17. Dezember 2009Wuppertal geht badenDIE DREIGROSCHEN-WASSEROPER DAS BÄDERSTERBEN WIRD ALS ALTERNATIVLOS DARGESTELLT ENGELS-THEMA IM Januar: WUPPERTAL GEHT BADEN Mit der in Aussicht gestellten Bäderschließung wird die Stadt trocken gelegt. Schwimmen war gestern, Sparen ist heute. Doch was bedeutet solch eine Haushaltssicherung für die Menschen hier?
Ob Oper oder Wasseroper, die Dramaturgie der großen Erzählungen von großen Projekten im Tal ähnelt sich: Alle Verantwortlichen und Repräsentanten der Stadt sind stolz auf ein großes verfallenes Haus. Es wird unter Zuhilfenahme der letzten Spargroschen und der letzten noch gewährten Kredite aufwändig saniert. Und während es feierlich eingeweiht wird, offenbart sich, dass die kleinen Häuser drum herum in einem ähnlich desolaten Zustand sind, für deren Reparatur allerdings kein Geld mehr vorhanden ist und sie deshalb wegen akuter Einsturzgefahr geschlossen werden. Früher nannte man solch ein Handeln „Großmannssucht“. Tatsächlich sind viele Politiker – nicht nur in Wuppertal – geneigt, sich mit aufwändigen Bauprojekten ein Denkmal zu setzten. Und viele Politiker versäumen es gerne, die weniger öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen wie regelmäßige Renovierungs- und Wartungsarbeiten, in Auftrag zu geben. So überraschte die Streichliste, die Oberbürgermeister Peter Jung Ende November der Öffentlichkeit präsentierte, nicht wirklich. Kein Jahr, nachdem das Opernhaus feierlich wiedereröffnet wurde, wird bekannt, dass das Schauspiel keine Zukunft mehr hat. Und einen Monat, bevor die zugegebenermaßen zentrale und repräsentative Schwimmoper wiedereröffnet wird, erfährt der Rat der Stadt von dem Aus für die kleineren Badeanstalten der Stadt. Von den selbstgeschaffenen Sachzwängen getrieben stellt sich die Verwaltungsvorlage zum Haushaltssicherungskonzept als alternativlos dar. Sparen wird zur Maxime des Handelns. HARTZ-IV EMPFANGENDE FAMILIEN SIND ZWISCHEN PALMENSTRAND UND PIRATENSCHIFF SELTEN ANZUTREFFEN Alternativlos sind die Vorschläge der Verwaltungsspitze natürlich nicht, sondern sie offenbaren eine knallharte politische Linie. Die Zuschüsse zur Oper sind weit höher als zum Schauspiel. Und gemessen an den Geldern, die zum Wiederaufbau des Opernhauses verwendet wurden, erscheinen die Zuschüsse für die öffentlichen Bäder als Peanuts. Im Schnitt ergibt sich in Wuppertal ein Zuschussbedarf pro Besucher von gut 8 Euro für die Hallenbäder, knapp 12 Euro für die Freibäder. Solch eine Bezuschussung würde für jede Oper im Lande das sofortige Aus bedeuten. Dabei geht es nicht darum, die verschiedenen Empfänger städtischer Gelder gegeneinander auszuspielen. Aber es muss klar benannt werden, welcher Teil der Bevölkerung bei den in Aussicht gestellten Sparplänen die Hauptlast zu tragen hat. Von der Schließung der Bäder in Vohwinkel und Ronsdorf sind vor allem Menschen betroffen, die sich nicht schnell ins eigene Auto setzen können, also Kinder, Ältere und Ärmere. Reichere können in die Schwimmoper fahren oder gar in ein Spaßbad wie die „Waterworld Bergische Sonne“. Allerdings kostet dort das Badevergnügen pro Person mindestens 10 Euro. Kinderreiche Hartz-IV empfangende Familien sind zwischen Palmenstrand und Piratenschiff selten anzutreffen. Die Privatisierung ursprünglich öffentlicher Aufgaben, die vor der Finanzkrise bei den Kommunen hoch im Kurs stand, rächt sich. Abgesehen davon, dass die privat betriebenen Spaßbäder dazu führen, dass viele Kinder nicht mehr richtig schwimmen lernen, zeigt sich, dass viele Betreiber trotz gepfefferter Preise ökonomisch mit dem Rücken zur Wand stehen. Im November musste die Bergische Sonne für einige Tage schließen, weil die GmbH ihre Strom-, Gas und Wasserrechnung bei den Wuppertaler Stadtwerken nicht rechtzeitig bezahlen konnte. „Ein Kommunikationsproblem“, so nannte die Geschäftsführung des Freizeitbades die kurze Unterbrechung des laufenden Betriebes. Insider hingegen geben dem Spaßbad höchstens noch ein Jahr. Demzufolge wären die Betonbienenwaben eher Ruine als die städtischen Bäder im Westen. Die Stadt droht, zu verlanden. Und zu verfetten, zu verkalken und zu erstarren. Schwimmen ist gesund. Dies erkannten in der jungen Bundesrepublik die Politiker und ließen flächendeckend Badeanstalten errichten. Ein viereckiges Becken in jedem Stadtteil, so wussten damals schon die Verantwortlichen, ist letztlich günstiger als eine kranke Bevölkerung. Aber seit sich der Staat immer mehr zurückzieht, gibt es auch keine neuen öffentlich geförderten Bäder. Und die Alten leiden an Altersschwäche. Der für den Sport zuständige Beigeordnete Matthias Nocke bezeichnet den Zustand der Technik in vielen Freibädern als „abgängig“. Die Filter- und Pumpenanlagen sind veraltet. „Das muss man sich vorstellen wie in den alten Seekriegsfilmen, in denen der ölverschmierte Maschinist unter Deck mit dem Ölkännchen rumläuft und mit alten Nylons die Transmissionriemen ersetzt“, erklärt Nocke die Situation äußerst plastisch. Was also ist zu tun? Gerade veraltete Technik lädt dazu ein, völlig Neues zu probieren. Statt immer nur zu streichen und zu schließen, müssten die Verantwortlichen der Stadt neue Konzepte entwickeln. Im hochverschuldeten Gelsenkirchen kauften sich kürzlich die Stadtwerke Anteile von Deutschlands größter Turnhalle namens Schalke-Arena. Warum also sollten nicht die WSV die Bäder erwerben und sie ökologisch aufrüsten? Pläneschmieder hierfür gäbe es genug: Wuppertal-Institut, Energieagentur, Bergische Uni und Barmer Ersatzkasse – bitte übernehmen Sie! Lutz debus „BADEUNFÄLLE NEHMEN ZU“ KURT REISWIG ÜBER DIE BÄDERSCHLIESSUNG AUS SICHT DER DLRG
engels: Herr Reiswig, was für Auswirkungen hat die geplante Bäderschließung für die DLRG? Kurt Reiswig: In Vohwinkel und Ronsdorf werden die Hallenbäder von jeweils einer DLRG-Gruppe benutzt. Wir bilden dort bis zum Rettungsschwimmer aus. Wenn wir in den anderen Bädern nicht mehr Wasserzeit bekommen, hat dies eine deutliche Verringerung unseres Angebotes zur Folge. Eine andere große DLRG-Gruppe nutzt das Polizeischwimmbad. Dort droht in einigen Jahren ebenfalls die Schließung. Wenn zwei städtische Bäder und ein Bad des Landes dicht machen, kann die DLRG in Wuppertal bis zu 1.000 Mitglieder verlieren. Sie bilden nur Lebensretter aus? Nein, eine weitere wichtige Aufgabe ist die Schwimmausbildung von Kindern. Warum ist das wichtig? Wuppertal liegt nicht am Meer. Die Bevertalsperre ist ein hervorragendes Freizeitgewässer. Und durch die Mobilität vieler Eltern kommen Kinder schon aus Wuppertal hinaus und auch mit großen Gewässern in Berührung. Und wenn man dann nicht schwimmen kann, bekommen Sie als Lebensretter Arbeit. Nicht nur wir. Wasserunfälle enden oft mit schweren Folgen, wenn wir nicht rechtzeitig zur Stelle sind, nicht selten auch tödlich. Hat die Anzahl der Badeunfälle in Deutschland zugenommen? Ja, besonders in der Altersgruppe der Unter-10Jährigen und der Menschen über 60. Welche Ursache hat dieser Anstieg bei Kindern? In den letzten Jahren wurden bundesweit zahlreiche Hallenbäder geschlossen. Viele dieser Hallenbäder sind in private Trägerschaft überführt worden und zu Spaßbädern umgebaut worden. Hier ist Schwimmausbildung nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht mehr möglich. Und durch die Schließung von Bädern weichen die Menschen im Sommer auch auf unbeaufsichtigte Gewässer aus. Auch an der Bevertalsperre nehmen die Badeunfälle zu. Bislang ist es erst zu einem tödlichen Unfall gekommen. Gibt es denn noch Hoffnung für die Bäder in Wuppertal? Wenn die verschuldeten Städte in den alten Bundesländern nicht mehr die Solidaritätsabgabe Richtung Osten zahlen müssten oder von den Altschulden befreit würden, wäre für den Erhalt der Schwimmbäder genug Geld da. Zur Person Kurt Reiswig (61) ist Bezirksleiter der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) des Bezirks Wuppertal. „ÜBERGEWICHT KOSTET 20 MILLIARDEN EURO“ GABRIELE MAHNERT ÜBER DIE POSITION DER GRÜNEN ZU DEN PLÄNEN DER VERWALTUNG engels: Frau Mahnert, gehen die Grünen gerne baden? Gabriele Mahnert: Sie gehen in der Regel gern schwimmen. Das macht Spaß und ist gesund. In Wuppertal wird es schwieriger werden, dafür die entsprechende Anstalt zu finden. Nicht nur für die Grünen, sondern für die gesamte Bevölkerung. Besonders Kinder und Jugendliche sind von den Schließungsplänen betroffen. In Vohwinkel gibt es 12 Schulen, in Ronsdorf sechs. Wenn es im Westen kein Schwimmbad mehr gibt, dann müssen die Kinder mit Bussen in andere Stadtteile gebracht werden. Als das Bad in Ronsdorf wegen Sanierungsarbeiten vorübergehend geschlossen wurde und die Kinder ins Schwimmleistungszentrum gebracht werden mussten, blieben für den Schwimmunterricht nur noch fünf bis zehn Minuten. Wie wollen die Grünen das verhindern? Die Grünen in NRW haben vor Jahren bereits eine Sportstättenförderung zur Diskussion gestellt. Das Problem gibt es ja auch in anderen Kommunen und bezieht sich auch auf Turnhallen und Sportplätze. Mit welchen Folgen rechnen Sie, wenn der Schwimmunterricht ausfällt? Im Herbst vergangenen Jahres musste die Landesregierung zugeben, dass in NRW jede zweite Sportstunde ausfällt. Bis zu 80 Prozent aller Schülerinnen und Schüler leiden unter Haltungsschäden und bis zu 30 Prozent sind übergewichtig. Es geht aber nicht nur um junge Menschen, sondern auch um ältere. Schwimmen erhält die Gesundheit und ist zudem eine relativ preiswerte Sportart. Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist der Erhalt eines Schwimmbades günstiger als die Behandlung der durch Bewegungsmangel verursachten Krankheiten. Allein Übergewicht in Deutschland kostet 10 bis 20 Milliarden Euro jährlich. Was ist falsch gemacht worden, dass jetzt dieses Bädersterben droht? Wuppertal hat noch überdurchschnittlich viel Schwimmfläche. Aber es fehlt eine Bäderplanung für das gesamte Stadtgebiet. Vor Jahren hätte man noch die Gelder gehabt, die Schwimmstätten im Osten und im Westen zu erhalten, um eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. INTERVIEWS: LUTZ DEBUS Zur Person Gabriele Mahnert (48) ist Stadtverordnete der Grünen und Mitglied im Sportausschuss des Rates. ABSCHIED AUF RATEN DIE MENSCHEN IN VOHWINKEL WOLLEN IHR HALLENBAD BEHALTEN
ABSCHIED AUF RATEN DIE MENSCHEN IN VOHWINKEL WOLLEN IHR HALLENBAD BEHALTEN Morgen kann er nicht ins Schwimmbad. „Am Sonntag, den 6.12.09, bleibt das Bad wegen Personalmangels geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis“, lautet ein handgeschriebener Zettel an der Eingangstür, direkt neben dem lustigen Fisch mit der Sonnenbrille, den seine Enkelin so mag. „Hier habe ich ihr schwimmen beigebracht“, erzählt der Vohwinkeler. Seitdem nimmt der ältere Herr das kleine Mädchen manchmal mit, wenn er seine Bahnen zieht. Er selbst habe Schwimmen damals auch im Stadtteil gelernt, als Kind, mit fünf Jahren müsse das gewesen sein, das weiß er noch, im Sommer, im Freibad, Nichtschwimmerbecken. „Die ersten unsicheren Züge, noch unkoordiniert hechelnd. Stolz wie Oskar war ich damals.“ Nach der Freibadsaison ging es im Hallenbad weiter. „Schwimmen, das war von Anfang an mein Ding.“ Es bereite ihm Freude, damit bleibe er fit. Um Wettkampfambitionen ging es nie, „jetzt im Alter sowieso nicht“. WENN DAS BAD SCHLIESST, GEHT EIN STÜCK FAMILIE VERLOREN Das verhaltene Lächeln verschwindet von seinem Gesicht. Wie soll es weitergehen? Die Frage lässt viele Vohwinkeler nicht mehr los. Ihre Hoffnung ruht auf einer Unterschriftenliste. Ein dicker Block, Din A4, liegt auf dem Drehkreuz direkt am Kasseneingang, ein weiterer ist schon voll. „Wir müssen unser Möglichstes tun. Die Schließung trifft alle Schwimmer hart. Jeder hat seine Geschichte. Wussten Sie, dass allein sechs bis elf Schulklassen an jedem Wochentag hier schwimmen?“ Eine Alleinerziehende bringt sich ein. „Ich komme mit meiner Tochter immer zu Fuß hier hin.“ Auch ihre Tante sei regelmäßiger Gast, schon immer. „Was ist die Alternative? Fahrten in ein anderes Hallenbad können wir uns zeitlich und finanziell nicht erlauben“, klagt die Mutter. In ihrer Stimme schwingt Panik mit. „Wenn das Bad schließt, geht ein Stück Familie verloren.“ Der Mann indes hängt seinen eigenen Gedanken nach, betrachtet das Schild, das ihm am Nikolaustag den Eintritt in sein geliebtes Bad vereitelt. „Wie ein Abschied auf Raten“, murmelt er. Am Dienstag kann er wieder frühmorgens seine Bahnen ziehen. Aber es ist nicht mehr dasselbe. TONIA SORRENTINO WELTMEISTERLICH LEISTUNGSSCHWIMMER SIND IM TAL ZU HAUSE Nach dem Seepferdchen sollte noch längst nicht Schluss sein. Beim SV Bayer Wuppertal als führende Sportadresse in der Stadt gibt es 15 Abteilungen von Basketball bis Volleyball – doch ausgerechnet die Schwimmer sind mit zwei Bundesliga-Teams der Damen und Herren unbestritten die erfolgreichste Sparte. „Dies ist eindeutig unser Aushängeschild im Bereich Leistungssport“, sagt Oliver Nitschke, auf der Geschäftsstelle im Bayer-Sportpark am Sonnborner Ufer zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Ob eine Olympiateilnehmerin wie Sarah Poewe oder ein vielleicht künftiger Olympia-Kandidat wie die 17 Jahre alte Nachwuchshoffnung Christian von Lehm – von den Grundschulkindern an ist bei den Kursen ein klares Ziel erkennbar: „Frühzeitig Talente fördern und an die Spitze zu bringen“, ergänzt Nitschke. Während die Leistungskader im modernen Schwimm-Leistungszentrum Küllenhahn ihre Bahnen ziehen, sollen die Anfänger- und Breitensportgruppen bald in die Schwimmoper zurückkehren. Das architektonisch auffällige und denkmalgeschützte Bad wurde bis Jahresende 2009 mit Millionenaufwand renoviert und ist als Austragungsort für die Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften im November 2010 fest eingeplant. SENIOREN-KRAUL-WELTMEISTER JOCHEN BRUHA HÄLT SEIT MEHREREN JAHREN EIN DUTZEND REKORDE Auch der ASV Wuppertal hat im Bereich Schwimmen einen klingenden Namen, die Abteilung kann in Geschäftsführer Jochen Bruha sogar einen Senioren-Kraul-Weltmeister vorweisen. Außerdem hält der 40Jährige immer noch seit mehreren Jahren ein Dutzend Vereinsrekorde. „Vom Kleinkinderangebot über die Jugend-Wettkämpfe bis hoch zu den Masters für ehemalige Leitungsschwimmer sind wir breit aufgestellt. Durch unsere Kursvielfalt erfüllen wir nicht zuletzt auch einen breitensportlichen Auftrag“, betont Harald Graf, sportlicher Leiter vom ASV-Gesamtverein. Diese Absicht verfolgen auch viele andere Vereine unterhalb der Schwebebahn. So teilen sich der TSV Wuppertal 1887, der ATV Wuppertal 1860 aus Elberfeld und der TV Uellendahl jeden Mittwoch von 18 bis 21 Uhr für ihre Mitglieder das Schwimmbad Roettgen. FRANK-MICHAEL RALL Kommentare
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