
„Preiswürdig? Eduard von der Heydt und der Städtische Kulturpreis der Stadt Wuppertal“ am 10. Februar 2007 in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal
Von Ulrike Schrader
Die Frage, ob der Eduard von der Heydt-Preis weiterhin so heißen kann, bewegt viele kulturell, politisch und historisch interessierte Menschen. Genau in dieser Schnittmenge zwischen Geschichte, besonders des Nationalsozialismus, Kultur und Politik steht die Begegnungsstätte Alte Synagoge. Deshalb war es nur verständlich, wenn wir die Anregung aufgegriffen haben, hier eine Tagung zu veranstalten, um Zeit zu haben für einen Meinungsaustausch, für die Äußerung auch abweichender Meinungen und differenzierender Stimmen.
Von Anfang an war klar, dass einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am liebsten sofort in die Diskussion eingestiegen wären und gar nicht verstehen wollten, was es da noch zu verhandeln gab, da doch die Fakten klar und bewiesen auf dem Tisch lägen. Aber 1. konnte man nicht davon ausgehen, dass diese Fakten tatsächlich allen Anwesenden so bekannt und geläufig waren wie denen, die sich schon seit Jahren für den Fall von der Heydt interessieren, die dazu gelesen und geforscht hatten, und 2. ist es eine Sache, die Fakten zu kennen, und eine andere, sie zu bewerten und in politisches Handeln zu überführen.
Der Sinn des Tages bestand darin, in der heftigen Auseinandersetzung über die Streitsache „Eduard von der Heydt-Preis“ die Fakten, soweit bekannt, zu sammeln und zur Kenntnis zu nehmen und nachzuvollziehen, wie man bisher in der Frage der Widmungsgeschichte umgegangen war. Dazu zählen im Grunde auch andere Altlasten aus der NS-Zeit, denn Wuppertal ist mit seinen Kontaminationen keine Ausnahme. Denn es ist ein Irrtum zu glauben, dass mit der Lösung des Problems „Von der Heydt“ endlich Schluss sein könnte mit der unbequemen Vergangenheit – im Gegenteil: Er ist eher die Spitze eines Eisbergs.
Ohne Eifer und ohne Selbstgerechtigkeit sollte darüber nachgedacht werden, ob der Name Eduard von der Heydts wirklich der passende Name für den städtischen Kulturpreis sein kann oder besser: sein darf. Denn es ist klar, dass diese Frage eine moralische ist. Einmal skandalisiert, lässt sich das „Problem“, der Makel, den die Biografie dieses Kunstmäzens und Wohltäters unbestreitbar aufweist, nicht mehr gut unter den Teppich kehren. Wer das trotzdem tut, verdrängt die Vergangenheit nicht, sondern er verleugnet sie, und das ist keine Frage der Psychologie, sondern, im Extremfall, eine des Strafrechts.
Das Nachdenken orientierte sich zunächst am Lebensweg des Patrons und an der Frage, was Eduard von der Heydt nun an den entscheidenden Stationen seines Lebens getan hat, was er geleistet, und was er verbrochen hat. Zur Beantwortung dieser Fragen war Detlef Bell eingeladen. Detlef Bell hat nach einer Ausbildung zum Buch- und Offsetdrucker Neuere Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und 1994 seine Magisterarbeit über den Kunstmäzen Eduard von der Heydt geschrieben. Eine kürzere Fassung dieser Arbeit ist im Jahr 2001 in dem Buch über die Familie Von der Heydt erschienen, das die damalige Direktorin des von der Heydt-Museums, Dr. Sabine Fehlemann und der Kunsthistoriker Rainer Stamm gemeinsam herausgegeben haben. Seit sechs Jahren also kann man bequem nachlesen, wer Eduard von der Heydt war. Es spricht nicht für das Niveau der hiesigen Kulturszene, wenn festzustellen ist, dass selbst diejenigen, die in Sachen Von der Heydt-Preis lautstark ihre Meinung verkündet haben, Bells Text nicht kannten.
Dabei: Selbst wenn jetzt mit beeindruckender Gründlichkeit und in einem enormen Tempo von verschiedenen Seiten nach noch mehr und immer wieder neuem Belastungsmaterial gesucht wird, reichen die Ergebnisse von Detlef Bell vollkommen hin, um mindestens Bedenken an der Integrität und der charakterlichen Stabilität dieser Person anzumelden. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, steht auf einem anderen Blatt.
Im Anschluss an Detlef Bells Vortrag sprach der Direktor des Wuppertaler Stadtarchivs, Dr. Uwe Eckardt, und zwar über die zeitgenössische Situation in den 1950er Jahren.
Dr. Uwe Eckardt ist seit vielen Jahren bekannt und geschätzt als Leiter des Stadtarchivs Wuppertal. Er forscht zur Wuppertaler Stadtgeschichte und hat eine kaum übersehbare Anzahl an Arbeiten zur Wuppertaler Stadtgeschichte herausgegeben, darunter auch etliche zu Aspekten des Nationalsozialismus. Das Stadtarchiv ist eine bedeutende Fundgrube und unverzichtbar für diejenigen, die sich mit der Wuppertaler NS-Geschichte befassen. Mit Hilfe des Archivs sind wertvolle Datenbanken aufgebaut und Studien zu verschiedenen Aspekten des Nationalsozialismus realisiert worden.
Dr. Uwe Eckardt hat für die Tagung untersucht, wie es zur Benennung des Kulturpreises nach Eduard von der Heydt im Jahr 1957 gekommen ist. Außerdem hat er über die verschiedenen Ehrungen berichtet, die Eduard von der Heydt durch die Stadt erfahren hat. Das sind wichtige Fakten zur Frage, nach welchen Maßstäben die zeitgenössischen Kulturpolitiker und Entscheidungsträger diesen Menschen Eduard von der Heydt (und vermutlich auch andere Prominente) beurteilt und gewürdigt haben. Den zeitgenössischen Kontext der Inauguration zu kennen, bildet eine wichtige Voraussetzung zur Meinungsbildung heute und zur Bewertung des damaligen politischen Handelns. Dass manche Kommunalpolitiker heute Schwierigkeiten haben, sich von Entscheidungen aus den 1950er Jahren zu distanzieren, ist dabei allerdings eine Haltung, die jedem politischen Lernen den Garaus macht.
Vor allem in der Schweiz haben sich aus verständlichen Gründen einige Journalisten und Historiker mit Eduard von der Heydt befasst, schließlich lebte er dort, hatte sich einbürgern lassen, besaß ein großes Anwesen, den Monte Veritá im Tessin und hatte dem Museum Rietberg bei Zürich zahlreiche Bilder aus seiner Sammlung übereignet. Über Eduard von der Heydt schrieben u.a. Klaus Urner – in einer Studie von 1980 –, Peter Ferdinand Koch 1997, und nicht zuletzt veröffentlichte Francesco Welti 2006 eine allerdings nicht gerade Maßstäbe setzende Artikelserie in der „Tessiner Zeitung“.
Dr. Thomas Buomberger, der dritte Referent, kommt aus Winterthur und studierte nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann Geschichte, Publizistik und englische Literatur in Zürich. Er verfasste zahlreiche historische Dokumentationen, bei denen es immer wieder auch um rechtlich-moralische Fragen ging, z.B. bei Themen wie Raubgold oder Raubkunst. Im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Kultur erarbeitete er eine Studie über die Schweiz als Umschlagplatz für gestohlene Kulturgüter zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Zwischendurch war er für zwei Jahre Geschäftsführer einer Organisation, die auf der Basis von Städtepartnerschaften Projekte im ehemaligen Jugoslawien betreute. Außerdem ist er Mitglied in der Projektorganisation für ein Migrationsmuseum. Buomberger befasst sich in seinen Artikeln, Aufsätzen und Büchern immer wieder mit Fragen des Rechts und des Rechtsstaats sowie der Moral im Wirtschaftsleben, so z.B. im Rahmen einer historischen Analyse der „Überfremdungsdiskussion“ der letzten 50 Jahre.
Im Rahmen dieser Themenstellungen hat sich Dr. Thomas Buomberger auch mit der Biografie und den Transaktionen Eduard von der Heydts, besonders in seiner Schweizer Zeit beschäftigt, aber er berichtete auch über die Haltung der amerikanischen Gerichte.
Dr. Christian Schneider, der vierte und letzte Referent, hatte lange als Soziologe und Forschungsanalytiker im Schwerpunkt »Psychoanalyse und Gesellschaft« des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts gearbeitet. Seine Beiträge in der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, „Mittelweg 36“, befassen sich vor allem mit der Frage der Rezeption des Nationalsozialismus und des Nationalsozialismus als Generationenprojekt. 1996 Jahr gab er gemeinsam mit Bernd Leineweber und Cordelia Stillke das Buch „Das Erbe der Napola. Versuch einer Generationengeschichte des Nationalsozialismus“ heraus, und zur Zeit arbeitet er zu den Themen „Zeugenschaft des Nationalsozialismus“, über die Bilderflut des Nationalsozialismus und seiner Figuren in Spielfilm und Dokusoap und zum Problem des Fundamentalismus, und zwar in allen seinen Spielarten.
Als Soziologe und Psychologe gab er eine Einschätzung und Einordnung der Wuppertaler Debatte und ihrer Argumente, eine Unterscheidung zwischen juristischen, historischen und politischen Begründungen und konfrontierte das Publikum mit den unterschiedlichen Motiven, das Thema zu skandalisieren und sich darüber mehr oder weniger eifrig-eifernd zu erregen. Als Nicht-Wuppertaler konnte er einen nüchternen Blick von außen auf die Situation werfen und einen wichtigen Anstoß zur Reflexion der Diskussionsteilnehmer geben. Dieses Angebot stieß bei einigen Teilnehmern allerdings auf „Gemurre“ – so etwas scheint hier noch nicht üblich zu sein.
Es hatte den Anschein, dass die Atmosphäre der Tagung trotz des streitbaren Themas und der aus unterschiedlichsten „Lagern“ stammenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern friedlich und freundlich war. Auch wenn sich der Vorsitzende der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft und Initiator der Debatte, Hajo Jahn, während er Schlussdebatte gebärdete, als sei er der Veranstalter – unübersehbar stellte er sich vor dem Publikum auf – schien doch dem Streit die Spitze genommen und en Konsens hergestellt in der Frage, dass eine Umbenennung unumgänglich sein wird. Manchen aber ist der Streit lieber als die Sache einem Teilnehmer war es schlicht zu „harmonisch“. Auch ein wenige Tage später versendeter, miserabel geschriebener online-Artikel der „Neuen Rheinische Zeitung“ Nr. 82 versuchte „nachzutreten“ (war aber so fehlerhaft und redundant, dass er selbst Hajo Jahn trotz verblüffend gleicher Wortwahl nicht zuzuschreiben ist). Stefan Koldehoff veröffentlichte in der Süddeutschen Zeitung vom 19. Februar 2007 einen sachlich-kritischen Nachbericht, und wiederum im Rahmen einer Tagesveranstaltung wird das Thema von den GRÜNEN und der PDS am 10.März 2007 in der Färberei, Sternnert 8, aufgegriffen. Wie sagte Johannes Rau: „Zwar ist schon alles gesagt, aber es haben noch nicht alle etwas gesagt.“
ULRIKE SCHRADER
